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Eine Depesche an Lord Ramires

Callandra ni'Dulana

Die Kerzen in der Schreibstube der Burg ni'Dulana flackerten unruhig, als ob selbst das Licht spürte, dass hier etwas Bedeutsames geschah. Die Tagwandlerin saß aufrecht an dem schweren Eichen-Schreibtisch, dessen Platte von Jahrzehnten voller Tinte und Blut gezeichnet war. Vor ihr lag ein Bogen feinstes Pergament aus den Häuten von Ettinkindern, daneben die Rabenfeder - noch feucht von frischer Tinte aus zerstoßenem Nachtschatten und Drachenblut. Callandra tauchte die Feder ein, hielt einen Moment inne und begann zu schreiben. Ihre Handschrift war präzise, fast militärisch – keine Schnörkel, keine Verschwendung.

Lord Ramires,
die Mauern wachsen schneller, als selbst die optimistischsten unter uns es erwartet hatten.
Außerhalb der alten Mauern von Minnersbach entsteht nun bereits der dritte Turm – Stein auf Stein. Die Zwerge unter Bargomar haben tagsüber mit ihrer üblichen stoischen Präzision gearbeitet; die Quader sitzen so eng, dass kein Windhauch hindurchdringt. Bei Nacht übernehmen die anderen ihren Dienst.
Wir haben mehr Untote als ursprünglich geplant. Viel mehr.
Die letzten Raubzüge nach Britain und Trinsic brachten nicht nur Knochen und Leichen – sie brachten Qualität. Veteranen der alten Kriege, Ritter in zerfallenen Platten, sogar ein paar Magier, auf deren verblichenen Roben noch immer uralte Runen schwach leuchten. Die Nekromanten sagen, die Bindungen halten besser als bei frischen Toten; der Wille dieser Krieger ist so tief in ihren Knochen verankert, dass er sich leicht in Gehorsam ummünzen lässt. Gestern Nacht allein haben sie fünf Lagen des Nordturms in weniger als sieben Stunden hochgezogen. Kein Stocken der Arbeit, kein Zögern. Nur Stille und das dumpfe Schlagen von Marmor auf Marmor.
Ungosch selbst war gestern Abend hier. Er hat die Nahtstellen begutachtet, mit dem Schwertknauf gegen die Fugen geschlagen und genickt – jenes Nicken, das mehr wert ist als jedes Lob. Er sprach von einem „Mahnmal“. Ich glaube, er meint es wörtlich. Wenn die Truppen Britains eines Tages vor unseren Toren stehen, werden sie in den Mauern die Gesichtern ihrer eigenen Ahnen sehen.
Es wird alles so, wie es geplant war.
Wenn nicht sogar schneller.
Die Vorräte an Reagenzien und Bindungsrunen reichen noch für mindestens zwei Monde. Die Mitglieder der Stadtwache halten die neugierigen Bauern und Händler fern; niemand wagt sich näher an die Baustelle. Die Gerüchte in Minnersbach wachsen bereits – man flüstert von einer immerwährenden Baustelle die aus dem Nichts wächst und von Lichtern dort, die nie erlöschen
Ich bleibe wachsam und beobachte.
Sobald der vierte Turm steht und die innere Zitadelle bezugsfertig ist, melde ich mich erneut. Bis dahin: Mögen unsere Tage lang und erfolgreich bleiben.
In Gehorsam und Treue,
Callandra ni’Dulana
Oberste Bauaufsicht der Neuen Feste, Minnersbach.

Sie setzte den letzten Punkt mit einem leichten Kratzen der Feder, streute feinen Sand über die Tinte und blies ihn vorsichtig fort. Dann rollte sie das Pergament, versiegelte es und drückte das Siegel der ni'Dulanas hinein: der Umriss eines stilisierten Wolfskopfes.
Callandra erhob sich, trat ans schmale Fenster der Schreibstube und blickte in die Nacht hinaus. „Schneller“, murmelte sie. „Noch schneller.“
Dann wandte sie sich ab, nahm den versiegelten Brief und ging zur Tür. Draußen wartete bereits einer ihrer geflügelten Boten, der stumm den Kopf neigte.
Der Brief würde Lord Ramires vor dem Morgengrauen erreichen.
Und die Festung würde weiter wachsen.
Turm um Turm.
Ebenso wie das Heer der Untoten.

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