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Re: Gemeinsam

Nefatina

Die Tage tief in den Tiefen des Waldes, waren ein Labyrinth aus Instinkten, ein stilles summen in Nefatinas Kopf. Für sie war die schlichte Leben auf vier Pfoten eine Flucht vor der Realität. Das gemeinsame hetzen durch das Unterholz und das teilen der Beute, aber auch das gegenseitige Wärmen in den kältesten Stunden vor der Dämmerung. Der Moos, der Gras, das Laub, war für die kein normaler Waldboden mehr; Es war ein pulsierende Lebender Körper und jeder ihrer Schritte formte neue Welte die sie durchwanderte.

Sie blieb nun permanent in ihrer Wolfsgestalt, den das dicke Fell war ihre Rüstung gegen den inneren Schmerz. Die Welt der Elfen, der aufrechte Gang und die Last der Sprache verblassten. Das einfache “Sein” in der Wolfsform war ihre Form der Flucht, ein Zustand in dem jeder Herzschlag ein Widerstand gegen die Realität war.

Nefatina spürte, wie der feuchte Waldboden unter ihrem Körper langsam zu ein flüssigen Spiegel wurde. Die Grenzen zwischen Wald und Traum begannen zu schmelzen, als würde man die Realität durch den Spiegel, eines ruhigen Sees in einer Vollmondnacht betrachten.

In diesem Traum, war die Stille nicht leer, sie war gefüllt mit Emotionen und ein leises Lied, dass so klang als würde der Wald sie selbst singen.

Die Bäume um sie herum verwandelten sich in eine ein Szene aus lebendigem Holz, die ihre Äste, wie Spinnenbeine den Himmel entgegenstreckend. Das Mondlicht sickerte nicht mehr nur durch die Kronen der Bäume; es pulsierte in silbernen Echos durch die Luft. Ein Kaleidoskop aus uralten Pfaden, die sich vor ihren Pfoten ausbreiteten. In den tiefen Furchen der Rinde glühten vergessene Gedanken auf, während Fetzen ihrer eigenen Emotionalsten Momente durch die Szenerie zuckten: das alte Rudel, das warme Gefühl von Zugehörigkeit, das nun wie Laub im Herbstwind an ihr vorbeizog.

Nefatina folgte dem Pfad, bis sie vor einem kleinen See stand, der wie aus dem Nichts zwischen den verzerrten Bäumen aufgetaucht war.

Das Wasser war vollkommen reglos und absolut Still, eine Fläche aus schwarzem Glas, in der sich das Licht der Sterne so klar fing, als wäre der Himmel selbst in die Tiefe gestürzt, eine Welt ohne Boden, in der oben und unten keine Bedeutung mehr hatten. Der Mond schien nicht nur auf das Wasser zu scheinen; es wirkte, als wäre er direkt in den See geflossen und hätte ihn mit flüssigem Licht gefüllt.

In ihrer Wolfsform trat sie vorsichtig an den Rand dieses absoluten Spiegels mitten im Wald. Sie war aufgeregt und ihr Atem bildete kleine Wolken in der kalten Luft der Vision, doch die Oberfläche des Sees blieb glatt wie geschliffener Obsidian. Sie blickte hinab in die Tiefe. Dort sah sie sich – das struppige, dunkle Fell, die kräftigen Schultern des Wolfes und die glühenden, violetten Augen, die sie wie zwei gefallende Sterne aus dem Wasser starrten.

Während sie ihr eigenes Spiegelbild, begannen die Züge zu verschwimmen. Das wilde Maske des Wolfes floss auseinander, die Schnauze verkürzte sich, und die harten Konturen des Raubtiers wichen der schmalen, eleganten Gesicht einer Dunkelelfe.

Mit einem Mal kippte die Welt. Es war ein Schwindel erregender Ruck, als würde der See sich selbst verzehren. Nefatina stand nicht länger am Ufer und blickte hinab; sie war nun die Elfe im Wasser. Sie schaute aus der Tiefe des flüssigen Mondlichts nach oben, an die Oberfläche. Von dort unten, aus der Geborgenheit des Silbers heraus, betrachtete sie das Spiegelbild der Bestie, die nun über ihr am Rand des Sees stand und sie anstarrte.

Es war eine vollkommende Umkehrung ihrer Existenz: Die Dunkelelfe, die sie eigentlich war, blickte nun hinauf, herunter ? - Zu dem Wolf, der ihre Realität geworden war. In diesem Moment gab es keine Trennung mehr zwischen dem animalischen und der Elfe. Die lila Augen der Elfe verschmolzen mit dem Blick des Wolfes, und sie begriff, dass es kein Spiegelbild war, sondern eine Wahrheit, die sie nicht länger verleugnen konnte. Sie war beides – und doch keines von beidem ganz.

Nefatina beugte sich tiefer, sie wollte diesen Wolf, diese wilde animalische Gestalt im Wasser, nicht nur betrachten, sie den Wolf berühren. Ihr Gesicht näherte sich der Oberfläche,der Wolf tat es ihr in unendlicher Langsamkeit gleich, bis die Nasenspitze der Elfe beinahe die feuchte Schnauze ihrer eigenen Wolfsgestalt berührte.

Doch in dem Moment, als ihre Lippen das kühle Silber des Sees fast berührten, geschah es…

Der Spiegel brach in sich zusammen. Es gab kein sanftes knacken, als würde Eis brechen, keine Wellen, die gesamte Welt des Sees zersplitterte als würde Glas am Boden zerschellen. Das Kaleidoskop der Pfade und die Bäume aus lebendigem Holz um sie herum, lösten sich in Millionen scharfkantiger Fraktale auf. Die Realität des Traums stürzte in sich zusammen, wurde zu Splittern aus Licht und Schatten, die sich wie Splitter in ihren Verstand schnitten.

Gleichzeitig durchschnitt ein schrecklicher, greller Ton die Stille. Es klang, als hätte jemand die Saite einer Violine mit solcher Gewalt bespielt, dass sie zerfetzt war in einem grausamer, stechenden Klang, der die Harmonie der Vision mit einem Schlag vernichtete.

Es war ein Signal, ein Alarm, der die Harmonie des Traums in Stücke riss.

Ein Wimpernschlag, bevor die Dunkelheit sie vollkommen verschlang und sie brutal zurück in die Wachwelt zurückschleuderte, hallten Worte durch den zerberstenden Traum, so nah, als stünde jemand neben ihr:

„Wach auf, meine Tochter... du bist nicht mehr allein.“

Die Stimme war sanft, doch unterlegt mit einer bedrohlichen Schärfe. Nefatina riss die Augen auf. Das Licht aus der Vision war verschwunden, ersetzt durch das kalte, matte Grau des anbrechenden Morgens und den harten Geruch von feuchter Erde. Der Wolf an ihrer Seite war bereits wach, die Ohren flach an den Kopf gepresst.

Etwas war im Wald. Etwas, das nicht hierher gehörte.

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