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Re: Re: Das Rathaus von Minoc[Weg zum S5]

Nogrin

Der Abend hatte eigentlich ruhig anfangen sollen.
Nogrin saß mit seinem Krug am Rand der Theke bei Tatjana, den Blick irgendwo zwischen Tischplatte und
Schankraum verloren. Das Bier war kalt genug, um die Kehle zu beruhigen, aber nicht stark genug, um den
Ärger aus seinem Kopf zu treiben. Seit Tagen hatte er an den Krumsäbeln gearbeitet. Stunden an der Esse,
verbrannte Finger, kaum Schlaf — und jetzt wollte der Kunde plötzlich weniger zahlen. Wieder einmal.
Er nahm einen langen Schluck und schnaubte leise durch den Bart.
Am Nebentisch redeten Endos und Mahlik bereits laut durcheinander. Erst hörte Nogrin kaum hin. Irgendwas
über die Stadtwachen. Über Trolle am Marktplatz. Über irgendwelche Beamten, die von ehrlicher Arbeit keine
Ahnung hatten. Das übliche Gemecker eben.
Doch je länger die beiden redeten, desto mehr Aufmerksamkeit schenkte er ihnen.
Endos erzählte von Ettins mitten in der Stadt. Von Orks. Von einem Holzfäller, der beinahe direkt am Markt
erschlagen worden sein sollte. Mahlik schimpfte währenddessen über den Bürgermeister und die Verwaltung,
als hätte er persönlich Krieg mit ihnen geführt.
Nogrin musste grinsen.
Betrunkene Schmiede und Handwerker waren überall gleich.
Er hob kurz den Krug.
„Einfach mal die Sorgen runterspülen.“
Mehr sagte er zunächst nicht.
Erst als Mahlik plötzlich einen Dolch auf den Tisch legte, wurde Nogrin wirklich aufmerksam. Die Klinge war
sauber gearbeitet. Gute Linie. Ordentliche Schmiedearbeit. Nichts Besonderes vielleicht — aber ehrlich
gemacht.
„Ein schönes Exemplar“, meinte Nogrin und nickte anerkennend.
Mahlik erzählte, dass er hunderte solcher Dolche geschmiedet hatte. Und trotzdem klang es nicht stolz. Eher
müde. Als wäre jede neue Klinge nur noch dieselbe Arbeit in anderem Stahl.
Nogrin verstand genau, was er meinte.
Irgendwann wird jede Waffe einfach nur noch Eisen.
Die Gespräche wurden lauter, das Bier floss schneller, und plötzlich ging es nicht mehr nur um Monster oder
unfähige Wachen. Irgendjemand erwähnte das niedergebrannte Rathaus.
Erst dachte Nogrin, das wäre nur Gerede.
Bis sie später gemeinsam vor der Ruine standen.
Der Geruch von verbranntem Holz hing noch immer in der Luft. Einige Balken glommen sogar noch schwach
vor sich hin. Überall lagen Steine, Schutt und schwarze Holzbretter verstreut. Vom Rathaus war kaum mehr
etwas übrig.
Nogrin stemmte die Hände in die Hüften und ließ den Blick langsam darüber wandern.
„Puh… Schutt. Nichts als Schutt.“
Neben ihm redete Mahlik schon davon, alles abzureißen und neu zu bauen. Endos deutete irgendwo auf
einen Hügel und philosophierte bereits darüber, wo ein neues Rathaus stehen könnte. Dazwischen fielen
wieder Witze über goldene Bürgermeisterstatuen und unfähige Beamte.
Nogrin hörte nur halb zu.
Etwas an dem Anblick hatte sich in seinem Kopf festgesetzt.
Denn zum ersten Mal seit langer Zeit stand da etwas vor ihm, das wirklich Arbeit bedeutete. Richtige Arbeit.
Keine Säbel. Keine Dolche. Kein Flickwerk.
Ein Bau, den man Jahre später noch sehen würde.
Als Endos schließlich fragte, wer die Sache übernehmen wolle, wurde es für einen Moment stiller.
Nogrin strich sich langsam durch den Bart.
Dann nickte er.
„Das würde ich übernehmen.“
Mahlik klopfte ihm sofort grinsend auf die Schulter. Thorian nickte zustimmend. Selbst Endos wirkte
erleichtert, dass jemand endlich Verantwortung übernahm.
Nogrin blickte noch einmal zur Ruine.
Das würde Monate dauern. Vielleicht länger.
Material beschaffen. Schutt räumen. Planen. Organisieren. Arbeiten bis die Arme taub wurden.
Und trotzdem fühlte sich der Gedanke daran besser an als alles, was er in den letzten Wochen getan hatte.
„Wir werden jede Hilfe brauchen“, sagte er schließlich ruhig.
Dann trat er näher an die verkohlten Überreste heran und betrachtete schweigend die schwarzen Balken.
Vielleicht war genau das die Herausforderung gewesen, nach der sie die ganze Zeit gesucht hatten.

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