Es gibt zwei Arten, einen Wald bei Nacht zu betreten. Die Tiere des Waldes kennen beide. Die erste ist die der Beute und der meisten Jäger... vorsichtig, lauschend, immer einen halben Gedanken bei der Flucht. Nefatina ging die zweite. Kaum war das Reh eingeschlafen, da war das Summen aus ihr gewichen, und etwas Älteres, Kälteres rückte nach vorn. Verjag sie, sagte der Wolf. Das genügt nie, sagte das andere, und die Stimme war glatt und kalt wie ein Dolch. Und Nefatina, zwischen den beiden Stimmen, hörte zu – und tat nichts dagegen, dass die kälte in ihr immer mehr gewann. Sie suchte das Lager nicht, wie ihr Vater gesucht hätte, Spur um Spur... Sie lag zwei Stunden auf dem Felsband darüber, reglos wie eine Spinne in ihrem Netz, und sah ihnen beim Schlafen zu. Die Drow in ihr zählte sie zweimal, ganz langsam, und legte jede Zahl beiseite wie eine Münze, mit der später bezahlt würde. Sie hätte sie im Schlaf töten können. Der Gedanke war einfach da, klar und sauber wie kaltes Wasser. Der Winkel, die Reihenfolge, das ahnungslose Atem. Sie begann mit der Angst. In der ersten Nacht nahm sie ihnen die Schlingen. Alle vier. Und während der Größere mit offenem Mund schnarchte, legte sie ihm die feinste davon locker um den Hals – nicht fest genug zum Würgen, nur fest genug, dass der kalte Draht auf seiner Kehle lag, wenn er erwachte. Die anderen drei Schlingen flocht sie zu einem ordentlichen Kranz und hängte ihn an den Ast, dorthin, wo am Morgen die vier kleinen Felle fehlen würden. Ein Gruß. Ein Grabschmuck. Sie hörte vom Felsband, wie der Größere fluchte und am Hals griff, wie der Jüngere weiß wurde und schwor, er habe nichts gehört, gar nichts, die ganze Nacht. Beide logen. Beide wussten, dass der andere log. Das war der erste feine Riss, und die Drow legte den Finger hinein und drückte. In der zweiten Nacht ließ sie sie nicht schlafen. Sie kannte ihre Namen nicht, also nahm sie ihre Geräusche... ein Ast, der knackte, wo niemand ging. Sie musste fast nichts tun. Erschöpfte Männer erschrecken sich selbst zu Tode, wenn man ihnen nur lange genug die Stille verdirbt. Und dann säte sie den einen Gedanken, leise wie ein schleichendes Gift. Am Morgen saßen sie weiter auseinander als am Abend. Der Jüngere sah den Größeren an, wenn er weg sah, und seine Hand lag jetzt am Messer, nicht mehr an der Armbrust. Die Drow in Nefatina lächelte in sich hinein, geduldig und kalt, und genoss sie es, sie genoss es wirklich, das war das Schlimmste. Das ist nicht jagen, sagte er. Das ist Quälen. Sie hörte ihn. Sie hörte trotzdem nicht auf. Und da, zwischen einem Herzschlag und dem nächsten, hörte die Welt auf sich zu bewegen... Nicht der Wald – der Wald war nur ein Wald. Ich sehe, was dich treibt, sagte Eilistraee, und es lag kein Vorwurf in ihrer Stimme, nur Trauer. Ich sehe den Hass in jedem deiner Schritte. Du nennst es Gerechtigkeit für den Wald. Aber sieh genauer hin, Tochter der Alniira – du genießt es. Und was man genießt, das tut man nicht mehr für die Toten. Das tut man für sich. Nefatina wollte etwas erwidern, doch sie fand nichts. Und so begann die Göttin zu singen, leise, über die erstarrte Lichtung, ein Lied nur für sie: Ich sehe, was dich treibt, mein Kind: Du dürstest nach Vergeltung, ich weiß es, Aus Liebe. Nur aus Liebe. Die Angst, das Wenige zu verlieren, das dir blieb Das Reh hast du gerettet, weil du es geliebt hast, sagte Eilistraee, als der letzte Ton verklang. Du musst diese Männer nicht schonen, Kind; manchmal muss man das Böse aufhalten, und der Wald schreit nach Schutz. Und Nefatina, die viele Winter lang nichts geliebt hatte, weil Lieben hieß, etwas zu besitzen, das man verlieren konnte, begriff in diesem stillen Augenblick, wie weit die Kälte sie schon getragen hatte. Genug, sagte sie. Zum ersten Mal nicht zum Wolf und nicht zur Drow, sondern zu sich selbst. Genug. Der Atem der Männer löste sich wieder. Die Funken stiegen. Der Mond war wieder nur der Mond. In der dritten Nacht tat sie nichts von dem, was die Drow noch geplant hatte. Eine letzte Warnung: Geht. Geht, und kommt nicht wieder, und ihr werdet leben. Sie wollte ihnen das Leben lassen. Sie hatte es sich vorgenommen, unter dem Mond, mit der Stimme der Göttin noch im Ohr. Sie hatte nur eines vergessen... Drei Nächte lang war sie Jägerin gewesen, kalt und wach und ganz ihre Mutter, und hatte zum ersten Mal seit Jahren nicht den Himmel geprüft. Der Mond war beinahe voll... Und der Größere – der mit dem Draht an der Kehle, der aufgehört hatte, an Geister zu glauben – hatte am Bach eine Wolfsspur gefunden, größer als jede, die er kannte. An jenem Abend wickelte er aus einem öligen Lappen den einen Bolzen, den er nie aus der Hand gab. Die Spitze schimmerte stumpf und kalt. Silber. Für die Bestie. Männer dieser Sorte fürchten Geister. Wölfe jagen sie. Sie hatte beschlossen, ihnen das Leben zu schenken. Der Mond beschloss es anders. Beiträge in diesem Thread
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