Der See lag still, als hielte der Wald den Atem an. Nefatina saß am Ufer, die nackten Füße im kalten Schlamm, die Knie an die Brust gezogen. Nichts außer dem Mond. Er hing über den dunklen Wipfeln, weiß und gleichgültig, sein Spiegelbild lag auf dem Wasser. Nefatina kannte die Geschichten nicht, nicht so wie ihre Mutter sie gekannt hatte – aber sie kannte das Gefühl, das mit diesem Licht kam. Doch in Mondnächten wie dieser, verschwammen Wach sein und Traum in ihr, bis sie selbst nicht mehr unterscheiden konnte, was wirklich vor ihr lag und was nur das Fieber in ihren Knochen heraufbeschwor. Jemand sah sie an. Sie spürte es, wie ein Wolf den Blick eines anderen Raubtiers spürt, lange bevor er es sieht. Nefatinas Lippen zogen sich hoch. Eine Geste, die in ihrem elfischen Gesicht fremd wirkte, ein Knurren ohne Laut. „Du", sagte sie. Das Wort kam rau heraus, ungeübt. Sprache war ihr immer wie fremdes Fell vorgekommen. „Ich weiß, dass du da bist." Das Mondlicht auf dem Wasser zitterte – oder vielleicht zitterte auch nur sie. „Meine Mutter hat zu dir getanzt." Sie spuckte die Worte Richtung Wasser. „Sie hat dir geglaubt. Und ich frage dich, wie sie es nie gewagt hätte: Wo warst du? Als es dunkel wurde – wo warst du da?" Keine Antwort. Natürlich nicht. Götter antworteten nicht auf Knurren, das hatte ihre Mutter immer gesagt, Götter antworteten auf Lieder. „Sag etwas!" Ihre Stimme brach über das Wasser und kam als dünnes Echo zurück. Ein Vogel stieg irgendwo am anderen Ufer auf, schwerfällig, beleidigt. Dann wieder Stille. Und in diese Stille hinein begann der See zu singen. Es war kein Lied aus Worten. Es war das Geräusch, das Wasser macht, wenn es sich an Steinen reibt, das Seufzen der Bäume, der ferne Ruf einer Eule – nur dass all diese Klänge sich auf einmal ineinanderschoben wie Finger, die sich falten, und etwas ergaben, das eine Melodie war. Eine traurige. Eine alte. Nefatina kannte sie nicht, und doch stellten sich ihr die Nackenhaare auf, denn ihr Körper kannte sie. Ihr Körper hatte sie gehört, vor langer Zeit, durch die Wand eines Bauches. Das Wiegenlied ihrer Mutter. „Hör auf!" - Nefatina war aufgesprungen, ehe sie es entschieden hatte. „Hör auf damit. Du hast kein Recht – DU HAST KEIN RECHT!" Das Licht auf dem Wasser wurde heller. Nicht grell – weich, wie Schnee, und ungefähr so kalt. Es sammelte sich, zog sich zusammen, und für einen Herzschlag glaubte Nefatina in der Mitte des Sees eine Gestalt zu sehen: hochgewachsen, dunkelhäutig wie ihre Mutter, das Haar ein Wasserfall aus Mondsilber, das bis auf die Wasseroberfläche fiel und mit ihr verschmolz. Die Gestalt sang nicht mehr. Sie sah sie nur an. Und in diesem Blick lag keine Gleichgültigkeit, kein göttlicher Hochmut – sondern etwas, das Nefatina nur deshalb erkannte, weil sie es jeden Morgen im Wasser dieses Sees gesehen hatte, in ihren eigenen Augen. Trauer. „Nein", flüsterte Nefatina. „Nein, das darfst du nicht. Du darfst nicht trauern. Trauern dürfen die, die geblieben sind." Das Ziehen unter ihrer Haut wurde stärker. Der Mond stand jetzt fast senkrecht über dem See, und ihre Knochen begannen ihr altes Lied – das andere Lied, das raue, das in keiner Domäne der Göttin einen Platz hatte. Ihre Finger krümmten sich. Irgendwo tief in ihrer Kehle wartete das Heulen. Und das war das Grausamste an allem, dachte sie, während die ersten Schauer durch ihren Rücken liefen: dass dieselbe Silberscheibe, zu der ihre Mutter getanzt hatte, sie selbst auf die Knie zwang. Dass das Heiligste ihrer Mutter auch ihr Fluch war. „Wenn du sie geliebt hast", presste sie hervor, die Hände schon halb Pranken, „dann zeig es. Sag mir, wo du warst. Oder lass mich in Ruhe – für immer." Der Wind drehte. Die Gestalt aus Licht hob eine Hand – ob zum Gruß, zur Abwehr oder zur Segnung, konnte Nefatina nicht eindeutig sagen. Dann zerriss der erste Krampf ihren Rücken, und die Welt wurde Geruch und Schmerz und Silber. Als es vorbei war, lag sie im Schilf. Vier Pfoten. Graues Fell, dunkel an den Läufen wie die Haut ihrer Mutter. Die Verwandlung tat nicht mehr weh wie früher. Der Körper hatte gelernt, sich selbst zu zerbrechen und wieder zusammenzusetzen, so wie man alles lernt was oft genug geschieht. Was nicht aufhörte zu schmerzen, war das Danach. Dieser Moment, in dem die Welt wieder scharf wurde, voller Gerüche und Geräusche, und sie begriff: Sie war immer noch hier. Immer noch allein. Die Wölfin, die Nefatina war, hob den Kopf zum Wasser. Die Gestalt aus Licht stand noch immer dort. Sie war nicht geflohen vor dem Tier, nicht erloschen, nicht verblasst. Sie stand auf dem See, als wäre er aus Glas, und sah auf die Wölfin im Schilf hinab, und Nefatina dachte – soweit eine Wölfin denkt, in Bildern, in Gerüchen, in alten Wunden "Jetzt siehst du es. Jetzt siehst du, was aus dem geworden ist, was deine Tänzerin geliebt hat" Die Wut war fort. Das war das Tückische an der Verwandlung: Sie nahm die Wut mit, wie ein Fluss einen alten Ast mitnimmt, und ließ nur übrig was darunter lag. Und darunter lag keine Wildheit, kein Blutdurst, wie die Elfen es sich erzählten. Darunter lag Trauer. Nichts als Trauer. Sie war ein Kind gewesen. Sie hatte am Bau gelegen, zwischen fremden Welpen, an einer Flanke, die nicht die ihrer Mutter war, und sie hatte gewartet. Wölfe warten gut. Wölfe warten den ganzen Winter auf den Frühling, ohne zu zweifeln, dass er kommt. Und so hatte sie gewartet – auf den Geruch von Mutters Haar, auf die Stimme, die durch eine Bauchwand zu ihr gesungen hatte, auf Vaters Schritte, die sie nie bewusst gehört, aber nie vergessen hatte. Einen Winter, zwei, am Ende zu viele... Niemand war gekommen. Und in all diesen Wintern hatte der Mond über ihr gestanden, jede Nacht, dieses wache silberne Auge, und hatte zugesehen. Hatte zugesehen, wie sie fror. Die Göttin der Verlorenen, hatte ihre Mutter sie genannt – das eine, das einzige Fragment, das Nefatina von ihr geblieben war, ein Satz, gesungen an einem Feuer, das es nicht mehr gab: Sie findet die Verlorenen, mein Herz. Die Wölfin stand auf. Langsam, steifbeinig, trat sie ans Wasser, bis die Wellen ihre Pfoten berührten, und sah zu der leuchtenden Gestalt hinauf. Mich, dachte sie. Mich hast du zurückgelassen. Ich war verloren, wie nie ein Kind verlorener war, und du hast mich nicht gefunden. Du hast mich nicht einmal gesucht. Und weil sie keine Worte mehr hatte, weil Worte ohnehin eine falsche Sprache waren, tat sie das einzige, was ihr geblieben war. Sie hob die Schnauze zum Mond und sang ihr eigenes Lied. Das Heulen schallte über den See, lang und brüchig, und es war keine Drohung und keine Jagd. Jeder Wolf in drei Tälern Entfernung hätte es verstanden: Es war das Heulen nach dem Rudel, das nicht antwortet. Der älteste Laut der Welt. Wo seid ihr. Ich bin hier, und wo seid ihr. Die Gestalt auf dem Wasser bewegte sich. Sie sank nicht in die Knie – sie floss hinab, wie Mondlicht eben fließt, bis sie auf der Wasseroberfläche kniete, auf einer Höhe mit der Wölfin am Ufer, Auge in Auge über die schwarze Fläche hinweg. Und dann geschah das, womit Nefatina in keinem ihrer zornigen Träume gerechnet hatte: Die Göttin sang mit. Kein Wiegenlied diesmal. Kein Tanz. Die Stimme, die sich über das Wasser legte, nahm das Heulen der Wölfin auf – denselben brüchigen, klagenden Ton, dieselbe alte Frage – und trug sie höher, weiter, als hätte sie sie selbst schon tausend Jahre in der Kehle getragen. Zwei Stimmen über einem See: ein Tier, das um seine Kindheit trauerte, und eine Göttin, die um etwas trauerte, das Nefatina nicht kannte. Es war keine Antwort. Noch nicht. Aber es war das erste Mal in ihrem Leben, dass jemand mit ihr heulte, statt vor ihr davonzulaufen. Als das letzte Echo in den Bäumen verklang, lag der See wieder still. Die Gestalt kniete noch immer auf dem Wasser, und das Licht, das von ihr ausging, hatte sich verändert, es war wärmer geworden, fast golden an den Rändern, wie Kerzenlicht hinter Silber. Die Wölfin am Ufer zitterte. Nicht vor Kälte. Wo warst du, dachte sie noch einmal, aber der Gedanke hatte keine Zähne mehr. Er war nur noch eine Wunde, die offen dalag im Mondlicht und darauf wartete, ob die Hand, die sich ihr jetzt entgegenstreckte – langsam, über das Wasser hinweg, eine Handfläche aus Licht –, sie heilen oder noch einmal aufreißen würde. Die Wölfin wich nicht zurück. Sie kam aber auch nicht näher. Noch nicht. Beiträge in diesem Thread
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