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Re: Ein unerwarteter Besuch

Ramires Vasai

Die Nacht lag schwer über Minnersbach, dichter als gewöhnlich, als hätte sie sich selbst entschlossen, näher an die Erde zu rücken. Zwischen den Schatten, dort wo kein Fackelschein hinfiel, regte sich eine Präsenz, die nicht zu den Wachen, nicht zu den Arbeitern und schon gar nicht zu den Lebenden gehörte.

Ramires war längst dort, bevor Jalron die Baustelle überhaupt erreichte.

Er hatte die Unruhe gespürt, noch bevor er den Erznekromanten sah. Nicht als Gedanke, nicht als Wort... sondern als feinen Riss in der Stille, als Schwere in der Luft, die nur jemand wahrnahm, dessen Sinne weit über das Menschliche hinausreichten. Jalrons Schritte trugen die Last seiner Gedanken, und die Nacht selbst schien darauf zu reagieren.

Aus dem Schatten eines unfertigen Mauerbogens löste sich eine Gestalt. Kein Geräusch kündigte ihn an, kein Atemzug verriet seine Anwesenheit. Nur die Dunkelheit schien sich kurz zu verdichten, bevor sie sich wieder glättete.

“Du bist nicht ohne Grund hier.“

Die Stimme war ruhig, tief, ohne Vorwurf... eher eine Feststellung, die Jalrons unausgesprochene Sorge spiegelte. Ramires trat nicht näher, hielt respektvollen Abstand, doch seine Präsenz füllte den Raum zwischen ihnen wie ein unsichtbarer Wall.

“Ich kenne die Gerüchte. Und ich kenne die Blicke, die du fürchtest.“

Sein Blick glitt über die Baustelle, über Gerüste, Steinblöcke, Werkzeuge und über jene Bereiche, in denen sich die Untoten bei Nacht bewegten, verborgen hinter Planen, Schatten und sorgfältig gesetzten Hindernissen.

“Nichts davon wird gesehen. Nicht von denen, die nicht sehen sollen.“

Ein kurzer Moment der Stille. Kein Wind, kein Rascheln. Nur die Gewissheit seiner Worte.

“Ich wache über die Nacht. Und über das, was in ihr arbeitet.“

Er wandte den Blick wieder Jalron zu, ruhig, unerschütterlich.

“Du trägst die Verantwortung für die Lords. Ich trage die Verantwortung für das, was im Dunkeln geschieht. Deine Sorge ist berechtigt und deshalb bin ich hier.“

Dann trat er zurück in die Schatten, so lautlos, als wäre er nie da gewesen. Doch die Präsenz blieb. Wachsam. Nah. Und bereit, jeden Blick, der zu tief in die Nacht dringen wollte, im Keim zu ersticken.

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