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Re: „Wo die Seelen sterben"

Nefatina

Stattdessen geschah etwas, das nicht hätte geschehen dürfen. Nicht in dieser Nacht, nicht unter diesem Mond.

Das Fell wich zurück.

Es war keine Verwandlung wie sonst – kein Zerbrechen, kein Schmerz. Es war, als löste das Licht die Wölfin einfach auf wie Tau in der Morgensonne, sanft, Schicht um Schicht, bis Nefatina wieder auf zwei nackten Beinen im Schilf stand, zitternd, mit Elfenhänden und keiner Schnauze mehr.

Der Vollmond stand noch immer am Himmel. Und sie war trotzdem sie.

Das hatte die Göttin getan. Als Geschenk vielleicht. Als Beweis?

Aber alles, was dieses Geschenk in Nefatina aufriss, war die eine Erkenntnis, die schlimmer war als jeder KAmpf: Du kannst es also. Du konntest es die ganze Zeit.

Und da brach es aus ihr heraus.

„Wo warst du", sagte sie, und ihre Stimme war leise, viel zu leise für das, was darin lag, „als ich das erste Mal zerbrochen bin? Ich war sechs Winter alt. Ich wusste nicht, was mit mir geschieht. Ich dachte, ich sterbe. Ich wollte sterben, damit es aufhört. Wo warst du da?"

Die Gestalt auf dem Wasser rührte sich nicht. Die ausgestreckte Hand blieb ausgestreckt.

„Wo warst du, als das Rudel mich duldete, weil ich roch wie sie? Als ich lernte, dass man um jeden Bissen kämpft und dass die Letzte am Riss verhungert? Wo warst du, als die alte Wölfin starb, das einzige Wesen, das mich je gewärmt hat, und ich drei Tage neben ihrem Körper lag, weil ich nicht wusste, wie man Abschied nimmt?"

Ihre Stimme wurde lauter. Die Worte, jahrelang gesammelt wie wie alte Knochen, fielen jetzt alle auf einmal aus ihr heraus, und sie konnte sie nicht mehr aufhalten und wollte es auch nicht.

„Wo warst du, als ich zum ersten Mal Elfen sah und dachte: Das bin ich, das ist mein Volk – und sie Pfeile auf mich richteten, weil meine Augen im Dunkeln leuchteten? Wo warst du, als ich am Waldrand saß, Nacht für Nacht, und ihren Liedern lauschte, und kein einziges Wort verstand? Wo warst du, als ich meinen eigenen Namen vergaß, weil zehn Jahre lang niemand da war, der ihn aussprach?"

Sie machte einen Schritt ins Wasser. Es war eiskalt. Es war ihr egal. Es war ihr so sehr egal.

„Wo warst du, als ich betete, ohne zu wissen, wie man betet? Ich habe geheult, jede Vollmondnacht, zu deinem Mond, zu deinem Licht, zu dir – das war mein einziges Gebet, das einzige, das ich konnte. Hast du es gehört? Hast du all die Jahre zugehört und geschwiegen?"

Noch ein Schritt. Das Wasser stand ihr jetzt bis zu den Knien, und das Spiegelbild des Mondes zerbrach um ihre Beine in tausende silberne Scherben, wie Glas der zerbrach.

„Wo warst du, als meine Mutter mit dir tanzte? Sie hat dir vertraut. Sie hat ihr Kind unter deinem Licht geboren und dir anvertraut, das weiß ich, das spüre ich, das ist das einzige, was ich von ihr noch in mir trage – und du hast es genommen und fallen lassen. Wo warst du, als sie verschwand? Wo warst du, als mein Vater verschwand? Wo warst du, als aus ihrem Kind ein Tier wurde, das nicht einmal mehr weinen konnte, weil Wölfe keine Tränen haben?"

Sie stand jetzt bis zur Hüfte im See, keine Armlänge mehr von der knienden Lichtgestalt entfernt, und sah hinauf in ein Gesicht, das schöner war als alles, was sie je gesehen hatte, und trauriger als alles, was sie je gesehen hatte, und sie hasste es dafür, dass es beides zugleich sein durfte.

„Du bist die Göttin der Verlorenen", flüsterte sie. Jetzt kamen die Tränen, jetzt, wo sie einen Körper hatte, der weinen konnte, kamen sie alle auf einmal, die Tränen aus zehn Wintern. „Du lässt keines deiner Kinder in der Dunkelheit zurück. So hat sie es gesungen. So hat sie es geglaubt. Also sag es mir. Sag es mir ins Gesicht, hier, in deinem Licht, auf deinem Wasser"

Ihre Stimme zerbrach.

„– warum mich?"

Der See trug die Frage davon, hinaus über das schwarze Wasser, in die Bäume, in die Nacht. Und dann war es still. So still, wie es nur dort wird, wo eine Seele alles gesagt hat, was sie hatte.

Die Hand aus Licht schwebte noch immer vor ihr, geöffnet, geduldig.

Und ganz langsam begann die Göttin zu sprechen.

Ihre Stimme war kein Klang. Sie war das, was von einem Klang übrig bleibt, wenn man ihn sein Leben lang vermisst hat – und sie kam nicht aus dem Mund der Gestalt, sondern aus dem Wasser, aus dem Mondlicht, aus dem Boden des Sees unter Nefatinas nackten Füßen.

Später würde Nefatina nie mit Gewissheit sagen können, ob in jener Nacht jemand zu ihr gesprochen hatte oder ob die Worte aus einem Ort tief in ihr selbst aufgestiegen waren, aus etwas, das ihr Blut längst wusste und das nur dieser eine Mond aus ihr herauslöste.

In der Erinnerung klang beides gleich.

„Du fragst, wo ich war", sagte Eilistraee. „Also will ich dir antworten, Tochter der Alniira. Aber zuerst musst du etwas verstehen, das deine Mutter wusste und das ich keinem Kind je freiwillig sagen würde: Ich bin keine Göttin, die überall ist. Das sind die anderen, die Großen, die Satten, die auf Thronen sitzen. Ich bin die Göttin derer, die im Dunkeln gehen. Und das heißt, ich gehe ihnen nach. Schritt für Schritt. In Orte hinein, die mich nicht wollen."

Das Licht um die kniende Gestalt flackerte – und zum ersten Mal fiel Nefatina auf, dass es flackerte. Dass es das die ganze Zeit getan hatte. Kein ruhiges Leuchten, sondern ein Ringen, wie eine Kerze im Wind, wie etwas, das gegen einen Widerstand brennt.

„Deine Mutter tanzte für mich, ja. Aber sie trug mehr als das Schwert: Sie trug den Wolf unter der Haut und führte ein Rudel, das im Mond keine Raserei suchte, sondern Maß; sie lehrte andere, die den Wolf ebenso trugen, wie man ihn bändigt, ohne an ihm zu zerbrechen. Dein Vater lief an ihrer Seite, und beide verbargen das Wolfsblut vor der Welt – nicht aus Scham, Kind. Aus Schutz. Für dich." Die Gestalt neigte den Kopf. „Sie folgten einem Haus, das nicht hätte verschwinden dürfen. Ky'Alur. Ein ganzes Haus, hinab in die Höhlen, lautlos, restlos – und Alniira wäre nicht Alniira gewesen, hätte sie nicht wissen wollen, wohin. Ich habe sie gewarnt. Ich habe ihr ins Herz gesungen: Geh nicht. Sie ist trotzdem gegangen. Sie hat dich beim Rudel gelassen, an dem einzigen Ort, von dem sie wusste, dass das Blut in dir dort niemanden erschrecken würde – und sie ist gegangen, weil sie glaubte, sie käme zurück, ehe du laufen kannst."

Nefatina stand reglos im hüfttiefen Wasser.

„Und dann", sagte Eilistraee, und jetzt wurde die Stimme leiser, rauer, als spräche da nicht eine Göttin, sondern eine Mutter, „dann verschwanden sie aus meinem Lied. Nicht wie Sterbende verschwinden, Kind. Wenn meine Kinder sterben, höre ich es – es ist, als risse eine Saite, und ich trage den Ton in mir weiter, für immer. Bei ihnen riss nichts. Sie wurden... leise. Wie eine Stimme, die hinter eine Tür tritt. Die Höhlen, in die sie gingen, sind kein Ort. Sie sind eine Wunde zwischen den Orten, ein Riss in dem, was die Welt zusammenhält, und dahinter liegt ein Land, das älter ist als mein Mond. Mein Licht endet an dieser Schwelle. Mein Lied endet dort. Ich habe an diesem Riss gestanden, Nefatina, wie du jetzt vor mir stehst, und ich habe hineingerufen, mit allem, was ich bin –"

Das Flackern wurde stärker. Einen Atemzug lang war die Gestalt fast durchsichtig.

„– und der Riss hat nicht einmal ein Echo zurückgegeben."

„Dann sind sie tot", sagte Nefatina tonlos.

„Das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt: Ich weiß es nicht. Und das, Kind, ist das Geständnis, das du von mir hören wolltest, auch wenn es anders klingt, als du dachtest. Du hast gefragt, wo ich war. Hier ist die Wahrheit: Ich war am falschen Riss. Ich habe zehn Winter lang die Schwelle bewacht, hinter der deine Eltern verschwanden, und auf zwei Erwachsene gewartet – und währenddessen saß drei Täler weiter ein Kind am Waldrand und heulte zu meinem Mond, und ich hielt es für einen Wolf."

Die Stimme zerbrach beinahe. „Ich bin die Göttin der Verlorenen, und ich habe dich übersehen, weil du zu gut verloren warst. Deine Mutter lehrte fremde Wölfe, den Mond zu tragen, ohne daran zu zerbrechen – und ihr eigenes Kind lernte es von niemandem. Das werde ich mir nicht verzeihen. Ich verlange nicht, dass du es tust."

Der Wind ging wieder durch die Bäume, und Nefatina bemerkte etwas, das sie die ganze Nacht nicht bemerkt hatte – oder nicht hatte bemerken wollen. Die Bäume rochen anders. Nur um eine Winzigkeit. Wie ein Lied, das jemand richtig singt, aber in einer fremden Sprache. Und der Mond über den Wipfeln: War er heute Nacht nicht zu groß gewesen? Stand er nicht eine Handbreit zu tief?

„Wo bin ich hier?", fragte sie leise. „Diese Höhlen, durch die ich gegangen bin, um sie zu suchen... als ich herauskam, war Wald. Es war einfach Wald. Ist das hier noch –"

Sie sprach es nicht zu Ende.

Die Göttin sah sie lange an. Das Flackern ihres Lichts war jetzt nicht mehr zu übersehen, dieses mühsame, kämpfende Leuchten, und vielleicht war genau das die Antwort, und vielleicht auch nicht.

„Ich bin dir gefolgt, so weit ich kann", sagte Eilistraee schließlich. „Frag mich nicht, wie weit das ist. Es gibt Nächte, da weiß ich selbst nicht, auf welcher Seite eines Spiegels ich singe. Aber eines weißt du jetzt, und das ist mehr, als du gestern wusstest: Du bist auf ihrem Weg. Du stehst genau dort, wo deine Eltern gegangen sind – und diesmal", die Hand aus Licht streckte sich ihr wieder entgegen, offen, zitternd vor Anstrengung, „diesmal lasse ich das Kind nicht aus meinem Lied. Und wenn ich dafür an Orte singen muss, die meinen Mond nicht kennen."

Nefatina sah die Hand an.

Viele Winter Schweigen lagen zwischen ihnen. Eine Kindheit. Ein vergessener Name. Das alles verschwand nicht, weil eine Göttin weinte – wenn Göttinnen das überhaupt taten, wenn dieses Glitzern auf dem lichten Gesicht nicht nur Mondlicht auf Wasser war.

Sie stand bis zur Hüfte in kaltem Wasser, in einem Wald, der nicht richtig roch, unter einem Mond, der zu groß war, und vor ihr kniete die einzige Macht der Welt, die behauptete, sie zu suchen.

Hinter ihr lag nichts. Kein Rudel mehr. Kein Name. Niemand, der nach ihr rief.

Nur sie. Und die Hand.

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