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Re: Ein weiterer Tag neigt sich dem Ende....

Ungosch ni'Dulana

Die Nacht über Minnersbach war schwer und feucht, der Wind trug den Geruch von nassem Stein, alter Friedhofserde und frisch geschlagenem Granitstaub heran. Fackeln säumten die Baustelle außerhalb der alten Stadtmauern – ein unruhiges Meer aus Licht inmitten der Dunkelheit.
Lord Ungosch schritt langsam die provisorische Rampe hinauf, die aus gestapelten Bohlen und festgetrampeltem Lehm bestand. Sein schwarzer Mantel mit den silbernen Wolfsklauen-Spangen flatterte kaum; er bewegte sich zu bedacht, zu kontrolliert. Seine rechte Hand ruhte lässig auf dem Schwertknauf an seiner Seite, als wäre die Waffe nur ein Spazierstock. Doch jeder Zwerg und jeder Nekromant an dem er vorbeiging senkte sofort den Blick.
Vorbei an den still arbeitenden Untoten-Horden.
Sie bewegten sich wie ein Ameisenheer: Skelette in verwesten britischen Stadtmiliz-Uniformen, Zombies mit dem zerfetzten Wappen von Trinsic auf der Brust, sogar ein paar ghoulartige Gestalten, deren Augen in krankem Grün leuchteten. Kein Stöhnen, nicht einmal ein Atmen - nur das dumpfe Gerumpel von Quadern, die von knochigen Fingern auf die nächste Lage gesetzt wurden. Die Nekromanten standen in unregelmäßigen Abständen auf Holzpodesten, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Ihre Finger bewegten sich in winzigen, präzisen Gesten – wie Dirigenten eines Orchesters aus Toten.
Ungosch blieb stehen.
Vor ihm ragte bereits der erste fertige Mauerabschnitt auf – fast fünfzehn Meter hoch, aus präzise behauenen Zwergenquadern. „Bargomar“ rief Ungosch leise, ohne den Blick von der Mauer zu nehmen.
Der Zwergenbaumeister trat aus dem Schatten eines Kran-Gerüsts hervor. Sein Bart war voller Steinstaub, die Augen rot geädert von tagelanger Arbeit ohne Schlaf. Er trug eine schwere Lederschürze, auf der sich bereits ein halbes Dutzend frischer Brandlöcher von umherfliegenden Funken befanden.
„Herr.“ Bargomar schlug die Faust gegen die Brust – ein kurzes, hartes Geräusch.
Ungosch deutete auf das Mauerwerk. „Hält das?“
Bargomar schnaubte leise durch die Nase. „Hält. Die Steine sind sauber gesetzt, Zapfen und Löcher passen auf Fingerbreite. Was die Leichen darüber stapeln…“ Er zuckte die Schultern. „Solange der Nekromant beim Bau nicht stirbt oder wegläuft, hält es. Untote benötigen ständige Kontrolle.“
Ungosch ließ den Blick weiter wandern – zum zweiten Turmstumpf, der bereits drei Stockwerke hoch war. Auch hier arbeiteten die Untoten in fast perfekter Stille, Schicht um Schicht, während zwei menschliche Lehr-Nekromanten mit Kreide Symbole auf die Steine malten, bevor der nächste Block kam. Bindungsrunen. Stabilitätsflüche. Namenlose Siegel, die verhindern sollten, dass die Toten sich je gegen ihren Herrn wandten.
Ein schwacher Windstoß trug den Geruch von Verwesung und Weihrauch heran.
Ungosch nickte langsam.
„Das wird…“ begann er.
Bargomar wartete.
„... keine Festung." fuhr Ungosch fort - und jetzt lag ein kaltes Lächeln in seiner Stimme - „Das wird ein Mahnmal. Wenn die Lords von Britain und Trinsic eines Tages kommen, um Rechenschaft zu fordern für ihre gestohlenen Toten, dann sollen sie genau das sehen: ein von ihren eigenen Ahnen Stockwerk um Stockwerk erbautes Mahnmal!“
Er drehte sich zu dem Zwerg um. Die Fackeln spiegelten sich in seinen Augen wie kleine gelbe Dolche.
Bargomar schwieg einen Moment. Dann grinste er – ein breites, zufriedenes Grinsen, das man nur bei Zwergen sieht, die wissen, dass sie an etwas arbeiten, das Generationen überdauern wird.
„Dann lasst uns weitermachen, Herr. Die nächste Lage wartet. Und die Toten… die haben heute Nacht noch Ausdauer für drei.“
Ungosch legte dem Baumeister kurz die Hand auf die Schulter – eine seltene Geste.
„Fünf“, korrigierte er leise. „Heute Nacht schaffen wir fünf Lagen. Ich will, dass der Schatten dieses Turms schon bei Sonnenaufgang bis an die alten Stadtmauern reicht.“
Er wandte sich ab, schritt weiter die Rampe hinauf, die Hand locker am Knauf seines Schwertes.
Hinter ihm setzten die Untoten den nächsten Quader mit einem dumpfen, endgültigen Schlag.
Und Minnersbach schlief.

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