Online: 2

Angelockt vom nahenden Tod

Xundra Lex

Langsam strich Xundra durch den Wald. Normalerweise mied er die Nähe größerer Städte. Dieses Mal jedoch kam er Minoc näher, als er es sonst tat. Er wusste, dass es an einer bestimmten Stelle zahlreiche der Kräuter gab, die er für seine Experimente in der Alchemie – und darüber hinaus – benötigte.

Er wollte gerade nach einer kleinen Staudenpflanze greifen, als er zusammenzuckte. Seine Hand schloss sich blitzschnell und zog sich wieder an den hageren, fast schon knochigen Körper zurück. Für einen Moment verharrte er, vollkommen reglos, als wäre selbst sein Atem Teil des Waldes geworden. Langsam drehte sich sein Kopf. Seine Augen, tief in den ausgemergelten Höhlen liegend, und seine leicht abstehenden Ohren tasteten die Umgebung ab, wie die einer Fledermaus. Ein weiteres grollendes Brüllen drang aus der Stadt. Er schloss die Augen – nicht nur, um zu hören, sondern um zu spüren, was sich jenseits des Sichtbaren regte.

Er hörte Klingen, die aneinander schlugen, Holz, das zerbarst, und das Geschrei von Gardisten. Doch da war noch etwas anderes. Ein kaum greifbares Echo. Ein Nachhall von Leben, das erlosch – und etwas, das sich daran klammerte. Zu viele auf einmal, dachte er. Der Schleier ist hier dünn geworden.

Es schien keine unmittelbare Bedrohung um ihn herum zu geben, da die Geräusche seiner Einschätzung nach aus dem Zentrum der Stadt kamen mussten. Dennoch spannte sich sein Körper an, während er sich wachsam durch das Unterholz gen Stadttor bewegte. Er wusste nicht genau, warum – aber etwas zog ihn dorthin. Etwas Vertrautes. Etwas, das nach ihm rief. Sterben hinterlässt Spuren, ging es ihm durch den Kopf. Man muss nur lernen, sie zu lesen.

Als er das Stadttor erreichte, lauschte er erneut, doch nun lag eine unnatürliche Stille über allem. Selbst die Vögel hatten ihren Gesang eingestellt. Die Luft wirkte schwer, als hielte sie den Atem an. Irgendetwas zog Xundra in die Stadt, ohne dass er sich bewusst dafür entschieden hatte. Es trug ihn einfach gen Zentrum. Und er hatte gelernt, solchen Regungen zu vertrauen.

Langsam setzte er seinen Weg fort. Seine Bewegungen waren ruhig, beinahe lautlos. Augen und Ohren arbeiteten unaufhörlich, doch auch ein anderes Gespür begann in ihm zu erwachen – eines, das nicht auf Licht oder Klang angewiesen war. Als er um die Ecke des Hauses beim Bogner blickte, beschleunigte sich sein Puls leicht. Seine Augen verengten sich, und sein Körper spannte sich, bereit, sofort zu reagieren. Ein leises Murmeln entwich ihm – kaum hörbar, doch genug, um ihn für fremde Blicke verschwimmen zu lassen.

Eine Dunkelelfe huschte aus dem Geschehen heraus und glitt an ihm vorbei nach Süden. Schnell. Lautlos. Flüchtig wie ein Schatten. Erst als er sicher war, dass sie verschwunden war, wagte er einen weiteren Blick.

Auf dem Bankplatz lagen die Körper.

Unholde. Trolle. Ettins.

Leblos.

Sein Blick zuckte. Für einen Moment ruhte er nicht nur auf dem, was war, sondern auf dem, was geblieben war. Ein schwacher Rest. Ein Flackern. Nicht fort, dachte er kühl. Nur anders gebunden.

Dann nahm er Bewegung wahr.

Ein massiger, muskulöser Körper schob sich am Wegesrand am Schneider vorbei. Xundras Augen folgten der Gestalt, während seine Ohren weiterhin die Umgebung prüften. Der Barbar trat hervor, ging hinüber zur Wirtin, verharrte dort einen Moment und wandte sich dann mit einem Lächeln ab. Mit der Axt über der Schulter zog er davon.

Xundra wartete.

Erst als er sicher war, dass die Luft rein war, trat er aus der Deckung und bewegte sich – weiterhin von seiner inneren Intuition geleitet – zu den verstreuten Tischen und Bänken. Dann sah er ihn. Am Boden lag ein verletzter, von Blut durchtränkter Körper. Er blieb stehen. Einen Moment lang betrachtete er ihn. Regungslos. Prüfend.

Sollte er es dem Rohklotz gleichtun – oder eingreifen? Die Entscheidung lag für einen Augenblick im Gleichgewicht.

Dann zuckten die Finger des Liegenden. Kaum sichtbar. Und ein leises, brüchiges Stöhnen entwich ihm. Xundras Blick veränderte sich. Etwas in ihm regte sich. Kein Mitleid, wie es andere empfanden. Eher ein Interesse. Eine Regung, die zwischen Neugier und etwas Dunklerem lag. Noch warm, stellte er fest. Noch nicht verloren.

Er kannte den Mann nicht. Und doch konnte er ihn nicht einfach liegen lassen. Noch nicht. Es war nicht klar, wie viel Zeit blieb. Also entschied er sich. Er trat näher, kniete sich hin und holte ein Bündel aus seiner Tasche. Getrocknete Kräuter, durchzogen von einem beißenden, erdigen Geruch. Vorsichtig öffnete er den Mund des Verletzten und schob ihm etwas davon hinein. „Ich werde dir helfen … Versuche, das zu kauen. Es wird dich erst einmal fortschicken und deine Schmerzen lindern …“, sagte er leise.

Dann hielt er inne. Seine Lippen bewegten sich erneut. Leise Worte. Nur leihen, dachte er. Nicht nehmen. Die Luft um ihn herum schien für einen Moment schwerer zu werden. Als er sich erhob, wirkte sein Körper unverändert – und doch lag eine fremde Kraft in seinen Bewegungen. Mühelos hob er den Verletzten an, als würde dessen Gewicht kaum eine Rolle spielen, legte ihn sich über die Schultern und wandte sich ab. Ohne Hast. Aber zielgerichtet.

Und während er den Ort verließ, blieb hinter ihm nur Stille zurück – und etwas, das noch lange nicht ganz verschwunden war.

Beiträge in diesem Thread