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Re: Re: Re: Re: „Wo die Seelen sterben"

Nefatina

Es gibt zwei Arten, einen Wald bei Nacht zu betreten. Die Tiere des Waldes kennen beide.

Die erste ist die der Beute und der meisten Jäger... vorsichtig, lauschend, immer einen halben Gedanken bei der Flucht.
Die zweite ist seltener... Sie gehört denen, für die Dunkelheit kein Mangel an Licht ist, die sich Zuhause fühlen... wie Spinnen...

Nefatina ging die zweite.

Kaum war das Reh eingeschlafen, da war das Summen aus ihr gewichen, und etwas Älteres, Kälteres rückte nach vorn.
Nicht das warme Wolfsblut. Das andere – das Blut ihrer Mutter, der Drow, das im Dunkeln zu Hause war und das Dunkle liebte.

Verjag sie, sagte der Wolf.
Suche sie... zeig die Zähne. Sie laufen. Das genügt.

Das genügt nie, sagte das andere, und die Stimme war glatt und kalt wie ein Dolch.
Wer einmal davonläuft, kommt wieder. Man muss ihnen etwas nehmen, das nicht nachwächst. Den Schlaf. Den Verstand. Das Vertrauen zueinander.

Und Nefatina, zwischen den beiden Stimmen, hörte zu – und tat nichts dagegen, dass die kälte in ihr immer mehr gewann.

Sie suchte das Lager nicht, wie ihr Vater gesucht hätte, Spur um Spur...
Sie rechnete, wie ihre Mutter gerechnet hätte. Wo schläft ein Mann, der zu faul ist, sein angeschossenes Wild zu verfolgen?
Nah am Wasser, doch nicht am rauschenden Bach.
Windgeschützt... Den Rücken am Fels – denn Männer dieser Sorte fürchten den Wald, auch wenn sie es nie zugäben.
Es gab genau zwei solche Stellen. Bei der zweiten leuchtete noch ein heruntergebranntes Feuer.

Sie lag zwei Stunden auf dem Felsband darüber, reglos wie eine Spinne in ihrem Netz, und sah ihnen beim Schlafen zu.
Zwei Männer, grobe Gesichter, grobe Hände. Am Gürtel des Größeren vier aufgerollte Drahtschlingen, am Baum zwei Armbrüste – und an einem Ast, ordentlich aufgereiht wie Wäsche, sieben Felle. Vier davon zu klein. Jungtiere...

Die Drow in ihr zählte sie zweimal, ganz langsam, und legte jede Zahl beiseite wie eine Münze, mit der später bezahlt würde.

Sie hätte sie im Schlaf töten können. Der Gedanke war einfach da, klar und sauber wie kaltes Wasser. Der Winkel, die Reihenfolge, das ahnungslose Atem.
Aber sauber war ein Wort aus der Welt des Wolfes, und die Drow hatte kein Interesse an sauber.
Die Drow hatte Zeit. Und sie wusste, was schlimmer ist als der Tod... zu wissen, dass er kommt, und nicht zu wissen, wann ...
und ob das, was einen holt, überhaupt noch zu dieser Welt gehört.

Sie begann mit der Angst.

In der ersten Nacht nahm sie ihnen die Schlingen. Alle vier. Und während der Größere mit offenem Mund schnarchte, legte sie ihm die feinste davon locker um den Hals – nicht fest genug zum Würgen, nur fest genug, dass der kalte Draht auf seiner Kehle lag, wenn er erwachte.
Er sollte begreifen, dass jemand lange genug reglos über ihm gekniet hatte, um das zu tun.
Und dass dieser Jemand ihn hatte leben lassen. Das war die Botschaft...Ich kann dich einfach töten, doch ich möchte es ... noch nicht...

Die anderen drei Schlingen flocht sie zu einem ordentlichen Kranz und hängte ihn an den Ast, dorthin, wo am Morgen die vier kleinen Felle fehlen würden.

Ein Gruß. Ein Grabschmuck.

Sie hörte vom Felsband, wie der Größere fluchte und am Hals griff, wie der Jüngere weiß wurde und schwor, er habe nichts gehört, gar nichts, die ganze Nacht.

Beide logen. Beide wussten, dass der andere log. Das war der erste feine Riss, und die Drow legte den Finger hinein und drückte.

In der zweiten Nacht ließ sie sie nicht schlafen. Sie kannte ihre Namen nicht, also nahm sie ihre Geräusche... ein Ast, der knackte, wo niemand ging.
Ein Atem, dicht hinter dem Ohr, der verschwand, sobald sie herumfuhren.
Das leise Klirren von Draht im Dunkeln, von überall und nirgends. Sie machte aus dem Wald ein einziges großes, lauerndes Etwas, das nur in ihren Köpfen lebte und das war der eigentliche Plan.

Sie musste fast nichts tun. Erschöpfte Männer erschrecken sich selbst zu Tode, wenn man ihnen nur lange genug die Stille verdirbt.

Und dann säte sie den einen Gedanken, leise wie ein schleichendes Gift.
Mit nichts als einer geritzten Linie in die Rinde über dem Lager des Jüngeren – ein Zeichen, das nur ihm galt, das ohne ein einziges Wort sagte.. dich vielleicht?.
Ihn nicht. Sie schenkte dem Schwächeren die Hoffnung, dass er davonkäme – wenn nur der andere zurückbliebe.
Es gibt kein schärferes Messer als das, das ein Mensch selbst gegen seinen Freund zieht. Das war die älteste Kunst ihrer Mutter, die Kunst, mit der ganze Häuser im Dunkel einander zerfleischten: Man muss niemanden töten, dem man beibringen kann, sich selbst zu verraten.

Am Morgen saßen sie weiter auseinander als am Abend. Der Jüngere sah den Größeren an, wenn er weg sah, und seine Hand lag jetzt am Messer, nicht mehr an der Armbrust. Die Drow in Nefatina lächelte in sich hinein, geduldig und kalt, und genoss sie es, sie genoss es wirklich, das war das Schlimmste.
Tief in ihr knurrte der Wolf, leise und unglücklich.

Das ist nicht jagen, sagte er. Das ist Quälen. Sie hörte ihn. Sie hörte trotzdem nicht auf.

Und da, zwischen einem Herzschlag und dem nächsten, hörte die Welt auf sich zu bewegen...

Nicht der Wald – der Wald war nur ein Wald.
Es war etwas in ihr, das stillstand. Der Atem der Männer fror mitten im Zug.
Die Funken über dem Feuer hingen reglos in der Luft. Und das Mondlicht, das durch die Wipfel fiel, sammelte sich, wurde dichter, wurde zu einer Gegenwart, die sie kannte. Vom See. Ob die Göttin wirklich gekommen war oder ob nur ihr eigenes Gewissen sich ihr Gesicht geliehen hatte – in dieser einen stehengebliebenen Sekunde war es dasselbe.

Ich sehe, was dich treibt, sagte Eilistraee, und es lag kein Vorwurf in ihrer Stimme, nur Trauer. Ich sehe den Hass in jedem deiner Schritte. Du nennst es Gerechtigkeit für den Wald. Aber sieh genauer hin, Tochter der Alniira – du genießt es. Und was man genießt, das tut man nicht mehr für die Toten. Das tut man für sich.

Nefatina wollte etwas erwidern, doch sie fand nichts.

Und so begann die Göttin zu singen, leise, über die erstarrte Lichtung, ein Lied nur für sie:

Ich sehe, was dich treibt, mein Kind:
kein Schritt von dir, der nicht vor Hass noch glüht.
Doch Rache ist ein Feuer ohne Wärme –
sie frisst zuerst die Hand, die sie hält.

Du dürstest nach Vergeltung, ich weiß es,
willst ihr Blut im Moos, ihr Flehen in der Nacht.
Doch wahrhaft führt die Klinge nur,
wen die Liebe lenkt – und niemals der Zorn.

Aus Liebe. Nur aus Liebe.
Stell dich vor das, was lebt, und halte es.
Wir tragen das Schwert, niemals aus Wut.
Im Mondlicht siegt, wer wahrt, was er liebt.

Die Angst, das Wenige zu verlieren, das dir blieb
mach sie zu deinem Licht, nicht zu deinem Gift.
Schlag zu, wenn du schlagen musst,
doch schlag für sie. Niemals gegen dich selbst.

Das Reh hast du gerettet, weil du es geliebt hast, sagte Eilistraee, als der letzte Ton verklang.
Das war mein Weg. Das hier – ihr Licht streifte die beiden erstarrten Männer, den Draht, das geritzte Zeichen in der Rinde ... ist der ihre.
Der Weg Drow.

Du musst diese Männer nicht schonen, Kind; manchmal muss man das Böse aufhalten, und der Wald schreit nach Schutz.
Aber tu es, um zu bewahren, nicht um zu strafen. In dem Augenblick, in dem es dir Freude macht, hast du dich selbst verloren, ganz gleich, wer am Ende noch steht.

Und Nefatina, die viele Winter lang nichts geliebt hatte, weil Lieben hieß, etwas zu besitzen, das man verlieren konnte, begriff in diesem stillen Augenblick, wie weit die Kälte sie schon getragen hatte.
Sie hatte sich für die Klügere gehalten, für die Jägerin. Sie war nur die Tochter ihrer Mutter gewesen, in der dunkelsten Bedeutung des Wortes.

Genug, sagte sie. Zum ersten Mal nicht zum Wolf und nicht zur Drow, sondern zu sich selbst. Genug.

Der Atem der Männer löste sich wieder. Die Funken stiegen. Der Mond war wieder nur der Mond.

In der dritten Nacht tat sie nichts von dem, was die Drow noch geplant hatte.
Sie spielte nicht weiter. Sie nahm die vier kleinen Felle vom Ast – nicht, um sie den Schlafenden höhnisch über die Schultern zu legen, sondern um sie zu begraben, tief, wie der Wald es verlangt.
Sie scharrte die Erde mit bloßen Händen auf, bettete die Jungtiere hinein, und es war das Erste seit drei Nächten, das sich nicht nach Gift anfühlte.
An die leere Stelle am Ast hängte sie den in ein Blatt gewickelte Bolzen. Keine Drohung mehr.

Eine letzte Warnung: Geht. Geht, und kommt nicht wieder, und ihr werdet leben.

Sie wollte ihnen das Leben lassen. Sie hatte es sich vorgenommen, unter dem Mond, mit der Stimme der Göttin noch im Ohr.

Sie hatte nur eines vergessen...

Drei Nächte lang war sie Jägerin gewesen, kalt und wach und ganz ihre Mutter, und hatte zum ersten Mal seit Jahren nicht den Himmel geprüft.

Der Mond war beinahe voll...

Und der Größere – der mit dem Draht an der Kehle, der aufgehört hatte, an Geister zu glauben – hatte am Bach eine Wolfsspur gefunden, größer als jede, die er kannte. An jenem Abend wickelte er aus einem öligen Lappen den einen Bolzen, den er nie aus der Hand gab. Die Spitze schimmerte stumpf und kalt. Silber. Für die Bestie.

Männer dieser Sorte fürchten Geister.

Wölfe jagen sie.

Sie hatte beschlossen, ihnen das Leben zu schenken. Der Mond beschloss es anders.

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