Vom Rest dieser Nacht besaß Nefatina nur Scherben als Erinnerung. Der Mond stieg über die Hügel, runder und früher, als ihr Verstand erwartet hatte. Dann Fackeln. Feuer zwischen den Stämmen, das Einzige, vor dem ihr Blut sich fürchtete. Da hatten sie sie. Sie glaubten, das Schwerste sei getan... In diesem Augenblick begann die Wölfin sich zu verändern. Schmerz, Feuer, Silber – drei Schlüssel, und drei Schlösser sprangen auf. Tief in ihr lag eine Halle, kein Raum aus Stein, sondern aus allem, was sie war: weit, dämmrig und still wie der Grund eines Sees. Und in dieser Halle standen drei Türen. Die erste war niedrig und warm, das Holz von tausend Krallen zerkratzt: dahinter die Wölfin. Ihr ganzes Leben lang hatte sie zwischen diesen Türen Wache gestanden, mitten in der Halle – ihr wacher Verstand, das kleine, bewusste Ich, das Nefatina hieß –, und keine je ganz aufgehen lassen, damit eine die andere nie fände. In dieser Nacht flogen alle drei Türen zugleich auf. Heraus traten die drei. Nicht als Gedanken, nicht als Stimmen im Kopf. Sie schrien vor Schmerz. Drei Schreie, alle aus Schmerz geboren, und alle gerichtet auf den einen Punkt in der Mitte: auf das kleine Ich, das die Türen so lange zugehalten hatte. Sie fiehlen über ihr zusammen. Jeder Schrei gerann zu einem Juwel, und jedes Juwel schloss eine ihrer Seelen in sich ein. Der erste war blutrot, ein Rubin, in dem die Wut der Wölfin brannte wie ein Tropfen geronnenen Feuers. Rubin, Onyx und grüne Träne fügten sich zusammen, Fläche an Fläche, zu einem einzigen Kristall – und in seine Mitte schlossen sie das ein, was von ihr selbst noch übrig war: kein Stein, sondern ein kleines Mädchen, klein und still zwischen den drei dunklen Juwelen. Nefatina. Sie sah hinaus durch Rot und Schwarz und Grün und konnte sich nicht rühren, nicht schreien, nichts tun als zusehen. Gefangen in der Mitte ihrer selbst. Für einen einzigen pulsierenden Herzschlag war der Kristall absolut vollkommen in seiner Struktur. Dann explodierte er. Der Kristall barst in tausend Splitter, und mit ihm zersprang Nefatina in seiner Mitte. Jeder Splitter war ein Stück von ihr – ein Tag im Rudel, ein vergessener Name, das Reh, das Lied am See, das Wort Genug. Alles, was Nefatina gewesen war, flog auseinander wie Glas unter einem Schmiedehammer, lautlos und endgültig. In der Halle, in der eben noch ein Mädchen gestanden hatte, blieb kein Stein auf dem anderen. Was sich aus den Scherben erhob, war der Krenos. Und er war alle drei auf einmal. Was die beiden Männer sahen, war das Ende ihres Triumphs... Wo eben noch eine verwundete Wölfin im Moos gelegen hatte, richtete sich etwas auf. Es wuchs, und es wuchs, bis es die beiden Männer um die Hälfte überragte – ein Schatten, der die Fackeln verschluckte und das Mondlicht zerschnitt. Aufgerichtet auf zwei Beinen und doch kein Mensch, Fell über Strängen von Muskeln, Pranken mit zu langen Fingern, ein Kiefer, der zu keinem Wolf dieser Welt gehörte. In den Gesichtern der Männer erlosch der Triumph. Der Wolf gab ihm die Wut. Die rohe, rastlose Gier, die weiterreißt, lange nachdem jeder Hunger gestillt ist. Kraft. Schnelligkeit. Die Lust am Zerfetzen. Die Drow gab ihm die Präzision. Selbst in der Raserei wusste etwas in der Krenosgestalt genau, wohin – die Sehne über der Ferse, die Schlagader unter dem Kiefer, den einen Punkt, an dem ein Mann zu fallen beginnt. Die Drow machte aus dem Blutrausch eine Kunst. Jeder Schlag saß. Jeder war tödlich. Und der Waldelf gab ihm den Wald – als Sinne, als Wissen, als die älteste Wut von allen. Der Krenos roch die Angst, den scharfen, sauren Schweiß der Panik. Er kannte diesen Wald. Jeden Stein, jeden umgestürzten Baum, jedes Dornengestrüpp besser, als die beiden je den Weg hinaus finden würden. Für die Wölfin war dieser Wald ein Revier, für die Drow ein Schlachtfeld. Für den Waldelf war er ein atmendes Du. Aus derselben zweistimmigen Kehle, die dem Reh Ruhe gesungen hatte, kam jetzt ein Heulen, ein Klagen, so alt und so falsch, dass den Männern das Blut stockte, ehe die Krallen sie erreichten. Der Krenos kam nicht gerannt. Noch nicht... Der Größere war ein Kämpfer, das musste man ihm lassen... Der Schrei kam später. Er kam lange. Der Wolf wollte das weiche Fleisch unter den Rippen, die Drow lenkte die Klauen drei Finger höher, dorthin, wo das Leben am schnellsten aus ihm weicht. So starb er an Gier und Berechnung zugleich. Seine eigene Fackel fiel in den Farn, fraß sich in seinen Ärmel, und der Geruch von verbranntem Fleisch legte sich über den von Blut und nassem Moos. Der Jüngere sah alles. Er warf das Messer weg, das er drei Nächte lang gegen den falschen Feind gezogen hatte, und rannte um sein leben. Es ging schnell, das war die einzige Gnade, die das Wesen kannte. Der Junge bat um nichts; dafür blieb keine Zeit. Und ein letzter, ertrinkender Rest von Nefatina, tief unter den Scherben, wusste; Es hätte ohnehin alles gleich geendet. Bitten, flehen, versprechen, all das wäre an dem Krenos abgeglitten. Er kannte eine einzige Antwort auf Schmerz, und sie war alternativlos. Dann war es vorbei, und der Krenos stand still. Er stand über dem, was vom Jüngeren übrig war, tief im Dickicht – weit von der Stelle, an der der Größere gefallen war. Es war mehr als ein Fletschen. Es war falscher. Die Lefzen zurückgezogen über zu viele Zähne, der Kiefer halb zu einem Grinsen verzogen, das in dieser Welt nirgends hingehörte, zu menschlich für ein Tier, zu tierisch für einen Menschen, eine Fratze, in der drei Naturen zugleich zerrten. Der Wolf grinste, satt von etwas, das kein Fleisch war. Die Drow lächelte, kalt und zufrieden, die Rechnung beglichen. Ein lächelndes, weinendes, blutverschmiertes Ding stand über dem Toten und wusste nicht mehr, wer es war. Über allem stand der Mond – der einzige Zeuge dieser Nacht, das Einzige, das alles sah, woran Nefatina sich nie würde erinnern können. Sein Licht lag gleichgültig auf dem Blut und machte es schwarz, und der Wald hielt den Atem an. Nefatina erwachte im Morgengrauen am Bach, auf zwei Beinen, mit roten Händen. Die Wunde an der Schulter klaffte noch offen, schwarz an den Rändern, das Einzige an ihr, das blieb. Das Silber saß tief. Sie musste nicht zurückgehen, um zu wissen, was hinter ihr lag. Sie roch es an sich selbst, sie schmeckte es. Und dann kam, durch die Scherben, das Schlimmste, die Erinnerung an ihren eigenen Entschluss. Geht. Geht, und ihr werdet leben. Sie hatte es ernst gemeint. Sie hatte die Jungtiere mit bloßen Händen begraben, die Drohung in eine Warnung verwandelt, zum ersten Mal in ihrem Leben den Weg gewählt, den die Göttin ihr gezeigt hatte. Den Weg des Mondlichts, aus Liebe statt aus Hass. Und am Ende stand genau dasselbe. Das war die Grausamkeit, an der sie fast zerbrach: Sie hatte sich für die Gnade entschieden, und ihre Entscheidung hatte nichts gebracht. Sie kniete sich ins eiskalte Wasser und wusch sich, und wusch sich, der Bach floss längst wieder klar. Das, was sie loswerden wollte, saß tiefer. Einmal, als sie aufsah, meinte sie auf dem Wasser einen einzelnen silbernen Tropfen fallen und versinken zu sehen – oder das Spiegelbild des Mondes zittern, als hätte der Mond selbst geweint. Sie hielt ganz still und sah hin. Da war nichts mehr. Sie würde es nie erfahren. Aber sie hätte schwören können, dass in jenem Augenblick jemand mit ihr trauerte – und dass dieser Jemand aus demselben Silber gemacht war, das noch in ihrer Schulter brannte. Und da war mehr als das Blut. Die Empathie ihres Vatervolkes erlosch auch im Krenos nie, und so hatte das Wesen beide Männer sterben gefühlt, von innen, im Augenblick des Erlöschens. Sie trug jetzt zwei fremde letzte Atemzüge in sich, so deutlich wie eigene. Gegen Mittag tat sie das Einzige, was blieb. Als sie am Abend zur Senke am Bach zurückkam, stand dort die Ricke. Und floh. Ein einziger Atemzug, in dem die Nüstern sich blähten, gefolgt von Stille. Das Tier wusste, was es roch. Es roch den Krenos. „Ich weiß", sagte sie leise in die Richtung, in der das Reh verschwunden war. Ihre Stimme war ganz ruhig. „Ich würde auch weglaufen." Über den Wipfeln ging der Mond auf, fast noch voll, und sein Licht fiel durch die Bäume wie durch Finger, die sich nicht ganz schließen wollen. Nefatina sah lange hinauf. Sie verfluchte ihn nicht; sie war zu müde, ihn erneut anzuklagen. „Du hast gesagt, du lässt das Kind nicht aus deinem Lied", sagte sie schließlich. „Ich habe deinen Weg gewählt. Ich habe ihn wirklich gewählt. Und sieh, wohin er geführt hat." Sie schluckte. „Dann sing auch das hier mit. Wenn du mich schon in deinem Lied behältst – dann gehört das Monster dazu." Der Mond schwieg. Aber er blieb. Die ganze Nacht, bis zum Morgen, legte sein Licht auf das Wasser wie eine offene Hand, die wartet. Und irgendwo, viele Täler weit, heulte Wolf. Beiträge in diesem Thread
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