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Die Rückkehr einer Klinge

Jhea'kryna Ky'Alur

Die Ilharess blieb noch einen Moment stehen, nachdem Sorn gesprochen und er ihren Auftrag angenommen hatte. Ihr Blick ruhte weiter auf der Gestalt, die dort vor ihr stand – zu klein, zu weich, zu… falsch. Und doch lag unter dieser Hülle etwas, das ihr vertraut war. Etwas, das sich nicht einfach verbergen ließ, ganz gleich, in welchen Körper es gezwungen worden war. Ein leises, kaum merkliches Schmunzeln huschte über ihre Lippen, während sie den Stab locker in ihrer Hand drehte.

„Ein interessantes Spiel…“, murmelte sie leise, mehr zu sich selbst als zu den Anwesenden. Ihre roten Augen musterten die Frau erneut, langsamer diesmal, prüfender. Die Antworten hatten gesessen. Namen, Details, Erinnerungen – nichts davon war erraten gewesen. Und doch blieb ein Rest. Ein Zweifel, der nicht aus Misstrauen geboren war, sondern aus Gewohnheit.

Sie trat einen Schritt näher, bis ihre Stiefelspitze beinahe den Schatten der anderen berührte. „Wenn du wirklich meine Veldriss bist…“, begann sie ruhig, die Stimme weich und beinahe nachdenklich, „…dann hat Lloth dich nicht ohne Grund zurückgeführt.“ Ihr Blick hob sich minimal, als würde sie für einen kurzen Moment über die Wände hinausdenken, hinaus in die Dunkelheit, die weit über Elashinn hinausreichte. Die Oberfläche. Das Licht. Die Lügen derer, die sich für unantastbar hielten.

Langsam zog sie die Schultern zurück und nahm wieder jene Haltung ein, die keinen Widerspruch duldete. In ihrem Inneren formte sich ein klares Bild dessen, was vor ihr gestanden hatte – und dessen, was daraus noch werden konnte. Xurina war nie wertlos gewesen. Präzise, lautlos, verlässlich in der Ausführung dessen, was ihr aufgetragen wurde - und überdies, fanatisch loyal. Eine Klinge, die nicht zögerte. Die Erinnerung an Khazi’dea ließ ein kaum merkliches Aufblitzen in ihren Augen zurück, ein stilles Echo jener Genugtuung, die in den tiefen des Sees unter dem Qu’ellar versunken war.

Als sie später in ihrem Thronsaal stand, den Blick leicht gesenkt und die Hand locker auf die Lehne eines der Stühle des Rates gelegt, ordneten sich ihre Gedanken mit der gewohnten Klarheit. Die Oberfläche war kein fernes Ziel mehr. Wälder, die sich in falscher Sicherheit wiegten. Menschen, die sich hinter Mauern versteckten, als könnten diese sie schützen. Und Figuren von Bedeutung, deren Fall weit mehr bewirken konnte als jede offene Schlacht.

Xurina hatte diese Welt nun gesehen, sie durchschritten, sie gespürt. Selbst in dieser entstellten Form hatte sie sich behauptet, hatte ihren Weg zurückgefunden. Das sprach für Stärke – oder zumindest für einen Willen, der sich nicht so leicht brechen ließ. Genau dieser Wille war es, den Jhea’kryna brauchte. Eine Hand, die wusste, wann sie zuschlagen musste.

Die Zweifel blieben. Sie waren leise, fast beiläufig, doch sie verschwanden nicht. Zu vieles konnte vorgetäuscht werden, zu vieles hatte sie bereits gesehen. Vertrauen war kein Zustand, sondern ein Prozess – und dieser war noch lange nicht abgeschlossen. Doch selbst ein mögliches Trugbild konnte genutzt werden, solange es sich lenken ließ. Und wenn es brach, dann würde es zumindest nicht ohne Nutzen zerbrechen.

Ihre Gedanken wanderten weiter, griffen nach größeren Zusammenhängen. Die Oberfläche bot nicht nur einzelne Ziele, sondern ein Geflecht aus Einfluss, Macht und Schwäche. Eine Königin in Britain, ein alter Elf in Yew, ein Ratsherr von Ocllo, waren weit mehr als nur Leben – sie waren ein Symbole. Ihr Fall würde Wellen schlagen, Unruhe säen, vielleicht sogar Furcht. Und Furcht war ein Anfang. Immer.

Ein kaum sichtbares Lächeln legte sich auf ihre Lippen, während sie den Blick hob und in die Dunkelheit ihres Saales sah. Xurina war zurückgekehrt – verändert, beschädigt, aber nicht gebrochen. Und Sorn würde das seinige tun diesen Makel zu korrigieren.

Alles Weitere würde sich zeigen.

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