Der ihr fremde Wald nahm sie auf wie ein Atemzug, der nicht ihrer war. Es war es nur ein gewöhnlicher Wald. Das wusste sie, doch irgendwo unter der Müdigkeit ... Bäume, Moos, ein Bach, der geduldige Atem einer gewöhnlichen Nacht. Und so wurde der Wald, ohne dass sich auch nur ein Zweig rührte, in ihrem Geist zu etwas, was er nicht war. Aus den Wechseln der Rehe machte ihre Müdigkeit ein Labyrinth, das leise summte. Das Mondlicht bog sich, oder ihre Müdigkeit bog es. Ihre einzige gerade Linie durch einen Wald, der sich nur hinter ihrer Stirn bei jedem Herzschlag neu erfand. In jeder Pfütze, in dem der zu große Mond zerbrach, sah sie einen Spiegel, und in jedem Spiegel, so kam es ihr vor, ein anderes Ja und ein anderes Niemals ihres Lebens. Die Bäume standen still und uralt und ganz gewöhnlich da und doch zerflossen sie vor dem inneren Auge wie geschmolzene Zeit. Irgendwo sang ein Bach und ihr erschöpfter Geist machte ein dunkles Lied daraus aus rauschenden Stimmen: Wirst du sie finden? Wirst du daran zerbrechen? Sie antwortete nicht. Sie hätte ewig so weiterlaufen können, von eingebildeter Möglichkeit zu eingebildeter Möglichkeit, ohne je irgendwo anzukommen. Wäre da nicht der Wolf gewesen... Seit jener Nacht am See – seit die Göttin mitgeheult hatte, statt vor ihr zu fliehen – schwieg er nicht mehr. Es ist nur Wald, sagte er – nicht in Worten, sondern so, wie Wölfe sprechen, in Witterung und Gewissheit. Hör auf zu träumen und schnüffel... Ich weiß, gab sie zurück. Und es war noch immer seltsam, wie leicht das ging – ein Gespräch mit etwas, das jahrelang nur Zähne und Schrecken gewesen war. Und weil sie gelernt hatte, ihm zuzuhören, gehorchte sie. Etwas von außerhalb ihres Kopfes. Etwas Lebendiges. Etwas, das litt. Sie hörte es, lange bevor sie es sah. Kein Schrei... Rehe schreien selten, selbst wenn sie sterben. Sie fand die Ricke in einer Senke am Bach. Stiefelabdrücke, zwei Paar, schwer und achtlos. Die Ricke warf den Kopf herum, als Nefatina näher trat. Die Augen weit, schwarz, voller Weiß. Nefatina sank ins Gras, drei Schritte entfernt, und machte sich klein. Dann begann sie zu summen. Es war kein Lied, das man sie gelehrt hatte – wer hätte sie lehren sollen?... Es kam aus ihr heraus wie Wasser aus einer Quelle, immer dann, wenn sie bei einem verletzten Tier saß, und erst spät hatte sie begriffen, dass es zweistimmig war. Eine Stimme in der Kehle, dunkel und warm – die des Wolfes. Und eine zweite, höhere, irgendwo dahinter, die gar nicht ganz aus ihr zu kommen schien, als sänge der Wald selbst durch sie hindurch – das Erbe des Elfen? Vielleicht war am Ende beides dasselbe. Ihr Vater hätte gewusst, was sie da sang, ohne es je gelernt zu haben: die alte Gabe seines Volkes, das La durch eine Kehle zu gießen, Knospen damit zu öffnen und Wunden Ruhe zu geben. Sie wusste es nicht. Sie wusste nur – die Tiere kannten dieses Lied. Sie kannten es immer. Die Ricke hörte auf zu scharren. Es dauerte bis zum Abend, ehe Nefatina sie berühren durfte. Sie hatte in der Zwischenzeit kaltes Bachwasser geholt, in Blättern, Schicht um Schicht, und heilkräuter zerkaut und weitere gesucht, und als ihre Hände endlich an die Wunde durften, arbeiteten sie ruhig und sicher, als hätten sie das tausendmal getan. Hatten sie auch. Verletzte Tiere waren ihr ganzes Leben lang die einzigen Patienten gewesen, die nicht vor ihr flohen. Der Bolzen war aus billigem, grob geschmiedetem Eisen. So wie die Männer nicht hierher gehörten, die es verschossen hatten. Sieben Tage blieb sie bei der Ricke. Sie schiente und wusch die Wunde, und sie summte. Sie schlief drei Schritte entfernt im Farn, und in der dritten Nacht, als es kalt wurde, legte das Tier sich an ihre Seite, die Flanke an ihrem Rücken, und Nefatina lag wach und wagte kaum zu atmen, weil sie nicht wusste, wohin mit so viel geschenktem Vertrauen. Am siebten Tag stand die Ricke auf, lief drei humpelnde Schritte. Nefatina saß im Gras und sah ihr zu, und etwas in ihrer Brust war so weit und so warm, dass es fast schmerzte. Das war es... das wahre Erbe ihres Vaters. Nicht die feinen Ohren, nicht das leichte Laufen, nicht das Lesen der Spuren. Dann fiel ihr Blick auf den Bolzen, die noch immer neben ihrem Lager im Moos lag. Und das warme Gefühl bekam eine eiskalte Umrandung. Zwei Paar Stiefel. Eine Drahtschlinge... Die kamen wieder. Solche kamen immer wieder, bis der Wald leergeblutet war. Nefatina hob den Bolzen auf, wickelte ihn in ein Blatt und verschnürte es, sorgfältig, wie man ein Beweisstück verschnürt. Oder ein Versprechen... In dieser Nacht, als die Ricke schlief, ging in Nefatina etwas anderes auf die Suche... Etwas, das nicht summte... Beiträge in diesem Thread
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