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Eine neue Instanz

Thorian D'Ulferan

Der Morgen nach Sziedeynas Offenbarung begann für mich auf eine Weise, die ich mir lange gewünscht hatte. Als ich erwachte, lag sie noch neben mir. Allein die Gewissheit ihrer Anwesenheit erfüllte mich mit einer tiefen Ruhe. Hinfort war der Schmerz des Bisses oder der Bilder, die nun durch diese glücklich daliegende Frau wie weggespült waren. Während sie schlief, kümmerte ich mich um das Haus, richtete ihr Kleid her, entfachte den Kamin neu und genoss jeden Augenblick, in dem ich sie einfach betrachten konnte. Als sie schließlich die Augen öffnete, stellte sie mir eine Frage, die mich zugleich überraschte und glücklich machte: Ob wir nun ein Paar seien. Zögernd, aber ehrlich gestand ich, dass ich mir genau das wünsche. Zu meiner Freude empfand sie dasselbe.

Wir verabschiedeten uns für den Tag mit einem Kuss. Zum ersten Mal sprach ich sie als meine Liebste an, und als sie mich ihren Liebsten nannte, fühlte sich die Welt für einen Moment vollkommen richtig an!

Am Abend trafen wir uns erneut. Ich überreichte ihr einige Mixturen, die ich für sie angefertigt hatte. Dazu einen Bund Schlüssel, damit sie jederzeit mein Haus betreten konnte. Es war nur eine kleine Geste, doch ihr Lächeln zeigte mir, wie viel sie ihr bedeutete. Gemeinsam beschlossen wir, einen entspannten Abend in der Taverne zu verbringen. Dort änderte sich die Stimmung jedoch rasch. Kaum hatten wir Platz genommen, bemerkte Sziedeyna jemanden, dessen Anblick sie sichtlich erschütterte: Ancanagar.

Von diesem Augenblick an schien ein Teil ihrer Aufmerksamkeit ständig bei jener Frau zu liegen. Immer wieder blickte sie zu ihr hinüber, mal hoffnungsvoll, mal traurig, mal verwirrt. Ich versuchte zu verstehen, was zwischen ihnen lag, und erkannte schnell, dass es sich nicht um irgendeine Bekanntschaft handelte. Sziedeyna deutete an, dass ihr Leben ohne Ancanagar völlig anders verlaufen wäre. Gleichzeitig schien sie verletzt darüber zu sein, dass Ancanagar sie nicht erkannte oder zumindest keine Anstalten machte, auf sie zuzugehen.

Je länger der Abend dauerte, desto deutlicher wurde mir, wie sehr sie diese Situation belastete. Immer wieder versuchte ich, sie aufzumuntern, ihre Sorgen zu lindern oder ihr anzubieten, die Taverne zu verlassen. Doch sie blieb. Nicht wegen des Ortes, sondern weil wir gemeinsam dort waren. Als sie mir sagte, dass allein meine Anwesenheit ihr genüge, fühlte ich mich tief berührt und versuchte alles, ihr weiterhin Halt zu sein.

Währenddessen beobachtete ich auch Ancanagar. Anfangs wirkte sie tatsächlich, als habe sie Sziedeyna nicht bemerkt. Doch irgendwann bemerkte sie die Blicke. Ihre Reaktionen waren merkwürdig: ein selbstzufriedenes Lächeln, später ein kaum merkliches Nicken, schließlich sogar ein vorsichtiger Versuch, Kontakt aufzunehmen. Sie lobte Sziedeynas Haar und schien sie aufmerksam zu beobachten, ohne offen auszusprechen, was in ihr vorging. Für mich wirkte es, als würde Ancanagar etwas erkennen, das sie selbst nicht vollständig verstand.

Erst später fanden die beiden wirklich zueinander. Als sie miteinander sprachen, wurde deutlich, dass zwischen ihnen eine tiefe, alte Verbindung besteht, die jedoch von Verwirrung und Erinnerungslücken überschattet wird. Ancanagar sprach davon, dass sie seit Wochen durcheinander sei. Sie wirkte aufrichtig ratlos und zugleich traurig. Sziedeyna hingegen schwankte zwischen Hoffnung, Enttäuschung und Sehnsucht. Trotz dieser Unsicherheit geschah etwas, das mich erleichterte: Die Begegnung endete nicht in Ablehnung.
Als Sziedeyna Ancanagar fragte, ob sie sie künftig besuchen würde, stimmte diese zu. Noch mehr: Sie sagte, sie wolle die „Sziedeyna mit den herbstlichen Haaren“ kennenlernen. Diese Worte wirkten auf mich wie das Eingeständnis, dass sie zwar Erinnerungen verloren haben mochte, die Bedeutung Sziedeynas für sie jedoch nicht völlig verschwunden war. Als ich bemerkte, wie sehr diese Wendung Sziedeyna freute, konnte auch ich endlich aufatmen.

Den ganzen Abend über suchte Sziedeyna immer wieder meine Nähe. Sie griff nach meiner Hand, schmiegte sich an mich, suchte meinen Blick und meinen Trost. Besonders bewegte mich der Moment, als sie mir leise zuflüsterte, was wohl aus ihr geworden wäre, hätte sie mich nicht gefunden. In diesem Augenblick wurde mir klar, wie eng unsere Wege inzwischen miteinander verwoben sind.

Am Ende verließen wir die Taverne gemeinsam. Hinter uns blieb ein Abend voller Fragen, Erinnerungen und alter Wunden. Doch zugleich hatte er etwas gebracht, womit ich kaum gerechnet hatte: Hoffnung. Nicht nur für mich und Sziedeyna als Paar, sondern auch dafür, dass zwischen Sziedeyna und Ancanagar vielleicht doch noch nicht alles verloren ist. Ancanagar wirkte verwirrt, traurig und von ihrer Vergangenheit verfolgt – aber keineswegs gleichgültig. Und für Sziedeyna schien allein diese Erkenntnis bereits von unschätzbarem Wert zu sein.

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