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Re: Eine Depesche an Lord Ramires

Ungosch ni`Dulana

Die Spätnachmittagssonne tauchte die Baustelle der Gildenfestung in goldenes Licht. Hohe Steinmauern ragten bereits stolz empor, verstärkt durch die unverkennbar zwergische Präzision: perfekte Fugen, runenverzierte Stützpfeiler und massive Torbögen, die selbst einem Drachen trotzen würden.
Ungosch, der hochgewachsene Tagwandler mit dem nachtschwarzen Umhang, stand auf einem der halbfertigen Wehrgänge und ließ den Blick zufrieden über die Anlage schweifen. Türme, Hallen, Schmiede und Lagerräume – alles nahm langsam die Form an, die er sich erträumt hatte.
„Es läuft genau, wie es sollte...“, murmelte er leise vor sich hin, ein seltenes, zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen.
Ein kräftiger Stoß in die Seite riss ihn aus seinen Gedanken. Neben ihm stand Bargomar, der stämmige Zwergenbaumeister, mit rußgeschwärztem Bart und einem Grinsen, das seine Goldzähne blitzen ließ.
„Auch nen ‚Kurzen‘, Meister Ungosch?“
Der Zwerg hielt ihm ein kleines, reich verziertes Schnapsglas hin – gerade groß genug für einen menschlichen Schluck, aber für einen Zwerg schon fast ein Becher. Das Wortspiel mit „Kurzen“ entlockte Ungosch ein leises Lachen.
Er nahm das Glas entgegen, prostete Bargomar zu und kippte den scharfen, nach Kräutern und Feuerstein schmeckenden Zwergenschnaps hinunter.
„Fast fertig, fast fertig“, brummte Bargomar und wischte sich mit dem Ärmel über den Mund. „Hat uns nur ein Zwergenbein gekostet. Resnagor hat nicht aufgepasst und sich am Fuss des Lastenaufzugs einen ganzen Granitblock auf die Haxen geholt. Der dumme Kerl.“
Ungosch nickte. „Ich hab’s gehört. Wie geht’s ihm?“
„Ach, der klagt nicht. Im Gegenteil!“ Bargomar lachte dröhnend. „Er hat jetzt ein feines Ersatzbein aus Elfenbein bekommen – leicht wie eine Feder und stärker als manches Eisen. Er zeigt es stolz herum und schmückt die Geschichte jedes Mal mehr aus. Mittlerweile war’s schon fast ein Riesenfelsbrocken und ein angreifender Troll dabei.“
Beide schwiegen einen Moment, während unten auf dem Hof Hämmer erklangen und das Rufen der Arbeiter durch die Luft hallte.
Dann wurde Bargomars Stimme ernster. Er schaute zu Ungosch auf, die buschigen Brauen zusammengezogen.
„Aber sagt, Herr Ungosch… wenn wir hier fertig sind mit dem Bau – glaubt Ihr, ich könnte als Schmied und Steinmetz bei den Lordschaften einen Antrag auf Aufnahme stellen? In die Gilde, meine ich. Richtig. Nicht nur als Baumeister auf Zeit.“
Ungosch schaute auf den Zwerg an seiner Seite herab. Bargomar war klein von Statur, doch seine Schultern waren breit wie ein Amboss und in seinen Augen brannte der Stolz eines Handwerkers, der sein Leben der Kunst des Steins und des Feuers verschrieben hatte.
Ungosch legte eine Hand auf die Schulter des Zwerges – eine Geste, die unter Menschen freundschaftlich wirkte, bei einem Zwerg jedoch fast väterlich anmutete.
„Ich werde sehen, was ich tun kann, Bargomar. Du und deine Leute habt hervorragende Arbeit geleistet. Die Festung wird nicht nur stark sein, sondern auch schön – und das verdanken wir nicht zuletzt den Zwergen. Ich spreche mit dem Rat der Gildenherren. Ein guter Steinmetz und Schmied wie du sollte nicht nur auf Baustellen, sondern auch in den Hallen der Macht willkommen sein.“
Bargomar nickte langsam, sichtlich bewegt. Ein kurzes, zufriedenes Brummen kam aus seiner Brust.
„Dann ist gut. Dann trinken wir noch einen Kurzen – auf die fertige Festung… und auf neue Wege für alte Zwerge.“
Ungosch lächelte und hielt ihm das leere Glas hin.
„Auf die Gildenfestung. Und auf jene, die sie bauen.“
Während die beiden auf den Wehrgang blickten, wo bereits die ersten Banner der Lords im Wind flatterten, ahnten sie beide: Mit diesem Bau war nicht nur eine Festung entstanden, sondern vielleicht der Grundstein für etwas Größeres.

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