Dem Herold der Finsternis die grüßende Hand - Noch einmal.
Die Bohlen des kleinen Beibootes waren - wie anscheinend alles auf See, was nicht selbst Wasser war - rau und klamm unter ihren nackten Füßen, und auch wenn das Schaukeln der Wellen zusammen mit allem Licht der Sterne in der Dunkelheit versickert war, blieb die Empfindung von Instabilität. Es war nicht das sanfte Drehen ihrer Barke um ihre eigene Achse, die dies beschwor, auch nicht das kaum wahrnehmbare Surren ungezählter, rasender Luftblasen, das eher im Brustkorb zu spüren, als wirklich zu hören war - Ancanagar glaubte vielmehr, dass die harsche Konzentration, der rapide Fluss von Willen und Energie durch fünferlei astrale Foci, über Wochen in den eigenen Geist gebrannt, von ihrer Selbstwahrnehmung zehrte. Sie hatte kaum Kapazität für Reflexion; ein Fehler, und der Ozean würde all sein wütendes Gewicht auf sie werfen. Es war finster und kalt.
Die Augen der Seeleute, der angeheuerten Handwerker, ihrer Mitdiener, der Mitreisenden, mit der sie bisher noch kein Wort gesprochen hatte, und natürlich die ihres weißen Sperbers, ihres Meisters, lagen auf ihr, als sie mit nur einem dünnen Kleid bekleidet auf das nächtliche Meer trieb, fort von den Schiffen der Expedition, hin zu der Stelle, die Geometrie, Triangulation und Augenzeugenberichte dem Einschlag des ersten der rätselhaften Meteore zuordnete. Ihren letzten Besuch der Tiefsee hatte sie völlig entkleidet angetreten, aber damals war sie auch allein gewesen. Hier und Jetzt, Zuschauer. Wichtige Zuschauer. Also wenigstens ein Kleid.
Gesättigt und im Grunde zuversichtlich war sie in das kleine Boot gestiegen, hatte weichen Wellen ihre Bewegung geraubt und sie dem Gefährt geschenkt, so dass sie rasch Entfernung erntete. Es war eine ungewöhnlich ruhige See zu dieser Jahreszeit, ein Stück vor der Insel Moonglow, und es wäre sehr leicht gewesen, sich im wogenden Plätschern und der salzigen Frische zu verlieren, sich den noblen Sternen und ihrer zitternden Spiegelbilder hinzugeben und den Wundern und Schrecken der tiefsten See hinterher zu träumen, die dort unten, so weit jenseits der grün und gelb phosphoreszierenden Wassern der Oberfläche auf sie warteten. Jedoch keine Zeit für Träumerei - Sie musste tatsächlich dorthin, bewusst und wach und voller Macht und Magie. Und diesmal ohne sich auf einen unsterblichen Leib zu verlassen, der den ganzen Ozean mühelos auf den Schultern tragen konnte. Sie war hier, um sich als sterbliche Magierin zu beweisen.
Die Entfernung zu den anderen Schiffen erschien ihr schließlich als ausreichend. Fünf eigenständige Loci von Aufmerksamkeit, stabil und lauernd, umkreisten die astrale Entsprechung der Vampirin, und an dieser Stelle würde sie die erste wahre Probe ihrer langen Übungen erfahren. Zuerst: Bewegung. Ungewohnte Wispersilben: „Kal Vas An Flam Por“, und noch einmal und noch einmal und noch zwei mal. Loci zu Foci, Licht von äonenalten Sternen entzündet in astraler Energie, geschmolzener Wille und eisiges Ich, der Strom der Macht sengte ihr Sein, sie befahl die Flut durch ihr erschaffenes Katarakt und die Wasser begannen sich zu regen.
Zuerst flohen die Wellen von ihrem Boot, dann verstärkten sie sich einige Ruderlängen entfernt und zogen einen weiten Kreis. Rasch sprenkelte weiße Gischt die schwarze Nacht, und die See gebar einen weiten Strudel. Ancanagar stand starr auf ihrem unsteten Halt, den Armstumpf ans stille Herz gepresst, die gesunden Finger den Wellen deutend. Rauschen folgte den Wellen, und ihr graduelles Anpeitschen der See gewann schnell an Gewalt. Der Horizont wuchs in die Höhe, und die untote Magierin sank in eine immer weiter werdende Schale aus tobenden Wasser. Die Reise hinab in die Dunkelheit begann.
Die Aufgabe, einen Arbeitsraum an die zweitausend Schritt unter der Wasseroberfläche zu erschaffen, war nur im ersten Anschein trivial zu lösen. Der Druck war schlichtweg zu gewaltig, um eine einfache Luftblase, ein abweisendes Schild, eine Schwächung des Druckes realistisch für längere Zeit aufrechtzuerhalten. Ihr erster Lösungsansatz, diese drei Methoden zu kombinieren, war ihr zunehmend als unzureichend erschienen, besonders, als ihre Intuition über die wahre Größe des Druckes sich als völlig falsch herausgestellt hatte. Das Bild der Dunkelelfenwache, die dies am eigenen Leib zu spüren bekommen hatte, ging ihr nicht aus dem Kopf. Bei ihrer Suche nach einer anderen Herangehensweise umspielte sie das Konzept von Druck, und war schließlich zur Erkenntnis gekommen, dass Druck letztlich nur eine Beschwörung war: die so beschworene Bewegung stellte dann das eigentliche Problem dar. Also ihre aktuelle Herangehensweise: Sie stahl die Initiative. Stück für Stück trieb sie die Wasser an schneller und schneller und schneller um sie zu kreisen, sie selbst im stillen Herzen des Sturmes, mit dem Gedanken, die so aufgebaute Kinetik irgendwann mit nur wenig weiterem Zutun aufrechtzuerhalten, und so dem Druck den Pfad zu nehmen, sie zu erreichen. Oder zumindest den mörderischen Kollaps ihres kleinen Außenpostens der Oberfläche umzulenken. Ein kleiner Wink, lenkte die beschworene Strömung um und ihre Kugel aus Sicherheit strebte in die Tiefe, auch gegen den Auftrieb.
Es funktionierte, auch wenn sie mittlerweile durch verirrte Gischttropfen völlig durchnässt war. Es war nicht an eine Orientierung zu denken. Sie hatte keinerlei Gefühl, wie lange sie nun schon herabsank, oder wie schnell. Das surrende Wasser schien wie erstarrt, es hatten sich feste, unbewegliche Wellentäler und -berge gebildet, kurioserweise senkrecht zur Fließrichtung. Über ihr hatten sich die Wirbel schon lange geschlossen, und sie tauchte in absoluter Finsternis. Sie nahm den wachsenden Druck indirekt wahr, denn der aufgebaute Strudel verlangte von Augenblick zu Augenblick mehr Überzeugung, nicht stehen zu bleiben. Dennoch, sie konnte sich erlauben, einen Teil der Aufmerksamkeit anderen Dingen zu widmen. Daher: „Des An Flam Grav“, einfach geflüstert, in eine große, hohle Sphäre außerhalb ihres Strudels gegossen. Der Druck zog sich zurück. Ob ihre lebenden, etwaigen Mitreisenden an dieser Stelle bereits einen Luftaustausch vollführen mussten? Ancanagar schmeckte Salz, aber die Luft schien unverändert.
Tiefer und Tiefer. Schwarze Wasser. Der Druck wurde wieder schwerer. Aus einem Focus, der den Strudel antrieb, waren wieder drei geworden. Ermattung. Ein leichtes Hungergefühl. Das Gefühl von Enge. Deswegen: „An An Flam Por Grav“, gemurmelt und über den zweiten Zauber gelegt, die doppelte Verneinung trotz stählerner Grammatik ein mentales Schaudern. Der Druck der tiefen See wurde träge. Wieder zwei freie Foci. Oder nur zwei? Wie tief war sie mittlerweile? Ihre letzte Reise in die Abyss war deutlich interessanter gewesen, Fische und Muscheln und Ungeheuer, Lichter und ein Ding, das mehr Gott als Lebewesen war, und zuletzt der verfluchte Meteor, der ihre rechte Hand geraubt hatte.
Ein weiteres Problem ihres Vorhaben war der hohe Preis, derartige Magie aufrecht zu erhalten. Überhaupt war dies der Grund, weshalb sie auf die lange ungenutzten Worte der Macht zurückgriff; die mentale Enge, die mit diesen formenden Silben kam, erzeugte eine sonst unerreichte Schärfe, auch wenn deren Geschmack ihr immer zuwider gewesen war. Hier und heute also kein Tanz im Sternenlicht, sondern die Sorge um die fragile Balance zwischen dem Füttern ihres magischen Werkes und dem Trinken der nötigen Kraft. Vielleicht hatte sie dies nie wirklich ernsthaft geübt, oder zu wenig Sternenlicht durch sich fluten lassen, denn heute konnte sie diesem Herangehen an die höchste Kunst durchaus etwas abgewinnen. Kein Tanz, nein, aber ein Strom an Dasein, der durch sie hindurchfloss, Eins mit ihr, der Geist beinahe darin aufgelöst.
Hinab, Hinab. Konzentration floss wie träger Honig. Absolute Dunkelheit. Sehnsucht dann, nach dem Karminlicht ihrer letzten Reise in den Abyss. Wer oder was dieses Wesen wohl war? Wohin war es geschwommen? Ihre Lippen spürten noch immer die sandige Berührung dieser göttlichen Finger. Wie groß die Wahrscheinlichkeit, dem Herren der tiefen See noch einmal zu begegnen? Ancanagar fand wenig Hoffnung. Es war ohnehin nicht so, dass sie Gefilde bereiste, die von Hoffnung durchdrungen waren.
Veränderung.
Dieser Teil der See musste seichter als der Einschlagort des zweiten Meteors sein, denn noch bevor sie weitere Worte der Macht gebrauchen musste, war ihre Reise in die Tiefe zu Ende. Schwarzer, weicher Schlick floh unter ihr, bevor sie die Form ihrer Sphäre änderte. Auch danach, unter einem Dom aus schwarzen Wassern, hörte der Untergrund um ihre Barke nicht auf, Blasen zu werfen.
Morast. Nicht wie der Sand am anderen Ort. Etwas war anders.
Die Luft um den Mast mit der dort gebannten Wegesrune erzitterte und ächzte, ein anderer Ort schob sich vor die Realität des Schiffsdecks und auf einmal schlugen viele Kübel Wasser aus klarer Luft herab. Inmitten des Wassers eine Gestalt, bleich in bleichem Kleid, durchnässt und einhändig, diese Hand zur Faust geballt, aus der schwarzer Schlick quillt. Die Vampirin ist nicht glücklich. Ungeachtet ihrer Aufmachung strebt sie sogleich zum höher gelegenen Deck, dunkle, nasse Strähnen in ihrem Gesicht, das durchweichte Kleid kaum noch Wehr für suchende Blicke. Treppen, Raunen, Herzschlag in vielen Farben, und dort der Quell ihrer Faszination.
Der aktuell als Meister erkorene Mann hatte sich Ancanagar zugewandt, ein erwartender Blick, keine Worte, keine Geste und seine ins Fleisch geätzte Überlegenheit zog den Stumpf ihrer Rechten an ihr Herz heran. Oh, wie sie ihn ersehnte. Blut und Fingerspitzen, sein Wissen, seine Macht, seine Worte, sein kaltes Lächeln. Mochte er mit ihr unter den ewigen Sternen wandeln? Mochte er mit ihr die tiefsten Wunder erkunden? Ein Echo ihres eigenen Herzschlages, schon so lange still, hämmerte in toter Erinnerung. Welch fruchtlose Fantasie, wenn ihre Nachricht doch eine des Scheiterns war. Erneut.
„Es ist nichts übrig! Verloren in den Wassern, zersetzt durch die Tiefe, geschmolzen durch die Hitze unserer Lande. Was auch herabfiel, es ist vergangen!“ klagte sie dann vor ihn, ungeachtet der Anwesenden. Sie öffnete ihre Faust, und bot ihre Beute in einer Schale fahler Finger dar. Sternenlicht glänzte auf nassem Schlick, feinster Sand, der dunkel über weiße Haut floss, und herabtropfte. Inert, keine Magie, und selbst ein Primitiver - das Wort fand immer mehr Eingang in Ancanagars Sprachgebrauch - hätte erkannt, wie tot und trostlos die dunklen Tropfen schimmerten.
Der Leichnam ihres Sternes war verschwunden, und der Krater am Meeresgrund war bedeckt von diesem schwarzen Schlamm, und es reute sie, so eine Nachricht an ihren weißen Sperber bringen zu müssen. Sie wagte es, nach seiner Reaktion zu sehen.
Und der hohe Magier schien so, als hätte er eine solche Nachricht erwartet. Keine Regung. Erhaben in der Nacht. Das Nachglühen der Macht, von der die Vampirin durchflossen wurde, erweckte Hunger. Und Durst. Schon wieder. Nicht einmal Enttäuschung in seinen strengen Augen. Nicht einmal ein Lächeln.