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Offenbarung und Angebot

Thorian D'Ulferan

Als Sziedeyna mich spät am Abend überraschend besuchte, freute ich mich ehrlich über ihr Erscheinen. Es war kein geschäftlicher Anlass, kein Auftrag und keine Notwendigkeit, die sie zu mir führte. Sie wollte einfach vorbeischauen. Allein dieser Umstand hinterließ bei mir einen warmen Eindruck. Ein kleiner Moment der Unsicherheit entstand, als wir über Glauben sprachen. Als ich vom Lichteinen und seinen Seraphim erzählte, bemerkte ich deutlich ihr Unbehagen. Sie schien beinahe erschrocken zu reagieren. Dennoch war es mir wichtig, sie nicht zu bedrängen. Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg finden. Als ich ihr sagte, dass weder Missionierung noch Frömmigkeit mein Anliegen seien, wirkte sie sichtlich erleichtert. Es war einer jener Augenblicke, in denen ich das Gefühl hatte, dass sie mir ein wenig mehr vertraute.

Schließlich schlug sie vor, mir ihr Heim zu zeigen. Dass sie mich dorthin einlud, empfand ich als bemerkenswert. Ihr Haus war äußerst spärlich eingerichtet, beinahe karg. Doch anstatt Armut oder Nachlässigkeit darin zu sehen, erkannte ich vielmehr jemanden, der sich bisher kaum die Zeit genommen hatte, für sich selbst einen Ort der Behaglichkeit zu schaffen.

Besonders blieb mir in Erinnerung, wie sie sich extra umgezogen hatte. Das neue Kleid stand ihr ausgesprochen gut. Als sie mich direkt fragte, ob es mir gefalle, spürte ich, dass ihr meine Meinung wichtig war. Ich antwortete ehrlich. Die Farbe passte hervorragend zu ihrem Haar, und die Freude über das Kompliment war ihr deutlich anzusehen. Für einen Moment wirkte sie beinahe stolz und gleichzeitig etwas verlegen.

Während wir ihr Haus besichtigten, entwickelte sich ein ungezwungener Austausch. Ich machte Vorschläge für Möbel, Sitzgelegenheiten und eine wohnlichere Gestaltung. Sie hörte aufmerksam zu und griff viele Ideen begeistert auf. Besonders als ich vorschlug, zwei Sitzplätze am Kamin einzurichten, schien ihr dieser Gedanke zu gefallen. Mir fiel auf, dass sie häufig die Wärme des Feuers suchte. Gleichzeitig machte ich mir Sorgen, als sie ihre Hände immer wieder gefährlich nah an die Flammen brachte. Als sie sich scheinbar verbrannte, war mein erster Gedanke, ob sie verletzt sei. Die Sorge war wohl deutlicher zu hören, als ich beabsichtigt hatte.

Ein weiterer merkwürdiger Moment entstand, als ich nach einem Spiegel oder Schminktisch fragte. Als das Gespräch ihr Schlafzimmer streifte, wirkte sie plötzlich unwohl. Auch ich merkte meine Verlegenheit und lenkte das Gespräch rasch wieder auf die Einrichtung. Dennoch entstand dabei eine seltsame, fast zarte Spannung zwischen uns, die keiner von uns offen ansprach.

Je länger wir miteinander sprachen, desto mehr gewann ich den Eindruck, dass sie sich über meine Anwesenheit freute. Als ich beiläufig davon sprach, dass künftig „niemand von uns“ stehen müsse, wenn wir zusammensäßen, reagierte sie auffallend aufmerksam auf diese Formulierung. Erst da wurde mir bewusst, wie selbstverständlich ich bereits davon ausgegangen war, wiederzukommen. Besonders berührte mich, wie offen sie meine Hilfsangebote annahm. Ob Möbel, Einrichtung oder sogar die Nutzung meiner Küche – sie wies nichts davon zurück. Im Gegenteil: Mehrfach schien sie den Gedanken zu mögen, künftig Zeit miteinander zu verbringen.

Nachdem wir ihr Haus verlassen hatten, führte uns unser Weg in den nächtlichen Park. Dort wurde das Gespräch ruhiger. Wir genossen die Stille, die Düfte der Natur und das Mondlicht auf dem Wasser. Es war eine jener seltenen Situationen, in denen Schweigen nicht unangenehm ist, sondern Nähe schafft. Am Teich sitzend schien Sziedeyna ungewöhnlich nachdenklich. Sie beobachtete mich immer wieder aus den Augenwinkeln und sagte schließlich leise: „Ein Licht in der Nacht.“ Als ich annahm, sie meine den Mondschein, wich sie der Erklärung aus. Ihre Worte wirkten vielmehr wie ein unausgesprochener Gedanke, den sie nicht vollständig preisgeben wollte.

Als sie schließlich doch erklärte, in einer Zwickmühle zu stecken, versprach ich ihr meine Hilfe. Sie verlangte von mir einen Schwur – dass ich ihr niemals schaden würde. Ohne Zögern leistete ich diesen Eid beim Lichte Tyraels. Es verwirrte mich, warum sie eine solche Zusicherung brauchte, doch ich sah die Angst in ihren Augen und wusste, dass ihr dieses Versprechen wichtig war. Kurz darauf gestand sie mir, dass sie mich sehr mochte. Diese Worte trafen mich unerwartet. Als sie fragte, ob ich sie ebenfalls mochte, konnte ich ihr nur ehrlich antworten: Ja. Von diesem Moment an schien jeder Satz von einer Spannung getragen, die weit über Freundschaft hinausging. Gleichzeitig spürte ich, dass hinter ihren Worten ein dunkles Geheimnis lauerte.

Als ich ihre Hand nahm, erschrak ich über ihre Kälte. Aus Sorge legte ich ihr meinen Umhang um die Schultern, doch sie erklärte mir auf seltsame Weise, dass sie nicht wie andere Menschen sei. Ihre Vergleiche, ihre Kälte und ihr Verhalten ließen in mir einen Verdacht wachsen, den ich zunächst kaum auszusprechen wagte. Trotzdem hielt ich an meinem Schwur fest. Selbst als Zweifel in mir aufkamen, entschied ich mich bewusst dafür, ihr Vertrauen zu schenken.

Schließlich offenbarte sie mir die Wahrheit in ihrem Haus am Kaminfeuer: Sziedeyna ist ein Vampir. Sie hatte große Angst vor meiner Reaktion und erwartete beinahe, dass ich sie verlassen würde. Doch während sie mir ihre Natur gestand, wurde mir vor allem eines bewusst: Vor mir saß dieselbe Frau, die ich kennengelernt hatte. Dieselbe Frau, deren Nähe mir inzwischen wichtig geworden war. Deshalb verurteilte ich sie nicht. Stattdessen versuchte ich zu verstehen.

Sie erzählte mir, dass unsere erste Begegnung kein Zufall gewesen war. Sie hatte mich beobachtet, war neugierig geworden und hatte sich bewusst entschieden, in meiner Nähe zu bleiben, obwohl es für sie einfacher gewesen wäre, zu verschwinden. Als sie dies gestand, war ich aufrichtig froh darüber. Es bedeutete mir mehr, als ich zugeben wollte.

Im Verlauf des Abends lernte ich immer mehr über ihr Dasein. Sie zeigte mir ihre Unempfindlichkeit gegenüber kleinen Verletzungen, sprach über die Gefahr des Sonnenlichts und über die Einsamkeit, niemals wieder den Tag sehen zu können. Hinter ihrer ruhigen Fassade erkannte ich eine tiefe Traurigkeit. Sie hatte sich mit ihrem Schicksal arrangiert, doch sie litt darunter, keine Wahl mehr zu haben. Das berührte mich mehr, als ich erwartet hätte.

Trotz der Schwere dieser Offenbarung gab es viele warme Augenblicke zwischen uns. Ich zeigte ihr die Pelzstiefel, die ich heimlich für sie angefertigt hatte. Sie freute sich aufrichtig darüber, probierte sie sofort an und wir scherzten miteinander. Als sie sagte, ich würde seltsame, aber schöne Gefühle in ihr auslösen, gestand ich ihr, dass es mir ähnlich erging. Für einen Moment schien die Last ihrer Geheimnisse weit entfernt.

Später wurde das Gespräch ernster. Sziedeyna sprach offen über ihren Hunger. Sie gab zu, dass mein Blut sie seit unserer ersten Begegnung locke und dass dieser Instinkt niemals ganz verschwinde. Ich hörte ihre Worte und erkannte den inneren Kampf, den sie jeden Tag führte. Sie fürchtete nicht nur um andere – sie fürchtete sich auch vor sich selbst.

In diesem Moment traf ich eine Entscheidung. Wenn ihr Fluch sie dazu zwang, Unschuldigen Schaden zuzufügen, dann wollte ich ihr einen anderen Weg anbieten. Ich streckte ihr meinen Arm entgegen und bot ihr mein Blut an, damit sie nicht hinausziehen musste, um andere Menschen zu gefährden. Es war kein Akt von Leichtsinn, sondern ein Versuch, ihr zu zeigen, dass sie nicht allein gegen diesen Fluch kämpfen musste. Sie zögerte lange. Ich sah die Angst in ihren Augen. Nicht die Angst vor mir – die Angst davor, was ich von ihr sehen würde. Schließlich nahm sie meinen Arm und bat stumm um Erlaubnis. Ich nickte.

Dann biss sie zu.

Der Schmerz war sofort und heftig. Ihre Fangzähne bohrten sich tief in meinen Unterarm, und ich spürte, wie sie mein Blut trank. Anfangs hielt ich still, überzeugt davon, dass wir beide die Situation beherrschen würden. Doch mit jeder Sekunde wurde deutlicher, dass der Hunger stärker war als erwartet. Sie hörte nicht auf. Selbst als ich sie aufforderte, aufzuhören, reagierte sie nicht. Erst als ich sie anschrie und mich mit aller Kraft wehrte, gelang es ihr, sich aus dem Blutrausch zu lösen.

Als sie wieder zu sich kam, lag Schock und Schuld in ihrem Gesicht. Sie war entsetzt darüber, was geschehen war. Trotz der Schmerzen konnte ich erkennen, dass sie nicht aus Bosheit gehandelt hatte. Der Hunger hatte die Oberhand gewonnen. Während mein Arm blutete und sie sich entschuldigte, überwog in mir nicht Zorn, sondern Mitgefühl. Ich wollte wissen, ob sie wieder Herrin ihrer selbst war. Als sie erklärte, der Hunger sei fürs Erste gestillt, sah ich neben ihrer Scham auch etwas anderes in ihrem Blick: Erleichterung. Vielleicht sogar Glück.

Diese Nacht offenbarte mir die ganze Wahrheit über Sziedeyna. Nicht nur, dass sie eine Vampirin ist. Sondern auch, wie sehr sie gegen ihre eigene Natur kämpft. Und trotz allem, was ich gesehen habe – trotz des Schmerzes, des Blutes und der Gefahr – fühle ich mich ihr näher als zuvor. Denn hinter dem Fluch sehe ich noch immer dieselbe Frau, die mir am Teich gestand, dass sie mich sehr mag. Und ich weiß inzwischen, dass ich dieses Gefühl erwidere.

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