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Re: Re: Re: „Wo die Seelen sterben"

Nefatina

Der ihr fremde Wald nahm sie auf wie ein Atemzug, der nicht ihrer war.

Es war es nur ein gewöhnlicher Wald. Das wusste sie, doch irgendwo unter der Müdigkeit ... Bäume, Moos, ein Bach, der geduldige Atem einer gewöhnlichen Nacht.
Seit dem See hatte sie nicht geschlafen, sie fühlte den Mond noch immer in ihrem Blut, und wenn das Mondfieber kam, verschwammen realität und Traum in ihr, bis ihr eigener Geist aus jedem Ding ein anderes machte.

Und so wurde der Wald, ohne dass sich auch nur ein Zweig rührte, in ihrem Geist zu etwas, was er nicht war.

Aus den Wechseln der Rehe machte ihre Müdigkeit ein Labyrinth, das leise summte.
Jeder Schatten schien zu flüstern: geh links, geh rechts! Die Welten, durch die du gehst, formen sich mit jedem Schritt.
Es war nur der Wind in den Zweigen. Sie hörte trotzdem zu.
Der Wald atmete mit lauten Echos – oder sie bildete es sich ein...
Ein Kaleidoskop aus Pfaden, wo das Mondlicht durch Risse in Rinde und Moos sickerte, als leuchtete überall Pfade.
Sie ließ sich treiben... und vor ihren brennenden Augen öffneten sich tausend Wege.

Das Mondlicht bog sich, oder ihre Müdigkeit bog es.
Glühwürmchen leuchteten wie Zeichen einer Sprache, die sie nicht kannte.
Die Luft schien zu vibrieren, und mitten durch alles meinte sie den Mondfaden zu sehen, dünn und silbern... das Band aus Mondlicht, das ihr am See eine Göttin gesungen hatte – wenn dort überhaupt eine Göttin gewesen war.

Ihre einzige gerade Linie durch einen Wald, der sich nur hinter ihrer Stirn bei jedem Herzschlag neu erfand.

In jeder Pfütze, in dem der zu große Mond zerbrach, sah sie einen Spiegel, und in jedem Spiegel, so kam es ihr vor, ein anderes Ja und ein anderes Niemals ihres Lebens.
Ein Prisma ihrer selbst, und alles nur in ihr.

Die Bäume standen still und uralt und ganz gewöhnlich da und doch zerflossen sie vor dem inneren Auge wie geschmolzene Zeit.
Der Wald war nur ein Wald. Aber müde, wie sie war, war er auch ein Tor, das Moos nur ein Schleier, und sie selbst Wolf und eine Fährte zugleich.

Irgendwo sang ein Bach und ihr erschöpfter Geist machte ein dunkles Lied daraus aus rauschenden Stimmen: Wirst du sie finden? Wirst du daran zerbrechen?

Sie antwortete nicht.

Sie hätte ewig so weiterlaufen können, von eingebildeter Möglichkeit zu eingebildeter Möglichkeit, ohne je irgendwo anzukommen.

Wäre da nicht der Wolf gewesen...

Seit jener Nacht am See – seit die Göttin mitgeheult hatte, statt vor ihr zu fliehen – schwieg er nicht mehr.
Früher war er nur Fluch gewesen, ein Reißen unter der Haut, vor dem sie sich fürchtete.
Jetzt ging er in ihr mit, ruhig und gegenwärtig, so wie die Waldelfen ihre Seelengefährten beschrieben, von denen ihr Vater gewiss einen gehabt hatte. Nur dass ihrer kein Tier am Wegrand war. Ihren trug sie unter der eigenen Haut oder Fell ?

Es ist nur Wald, sagte er – nicht in Worten, sondern so, wie Wölfe sprechen, in Witterung und Gewissheit.
Kein Tor, keine tausend Wege. Ein Pfad. Ein Geruch nach Wasser.

Hör auf zu träumen und schnüffel...

Ich weiß, gab sie zurück. Und es war noch immer seltsam, wie leicht das ging – ein Gespräch mit etwas, das jahrelang nur Zähne und Schrecken gewesen war.
Erst seit dem See sprachen sie miteinander, statt gegeneinander.

Und weil sie gelernt hatte, ihm zuzuhören, gehorchte sie.
Der Dialog hinter ihrer Stirn verblasste einen Atemzug lang – und in diesem Atemzug schnitt ein Laut durch alles, einer, den sie sich nicht ausdachte.

Etwas von außerhalb ihres Kopfes. Etwas Lebendiges. Etwas, das litt.

Sie hörte es, lange bevor sie es sah.

Kein Schrei... Rehe schreien selten, selbst wenn sie sterben.
Es war das andere Geräusch, das leise, das schlimmere...
das Scharren von Läufen, die immer wieder versuchen aufzustehen und es nicht mehr können.
Nefatina stand reglos zwischen den Farnen und lauschte.
In ihr regte sich das Erbe ihres Vaters – jene Gabe der Waldelfen, das Leben ringsum zu spüren wie das eigene.
Das La nannten sie es: die Kraft, die durch alles fließt, durch Wurzel und Reh und Wölfin gleichermaßen.
Nefatina hatte nie eine Elfe davon sprechen hören; sie kannte nur das Wort, einen Splitter aus der Zeit vor dem Rudel – aber das, was es meinte, hatte sie ihr Leben lang gefühlt. Und gerade jetzt fühlte sie Schmerz als wäre es ihr eigener.

Sie fand die Ricke in einer Senke am Bach.
Ein Pfeil steckte im Hinterlauf – schlecht geschossen, viel zu tief, ein Schuss, wie ihn kein Jäger abgibt, der etwas auf sich hält.
Der Schaft war abgebrochen, das Tier hatte sich über Stunden geschleppt.
Das Fell um die Wunde war dunkel verklebt, und im aufgewühlten Boden ringsum las Nefatina die ganze, traurige Geschichte...

Stiefelabdrücke, zwei Paar, schwer und achtlos.
Eine zertretene Drahtschlinge weiter oben am Wechsel.
Wilderer... Sie hatten geschossen, getroffen, das Tier verloren – und es nicht einmal gesucht.
Hatten es einfach laufen lassen, mit dem Bolzen im Bein, zum langsamen Sterben.

Die Ricke warf den Kopf herum, als Nefatina näher trat. Die Augen weit, schwarz, voller Weiß.
Die Läufe scharrten noch schneller.

Nefatina sank ins Gras, drei Schritte entfernt, und machte sich klein. Dann begann sie zu summen.

Es war kein Lied, das man sie gelehrt hatte – wer hätte sie lehren sollen?...

Es kam aus ihr heraus wie Wasser aus einer Quelle, immer dann, wenn sie bei einem verletzten Tier saß, und erst spät hatte sie begriffen, dass es zweistimmig war.

Eine Stimme in der Kehle, dunkel und warm – die des Wolfes. Und eine zweite, höhere, irgendwo dahinter, die gar nicht ganz aus ihr zu kommen schien, als sänge der Wald selbst durch sie hindurch – das Erbe des Elfen?

Vielleicht war am Ende beides dasselbe. Ihr Vater hätte gewusst, was sie da sang, ohne es je gelernt zu haben: die alte Gabe seines Volkes, das La durch eine Kehle zu gießen, Knospen damit zu öffnen und Wunden Ruhe zu geben.

Sie wusste es nicht. Sie wusste nur – die Tiere kannten dieses Lied. Sie kannten es immer.

Die Ricke hörte auf zu scharren.

Es dauerte bis zum Abend, ehe Nefatina sie berühren durfte. Sie hatte in der Zwischenzeit kaltes Bachwasser geholt, in Blättern, Schicht um Schicht, und heilkräuter zerkaut und weitere gesucht, und als ihre Hände endlich an die Wunde durften, arbeiteten sie ruhig und sicher, als hätten sie das tausendmal getan. Hatten sie auch. Verletzte Tiere waren ihr ganzes Leben lang die einzigen Patienten gewesen, die nicht vor ihr flohen.

Der Bolzen war aus billigem, grob geschmiedetem Eisen.
Nefatina drehte sie im letzten Licht zwischen den Fingern, und etwas in ihr, dem jedes lebende Ding ein Teil desselben atmenden Du war, schreckte vor diesem toten, kalten Metall zurück – ein Loch im La, ein Stück Leere, das nichts spürte und in dem nichts sie spürte...

So wie die Männer nicht hierher gehörten, die es verschossen hatten.

Sieben Tage blieb sie bei der Ricke. Sie schiente und wusch die Wunde, und sie summte.

Sie schlief drei Schritte entfernt im Farn, und in der dritten Nacht, als es kalt wurde, legte das Tier sich an ihre Seite, die Flanke an ihrem Rücken, und Nefatina lag wach und wagte kaum zu atmen, weil sie nicht wusste, wohin mit so viel geschenktem Vertrauen.

Am siebten Tag stand die Ricke auf, lief drei humpelnde Schritte.

Nefatina saß im Gras und sah ihr zu, und etwas in ihrer Brust war so weit und so warm, dass es fast schmerzte.

Das war es... das wahre Erbe ihres Vaters. Nicht die feinen Ohren, nicht das leichte Laufen, nicht das Lesen der Spuren.
Sondern das hier: dass ein Wald mit allem, was darin lebte, dass kein Revier war und keine Speisekammer und kein Versteck, sondern ein einziges großes, atmendes Du.
Das La, hätte ihr Vater gesagt. Sie brauchte das Wort nicht mehr – sie hatte es sieben Tage lang in den Händen gehalten, und es hatte gelebt.

Dann fiel ihr Blick auf den Bolzen, die noch immer neben ihrem Lager im Moos lag.

Und das warme Gefühl bekam eine eiskalte Umrandung.

Zwei Paar Stiefel. Eine Drahtschlinge...

Die kamen wieder. Solche kamen immer wieder, bis der Wald leergeblutet war.

Nefatina hob den Bolzen auf, wickelte ihn in ein Blatt und verschnürte es, sorgfältig, wie man ein Beweisstück verschnürt. Oder ein Versprechen...

In dieser Nacht, als die Ricke schlief, ging in Nefatina etwas anderes auf die Suche...

Etwas, das nicht summte...

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