Nefatina sah die Hand an. Lange... So lange, dass der Mond ein Stück weiterwanderte und das Licht auf dem Wasser sich leise neu sortierte. Eine offene Hand aus Mondlicht, geduldig, über eine Handbreit Nacht hinweg und in ihr lag alles, was Nefatina sich je gewünscht und ein Leben lang verlernt hatte: jemand für sie da war, dass jemand geblieben ist. Sie nahm sie nicht ... noch nicht. Stattdessen tat sie etwas, das sie nie zuvor getan hatte, nicht in den vielen Wintern, nicht in tausend Vollmondnächten. Sie hob das Kinn, schloss die Augen – und sang. Es war kein schönes Lied. Die Stimme brach, die Töne stolperten, halb Heulen, halb Wort, ein Lied, wie es nur jemand singt, der Sprache der Elfen und der Wölfe. des Waldes in sich vereinte. Aber es war ihr Lied... Ich habe nie gelernt, wie man ein Lied beginnt, Ihr Gesicht kenne ich nicht mehr... _Hör zu... Was ich mitnehme, ist klein genug um es mit mir zu nehmen, Als der letzte Ton über das Wasser rollte und in den Bäumen erloschen war, war es sehr still. Und in dieser Stille geschah das, womit Nefatina am wenigsten gerechnet hatte: Die Wut, die sie die vielen Winter lang warm gehalten hatte wie das letzte Feuer in einer kalten Nacht, ging einfach aus. „Ich habe nie gelernt zu vergeben", sagte sie schließlich. Ihre Stimme war ruhig, leer und hell wie der Himmel nach dem Sturm. „So wenig, wie ich je gelernt habe zu singen. Niemand war da, der es mir hätte beibringen können." Sie sah auf in das lichte Gesicht, in dem dieselbe Trauer wohnte wie in ihren eigenen Augen. „Aber du bist geblieben. Als das Wolf erwachte, bist du nicht geflohen. Als ich dir alles hinwarf, was ich besitze, hast du jede Zeile gehört und nicht ein einziges Mal weggesehen." Das Licht auf dem Wasser hielt den Atem an, wenn Licht das überhaupt kann. „Das ist mehr, als je jemand für mich getan hat", sagte Nefatina. „Und vielleicht ist Vergeben nichts, was man lernt. Vielleicht ist es nur das: aufhören zu tragen, was man nicht mehr tragen will." „Du musst nicht", sagte die Göttin leise, und ihre Stimme zitterte, wie nur die Stimme von jemandem zittert, der sich keine Hoffnung mehr erlaubt hat. „Ich habe dich nicht darum gebeten. Ich würde dich nie .." „Ich weiß..." Zum ersten Mal in dieser Nacht, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, lächelte Nefatina. Es saß schief und ungeübt in ihrem Gesicht, wie alles Sanfte. „Genau deshalb." Und dann sagte sie es. Die Worte, für die es in keiner ihrer drei Sprachen ein größeres gab und die sich fremd anfühlten in ihrem Mund, wie etwas fremdes, das langsam warm wird: „Ich vergebe dir." Sie wartete nicht ab, ob eine Göttin weinen kann. Sie streckte den Arm über die schwarze Fläche und legte ihre Hand in die Hand aus Licht. Es war wie Wasser, das nur aus Wärme bestand, wie das erste Licht durch geschlossene Lider – wie jene Wärme, die einmal durch eine Bauchwand zu ihr gekommen war, das erste Geschenk, an das sich sonst niemand erinnert. Nefatina erinnerte sich jetzt. Einen Herzschlag lang war sie nicht allein auf der Welt. Dann floss das Licht durch ihre Finger, nicht weil es ging, sondern weil Mondlicht eben fließt, und die Wärme blieb in ihrer Handfläche zurück wie eine Münze, die man fest greift, damit man sie nicht verliert. „Tochter der Alniira", sang Eilistraee, und es klang nicht mehr wie ein Befehl und nicht mehr wie ein Klagen, eher wie ein Lachen unter Tränen, „weißt du, was du einer Göttin der Verlorenen gerade geschenkt hast? Nach all den Kindern, die ich verloren habe, hat ausgerechnet eines, das ich übersehen hatte, mich wiedergefunden." „Ich werde sie trotzdem suchen", sagte Nefatina, und es lag keine Wut mehr darin, nur Gewissheit. „Meine Mutter. Meinen Vater. Ich bin durch ihren Riss gegangen, und ich gehe durch jeden weiteren, bis ich weiß, was aus ihnen geworden ist. Aber diesmal gehe ich nicht, weil ich niemanden habe. Ich gehe, weil ich endlich weiß, wohin." „Dann singe ich dir den Weg", sagte die Göttin. „So weit mein Mond reicht. Und ein Stück darüber hinaus." Die Hand aus Licht, die jetzt nur noch wies, deutete über den See, dorthin, wo der Wald zwischen zwei schwarzen Hügeln noch dunkler wurde und fremder roch. Und über dem Wasser spann sich, dünn wie Spinnseide, ein Faden aus Mondlicht in genau diese Richtung, über das Ufer, zwischen die Stämme, in das Land hinein, das keinen Namen hatte. Oder einen sehr alten. Nefatina wandte sich um und trat wieder an das Ufer. Diesmal sah sie zurück – einmal, ehe die Bäume sich hinter ihr schlossen. Hinter ihr lag der See...Still. Die Gestalt war fort. Nur das Mondlicht lag noch auf dem Wasser, wie eine offene Hand, die gehalten worden war und es wusste. Ob in dieser Nacht wirklich eine Göttin gekniet, mit ihr getrauert und sich von ihr hatte vergeben lassen, oder ob der Mond, die Erschöpfung und viele Winter Einsamkeit ihr eine Gefährtin aus Schmerz geschaffen hatten – Nefatina fragte nicht mehr danach. Manche Dinge sind wahr, weil man sie braucht, und werden wahr, indem man sie tut. Vergeben war so ein Ding. Es hatte niemanden gebraucht außer ihr. Und die Wärme in ihrer Handfläche blieb, den ganzen Weg in den fremden Wald hinein, noch lange, nachdem der Faden aus Silber im Dunkel verschwunden war. Sie folgte ihm trotzdem. Beiträge in diesem Thread
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