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Buddeln und graben

Sheraz de Sol

Die Gilde IX hatte ihren Ruf längst über die Grenzen von Minnersbach hinaus getragen – oder besser: ihren üblen Geruch. Scharlatane nannten sie die einen, Leichenfledderer die anderen. Doch für die Lords of War waren sie unverzichtbar. Ohne die Nekromanten und ihr Heer aus stummen, willenlosen Helfern hätte die Festung niemals in diesem Tempo wachsen können. Jede Nacht, wenn der Mond hoch über den nebelverhangenen Tälern stand, zogen sie aus – schwarzgekleidete Gestalten mit Kapuzen, die wie Raben über die alten Götteräcker Britains huschten.
Sheraz, die neue Anführerin der Gilde, führte sie mit kalter Präzision. Ihre Stimme war scharf wie ein Seziermesser, ihre Augen glühten in einem unnatürlichen Violett, das von jahrelanger Berührung mit verbotener Magie herrührte.
„Jede Gruft“! befahl sie ihren Leuten jedes Mal aufs Neue. „Brecht jedes Siegel. Reißt die Steine heraus. Holt jeden Knochen, jedes verrottete Stück Fleisch. Wir brauchen mehr. Immer mehr.“
Und sie gehorchten.
Rubie, genannt das Sturmauge, war die Jüngste und Neugierigste unter ihnen. Ihr Lachen hallte durch die Friedhöfe – ein helles, irres Kichern, das selbst die Toten zu erschrecken schien. Sie liebte die Frischen: die Leichen der Bauern, der Händler, der jungen Streiter, die erst vor wenigen Monden gefallen waren. Mit einer einzigen Geste, einem Wirbel aus grünem Feuer aus ihren Fingerspitzen, riss sie sie aus der Erde. Kaum berührten ihre Stiefel wieder den Boden, standen sie auf – Augen leer, Münder stumm, bereit um Steine zu schleppen und Mörtel zu mischen.
„Schaut nur, wie flink sie sind!“, rief Rubie und klatschte in die Hände, während ein frisch Erweckter mit schlurfenden Schritten an ihr vorbeizog. „Frisches Fleisch hält länger, bevor es auseinanderfällt. Die Lords werden zufrieden sein!“
Damon hingegen arbeitete anders. Er war stiller und gründlicher in seiner Wahl. Wo Rubie in Massen erweckte, suchte er Qualität. Er kniete vor den alten Grabmälern der Kriegshelden Britains – jener tapferen Streiter, die in den Schlachten gegen die Orks, die Schattenlegionen oder die Skeletthorden gefallen waren. Ihre Rüstungen mochten verrostet sein, ihre Knochen brüchig, doch in ihnen steckte noch immer die Kraft vergangener Tage.
Mit aufwändigen Ritualen – Kerzen aus Menschenfett, Runen aus getrocknetem Blut, gemurmeltem Gesang in toten Sprachen – band er ihre Seelenreste fester an die Knochen. Die Mumien und gepanzerten Skelette die er schuf waren stärker, ausdauernder. Sie hoben Blöcke, die zehn lebende Männer kaum stemmen konnten, und wenn ein Arm abbrach, flickten sie sich selbst mit bloßen Knochenfingern wieder zusammen.
„Die Frischen sind billig“, murmelte Damon einmal zu Sheraz, während er einen uralten Ritter aus dem Grab zog, dessen Helm noch das Wappen der alten Krone trug. „Aber diese hier... diese hier erinnern sich noch daran, wie man kämpft. Und bauen ist nichts anderes als Krieg gegen Steine.“
Die Nächte vergingen. Die Totenäcker Britains wurden leerer und leerer. Grabsteine kippten um, Gräber klafften offen wie Wunden, Siegel zerbrachen unter Hammerschlägen und nekromantischem Machwerk. Bald gab es kaum noch Grüfte zu schänden. Die letzten Mumien wurden aus den tiefsten Katakomben gezerrt, die letzten vergessenen Helden aus ihrem ewigen Schlaf gerissen.
Sheraz stand eines Morgens vor der fast vollendeten Mauer von Minnersbach und blickte auf das wimmelnde Heer hinab. Untote in endlosen Reihen schleppten, hämmerten, mauerten – stumm, unaufhörlich.
„Britain ist leer“ sagte sie leise zu ihren engsten Vertrauten. „Die Gräber schweigen. Kein Stöhnen mehr, kein Knirschen von Knochen unter der Schaufel.“
„Wir gehen weiter, wohin auch immer wir müssen“, entschied sie. „Die Festung wird stehen wie von den Lords befohlen. Und wenn wir dafür die halbe Welt entweihen müssen... dann sei es so.“
In der Ferne, jenseits der nebligen Täler, begann ein neues Flüstern. Die Toten von Trinsic und Cove ahnten noch nichts. Doch bald würden die Schatten der Gilde IX auch über ihre Gräber fallen – schneller, weiter, besser.
Und Minnersbach wuchs weiter. Unaufhörlich.

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