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„Wo die Seelen sterben - Finale"

Nefatina

Vom Rest dieser Nacht besaß Nefatina nur Scherben als Erinnerung.
Das war die einzige Gnade die ihr gewährt worden ist.
Denn was geschah, geschah durch sie und war doch längst nicht mehr sie selbst.

Der Mond stieg über die Hügel, runder und früher, als ihr Verstand erwartet hatte.
Das Ziehen kam mitten im Lauf, viel zu schnell. Der erste Krampf. Die Verwandlung zum Wolf begann.

Dann Fackeln. Feuer zwischen den Stämmen, das Einzige, vor dem ihr Blut sich fürchtete.
Männerstimmen, grell vor Angst und Triumph, da... da ist sie, die Bestie! Das Sirren der Armbrust, die sie für leer gehalten hatte. Ein Riss über der Schulter, der wie ein glühendes Stück Metall brannte und tief im Fleisch sitzen blieb.
Eine Drahtschlinge riss sich um den Vorderlauf zu, ihre eigene, zurückgelassene, und warf die Wölfin ins Moos.

Da hatten sie sie.
Ein angeschossenes Tier, ein Bein in der Schlinge, das Silber der Bolzenspitze tief in der Schulter.
Nur noch eine verwundete Wölfin im Farn. Die beiden Männer traten aus dem Fackellicht und stellten sich um sie, einer links, einer rechts, Armbrust und Messer gesenkt, und in ihren Gesichtern stand schon der Triumph.

Sie glaubten, das Schwerste sei getan...

In diesem Augenblick begann die Wölfin sich zu verändern.

Schmerz, Feuer, Silber – drei Schlüssel, und drei Schlösser sprangen auf.

Tief in ihr lag eine Halle, kein Raum aus Stein, sondern aus allem, was sie war: weit, dämmrig und still wie der Grund eines Sees. Und in dieser Halle standen drei Türen.

Die erste war niedrig und warm, das Holz von tausend Krallen zerkratzt: dahinter die Wölfin.
Die zweite war aus dunklem, glattem Stein, kalt, ohne Griff und ohne Ritze: dahinter die Drow.
Die dritte war aus lebendigem Holz, von Wurzeln durchwachsen, und hinter ihr atmete grün und leise das Erbe ihres Vaters.

Ihr ganzes Leben lang hatte sie zwischen diesen Türen Wache gestanden, mitten in der Halle – ihr wacher Verstand, das kleine, bewusste Ich, das Nefatina hieß –, und keine je ganz aufgehen lassen, damit eine die andere nie fände.

In dieser Nacht flogen alle drei Türen zugleich auf.

Heraus traten die drei. Nicht als Gedanken, nicht als Stimmen im Kopf.
Als Gestalten aus Licht und Schatten, die in die Halle ihres Geistes drängten und auf sie zukamen.
Und sie redeten nicht. Sie schrien.

Sie schrien vor Schmerz.
Die Wölfin, ein rohes, rotes Heulen, das Silber tief im eigenen Fleisch.
Die Drow, ein kalter, gläserner Schrei, scharf wie der Splitter, der gleich kommen sollte.
Der Waldelf, ein langes Klagen um den ausgebluteten Wald, das so weh tat, dass es kaum noch ein Laut war, nur noch eine offene Wunde.

Drei Schreie, alle aus Schmerz geboren, und alle gerichtet auf den einen Punkt in der Mitte: auf das kleine Ich, das die Türen so lange zugehalten hatte.

Sie fiehlen über ihr zusammen.
Und im zusammenfallen wurden ihre Schreie zu Stein.

Jeder Schrei gerann zu einem Juwel, und jedes Juwel schloss eine ihrer Seelen in sich ein.

Der erste war blutrot, ein Rubin, in dem die Wut der Wölfin brannte wie ein Tropfen geronnenen Feuers.
Der zweite war tiefschwarz, ein Onyx, der das Licht fraß – jede Liebe, jede Hoffnung verschluckte er, bis um ihn her nur Dunkelheit blieb.
Der dritte war grün, eine Träne aus Stein, und in ihr lag alles Leid des Waldes: jedes geschlagene Tier, jeder gefällte Baum, jedes Kind, das man an einen Ast gehängt hatte.

Rubin, Onyx und grüne Träne fügten sich zusammen, Fläche an Fläche, zu einem einzigen Kristall – und in seine Mitte schlossen sie das ein, was von ihr selbst noch übrig war: kein Stein, sondern ein kleines Mädchen, klein und still zwischen den drei dunklen Juwelen. Nefatina. Sie sah hinaus durch Rot und Schwarz und Grün und konnte sich nicht rühren, nicht schreien, nichts tun als zusehen.

Gefangen in der Mitte ihrer selbst.

Für einen einzigen pulsierenden Herzschlag war der Kristall absolut vollkommen in seiner Struktur.

Dann explodierte er.

Der Kristall barst in tausend Splitter, und mit ihm zersprang Nefatina in seiner Mitte. Jeder Splitter war ein Stück von ihr – ein Tag im Rudel, ein vergessener Name, das Reh, das Lied am See, das Wort Genug. Alles, was Nefatina gewesen war, flog auseinander wie Glas unter einem Schmiedehammer, lautlos und endgültig.

In der Halle, in der eben noch ein Mädchen gestanden hatte, blieb kein Stein auf dem anderen.

Was sich aus den Scherben erhob, war der Krenos. Und er war alle drei auf einmal.

Was die beiden Männer sahen, war das Ende ihres Triumphs...

Wo eben noch eine verwundete Wölfin im Moos gelegen hatte, richtete sich etwas auf. Es wuchs, und es wuchs, bis es die beiden Männer um die Hälfte überragte – ein Schatten, der die Fackeln verschluckte und das Mondlicht zerschnitt. Aufgerichtet auf zwei Beinen und doch kein Mensch, Fell über Strängen von Muskeln, Pranken mit zu langen Fingern, ein Kiefer, der zu keinem Wolf dieser Welt gehörte.
Es entfaltete sich vor ihnen in voller Höhe, wie ein altes, falsches Gebet, das nach tausend Jahren endlich erhört wird, und stand dann einfach da, riesig und reglos, und ließ ihnen Zeit, zu begreifen, was sie aus dem Boden gerufen hatten.

In den Gesichtern der Männer erlosch der Triumph.
Was an seine Stelle trat, war älter als Mut, älter als der Verstand selbst, es war die Angst des ersten Menschen, der nachts ein Knurren im Dunkeln hörte und in den Eingeweiden wusste, dass er nie an der Spitze der Nahrungskette gestanden hatte.
Dem Jüngeren gaben die Knie nach; ein dunkler Fleck breitete sich über seiner Hose aus, und er merkte es nicht einmal. Der Größere riss die Armbrust hoch, doch seine Hände zitterten so sehr, dass der Bolzen weit an dem Riesen vorbei in die Nacht flog.

Der Wolf gab ihm die Wut. Die rohe, rastlose Gier, die weiterreißt, lange nachdem jeder Hunger gestillt ist. Kraft. Schnelligkeit. Die Lust am Zerfetzen.

Die Drow gab ihm die Präzision. Selbst in der Raserei wusste etwas in der Krenosgestalt genau, wohin – die Sehne über der Ferse, die Schlagader unter dem Kiefer, den einen Punkt, an dem ein Mann zu fallen beginnt. Die Drow machte aus dem Blutrausch eine Kunst. Jeder Schlag saß. Jeder war tödlich.

Und der Waldelf gab ihm den Wald – als Sinne, als Wissen, als die älteste Wut von allen.

Der Krenos roch die Angst, den scharfen, sauren Schweiß der Panik.
Er hörte ihre Herzen hämmern, zwei zu schnelle Trommeln im sonst ruhigen Wald.
Er las ihre Körper im Dunkeln, wie ihr Vater einst Spuren gelesen hatte.
Jede Dunkelheit verriet sie, jede Stille, jeder angehaltene Atem hinter einem Stamm.
Und die Empathie der Waldelfen, mit der sie sonst jedes Leid teilte, blieb, sie zeigte dem Wesen jetzt nur noch, wo es am tiefsten treffen würde.

Er kannte diesen Wald. Jeden Stein, jeden umgestürzten Baum, jedes Dornengestrüpp besser, als die beiden je den Weg hinaus finden würden.
Also trieb er sie: dorthin, wo der Boden weich wurde und das Dickicht sich schloss, wo jeder Fluchtweg in eine Enge aus Wurzel und Ranke lief, die er auswendig kannte und sie zum ersten Mal betraten. Sie liefen genau dorthin, wohin er sie haben wollte, und hielten es für ihre eigene Wahl.

Für die Wölfin war dieser Wald ein Revier, für die Drow ein Schlachtfeld. Für den Waldelf war er ein atmendes Du.
Und diese Männer hatten seine Kinder an einen Ast gehängt wie Wäsche. Das machte aus dem Töten eine Abrechnung ohne jedes Maß, denn Liebe, die zu Wut wird, kennt keines.

Aus derselben zweistimmigen Kehle, die dem Reh Ruhe gesungen hatte, kam jetzt ein Heulen, ein Klagen, so alt und so falsch, dass den Männern das Blut stockte, ehe die Krallen sie erreichten.

Der Krenos kam nicht gerannt. Noch nicht...
Er kam langsam, Schritt für Schritt, und ließ ihnen Zeit, jeden Schritt einzelnen zu zählen.
Ein umgestürzter Stamm lag zwischen ihm und ihnen, dick wie der Leib eines Mannes. Im Gehen, fast beiläufig, setzte er die Pranke darauf – und der Stamm zerbarst, als wäre er morsches Holz; Splitter und Rinde flogen in den Farn.
Er zerschlug ihn nicht aus Wut. Er zerschlug ihn, weil er im Weg lag. Und das war das Schlimmste: dass etwas, das einen Baumstamm zermalmte, ohne hinzusehen, sich für sie alle Zeit der Welt nahm.

Der Größere war ein Kämpfer, das musste man ihm lassen...
Als der Krenos die letzten Schritte ging – jetzt schnell, jetzt ohne jeden Aufschub, warf er die leergeschossene Armbrust fort und riss das Messer zitternd aus dem Gürtel.
Es half ihm nichts. Der erste Hieb fuhr ihm so tief von hinten in die Beine, dass er sich überschlug; als er liegen blieb, war die Achillessehne durchtrennt, und ein Mann, der nicht mehr steht, kämpft nicht mehr.

Der Schrei kam später. Er kam lange. Der Wolf wollte das weiche Fleisch unter den Rippen, die Drow lenkte die Klauen drei Finger höher, dorthin, wo das Leben am schnellsten aus ihm weicht. So starb er an Gier und Berechnung zugleich. Seine eigene Fackel fiel in den Farn, fraß sich in seinen Ärmel, und der Geruch von verbranntem Fleisch legte sich über den von Blut und nassem Moos.

Der Jüngere sah alles. Er warf das Messer weg, das er drei Nächte lang gegen den falschen Feind gezogen hatte, und rannte um sein leben.
Er rannte gut. Er rannte, wie der Wald einen das Laufen lehrt, wenn nur noch Laufen bleibt.
Doch er rannte dorthin, wohin der Krenos ihn trieb. In jene Lücke, durch die er ausbrechen wollte, stand mit einem Mal das Wesen, bis nur die eine Richtung übrig war: ins dichteste Dornengestrüpp, über den umgestürzten, moosbedeckten Baumstamm, den nur einer von ihnen im Dunkeln kannte.
Der Junge stürzte, kam hoch, verfing sich, stürzte wieder.

Es ging schnell, das war die einzige Gnade, die das Wesen kannte. Der Junge bat um nichts; dafür blieb keine Zeit. Und ein letzter, ertrinkender Rest von Nefatina, tief unter den Scherben, wusste; Es hätte ohnehin alles gleich geendet. Bitten, flehen, versprechen, all das wäre an dem Krenos abgeglitten. Er kannte eine einzige Antwort auf Schmerz, und sie war alternativlos.

Dann war es vorbei, und der Krenos stand still.

Er stand über dem, was vom Jüngeren übrig war, tief im Dickicht – weit von der Stelle, an der der Größere gefallen war.
Drüben am alten Lagerplatz fraß sich das Feuer der gefallenen Fackel durch den Farn und warf ein rotes, zuckendes Licht bis zu ihm her. Das Fell klebrig und schwarz, das Blut darauf rauchte in der kalten Luft. Die Brust hob und senkte sich, träge, als hätte das Wesen alle Zeit der Welt. Und auf seinem Gesicht lag etwas wie ein Lächeln – das eine Bild, das sich später in Nefatinas Scherben brennen würde, ohne dass sie je wüsste, woher.

Es war mehr als ein Fletschen. Es war falscher. Die Lefzen zurückgezogen über zu viele Zähne, der Kiefer halb zu einem Grinsen verzogen, das in dieser Welt nirgends hingehörte, zu menschlich für ein Tier, zu tierisch für einen Menschen, eine Fratze, in der drei Naturen zugleich zerrten.

Der Wolf grinste, satt von etwas, das kein Fleisch war. Die Drow lächelte, kalt und zufrieden, die Rechnung beglichen.
Und darunter, in denselben Zügen, weinten die Augen des Waldelfen; Tränen liefen durch das Blut auf der Schnauze, während der Mund grinste.

Ein lächelndes, weinendes, blutverschmiertes Ding stand über dem Toten und wusste nicht mehr, wer es war.

Über allem stand der Mond – der einzige Zeuge dieser Nacht, das Einzige, das alles sah, woran Nefatina sich nie würde erinnern können. Sein Licht lag gleichgültig auf dem Blut und machte es schwarz, und der Wald hielt den Atem an.


Nefatina erwachte im Morgengrauen am Bach, auf zwei Beinen, mit roten Händen. Die Wunde an der Schulter klaffte noch offen, schwarz an den Rändern, das Einzige an ihr, das blieb. Das Silber saß tief.

Sie musste nicht zurückgehen, um zu wissen, was hinter ihr lag. Sie roch es an sich selbst, sie schmeckte es. Und dann kam, durch die Scherben, das Schlimmste, die Erinnerung an ihren eigenen Entschluss.

Geht. Geht, und ihr werdet leben.

Sie hatte es ernst gemeint. Sie hatte die Jungtiere mit bloßen Händen begraben, die Drohung in eine Warnung verwandelt, zum ersten Mal in ihrem Leben den Weg gewählt, den die Göttin ihr gezeigt hatte. Den Weg des Mondlichts, aus Liebe statt aus Hass. Und am Ende stand genau dasselbe.
Eilistraee hatte ihr den rechten Weg gewiesen, und derselbe Mond, dem die Göttin gehörte, hatte ihn ihr unter den Füßen weggerissen, ehe sie drei Schritte darauf hatte tun können.

Das war die Grausamkeit, an der sie fast zerbrach: Sie hatte sich für die Gnade entschieden, und ihre Entscheidung hatte nichts gebracht.

Sie kniete sich ins eiskalte Wasser und wusch sich, und wusch sich, der Bach floss längst wieder klar. Das, was sie loswerden wollte, saß tiefer.

Einmal, als sie aufsah, meinte sie auf dem Wasser einen einzelnen silbernen Tropfen fallen und versinken zu sehen – oder das Spiegelbild des Mondes zittern, als hätte der Mond selbst geweint. Sie hielt ganz still und sah hin. Da war nichts mehr.
Vielleicht war es nur Mondlicht auf schwarzem Wasser gewesen, vielleicht nur die Erschöpfung, vielleicht das Mondfieber, das noch immer nicht ganz aus ihren Knochen gewichen war.

Sie würde es nie erfahren. Aber sie hätte schwören können, dass in jenem Augenblick jemand mit ihr trauerte – und dass dieser Jemand aus demselben Silber gemacht war, das noch in ihrer Schulter brannte.

Und da war mehr als das Blut. Die Empathie ihres Vatervolkes erlosch auch im Krenos nie, und so hatte das Wesen beide Männer sterben gefühlt, von innen, im Augenblick des Erlöschens. Sie trug jetzt zwei fremde letzte Atemzüge in sich, so deutlich wie eigene.
Wölfe, hatte sie einmal geglaubt, haben keine Tränen. Sie hatte sich geirrt. An diesem Morgen weinte sie für zwei Männer, die sie gehasst, verschont und dann zerrissen hatte, und sie kannte ihre Namen nicht einmal.

Gegen Mittag tat sie das Einzige, was blieb.
Sie ging zurück und begrub, was zu begraben war, tief, wie der Wald es verlangt. Sie sprach kein Wort dabei, in keiner ihrer drei Sprachen gab es eines dafür. Aber sie blieb, bis es getan war.

Als sie am Abend zur Senke am Bach zurückkam, stand dort die Ricke.
Sie hatte gewartet, all die Tage. Tiere warten, wenn man ihnen einmal zugehört hat. Sie hob den Kopf, als Nefatina aus den Dickicht trat.

Und floh.

Ein einziger Atemzug, in dem die Nüstern sich blähten, gefolgt von Stille. Das Tier wusste, was es roch.

Es roch den Krenos.

„Ich weiß", sagte sie leise in die Richtung, in der das Reh verschwunden war. Ihre Stimme war ganz ruhig. „Ich würde auch weglaufen."

Über den Wipfeln ging der Mond auf, fast noch voll, und sein Licht fiel durch die Bäume wie durch Finger, die sich nicht ganz schließen wollen. Nefatina sah lange hinauf. Sie verfluchte ihn nicht; sie war zu müde, ihn erneut anzuklagen.

„Du hast gesagt, du lässt das Kind nicht aus deinem Lied", sagte sie schließlich. „Ich habe deinen Weg gewählt. Ich habe ihn wirklich gewählt. Und sieh, wohin er geführt hat." Sie schluckte. „Dann sing auch das hier mit. Wenn du mich schon in deinem Lied behältst – dann gehört das Monster dazu."

Der Mond schwieg. Aber er blieb. Die ganze Nacht, bis zum Morgen, legte sein Licht auf das Wasser wie eine offene Hand, die wartet.

Und irgendwo, viele Täler weit, heulte Wolf.

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