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Ist eine Gruft nur eine Gruft?

Rubie

Rubie war nie nur eine Nekromantin. Während die anderen sich auf das Erwecken konzentrierten – Sheraz mit ihrer kalten Effizienz, Damon mit seiner pedantischen Präzision – sah Rubie in jeder Gruft mehr als nur Knochen und verwesendes Fleisch. Für sie war jede aufgebrochene Grabkammer ein Schatzsuchertraum, ein Labyrinth aus vergessenen Geheimnissen, die nur darauf warteten, entdeckt zu werden.
Kaum hatte sie einen frischen Leichnam oder ein altes Skelett zum Leben erweckt, drehte sie sich um und begann die eigentliche Arbeit – ihre Arbeit. Ihre schlanken Finger glitten über zerbrochene Sarkophage, rissen verblichene Tücher beiseite, tasteten in modrigen Ecken. „Bleibt schön stehen, meine Lieblinge“, murmelte sie den frisch Erweckten zu, die stumm in Reih und Glied warteten. „Mama muss erst mal kucken, was Euch so alles mitgegeben wurde.“
In einer Nacht, tief unter den alten Katakomben von Britain, fand sie es: einen schmalen, mit Runen gravierten Dolch, halb unter einem zerfallenen Schild verborgen. Die Klinge summte leise, als Rubie sie herauszog – ein Hauch von alter Magie, vielleicht sogar aus der Zeit der Skelettkriege. Sie kicherte leise. „Ohhh, schaut mal, was Ihr hübsches für mich dagelassen habt!“ Sie musterte die Waffe staunend im flackernden Schein der Fackel. „Das bekommen die Lords nicht - das gehört mir, nur mir ganz allein!“
Ein anderes Mal, in einer vergessenen Adelsgruft, stieß sie auf eine kleine, versiegelte Truhe. Das Schloss war mit einem uralten Schutzzauber belegt. Rubie sah sich suchend um und fand einen alten Streithammer, dessen Griff sie einem wartenden Zombie in die faulige Hand drückte. „Mach mal, Großer. Schlag schön fest zu.“ Der Zombie gehorchte – und zertrümmerte die morsche Kiste mit einem einzigen Hieb. Rubie klatschte begeistert in die Hände, als goldene Münzen, ein paar Edelsteine und ein zerbrechliches Amulett zum Vorschein kamen. Das Amulett pulsierte schwach, als hätte es noch einen Rest Seele in sich gefangen. Perfekt für spätere Experimente.
„Seht ihr? Die Toten horten besser als die Lebenden“, rief sie in die Dunkelheit. „Und ich bin die Einzige, die weiß, wie und wo man es findet!“
Manchmal fand sie Dinge, die selbst Sheraz zum Stirnrunzeln brachten: ein zerfleddertes Zauberbuch mit Seiten aus Menschenhaut, ein Ring, der beim Berühren leise flüsterte, eine Phiole mit einer schimmernden, silbrigen Flüssigkeit, die vielleicht einmal ein Elixier der Unsterblichkeit gewesen war. Rubie steckte alles ein – glitzernd oder uralt, wertvoll oder Tand. Die Gilde IX half den Lords beim Festungsbau, ja. Aber Rubie baute nebenbei ihr eigenes kleines Imperium aus gestohlenen - nein, gefundenen - Relikten.
Eines Abends, als der Mond hoch über Minnersbach stand, kehrte sie mit einem besonders zufriedenen Gesichtsausdruck zurück. Über der Schulter trug sie eine uralte, mit Runen besetzte Streitaxt, die sie einem gepanzerten Skelett abgenommen hatte, das Damon gerade erst erweckt hatte. Die Axt glühte schwach, als hätte sie einst gegen Dämonen gekämpft und deren Fluch aufgenommen. Sheraz hob eine Augenbraue. „Wieder auf Beutezug, Sturmauge?“ Rubie zuckte die Schultern, unschuldig wie ein Kind. „Hab ich gefunden, da unten irgendwo, ist jetzt meins.“ Sie schwang die Axt von Ihrer Schulter und ließ sie auf den Boden poltern, wo sich diese sogleich in ihre rostigen Bestandteile auflöste.
Damon schnaubte aufgeregt. „Das war ein kostbares Artefakt aus lange vergangener Zeit.“
„Und jetzt isses kaputt“, erwiderte Rubie fröhlich und verfiel in ihr leises irres Lachen, das durch die Baustelle hallte, während hinter ihr die Untoten weiter schufteten – stumm, unaufhörlich, blind für den Raubzug, der jede Nacht neben ihrem eigenen Erwachen stattfand.
Rubie plünderte die Grüfte nicht nur nach Gold oder Magie. Sie plünderte sie nach Möglichkeiten. Und mit jedem Stück, das sie fand, wuchs nicht nur die Festung von Minnersbach... sondern auch der Schatten, den sie selbst warf.
Bald würden Trinsic und Cove dran glauben müssen. Und Rubie konnte es kaum erwarten, was die heiligen Gräber der Paladine so alles horteten.

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