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Komplizenschaft und Segen

Thorian D'Ulferan

Als Sziedeyna am Abend zu mir nach draußen trat, fiel jede Anspannung des Tages von mir ab. Ihre Umarmung und mein Kuss auf ihre Stirn fühlten sich selbstverständlich an. Ich berichtete ihr von meiner erfolglosen Suche nach weiteren Streitern für Britain. Es frustriert mich, dass sich so wenige finden lassen, doch sie hörte geduldig zu und machte mir Mut. Gleichzeitig sprach ich offen aus, dass auch sie eines Tages für Britain kämpfen müsse. Es war kein leichter Gedanke, denn ich weiß, welches Risiko sie allein durch ihre Natur trägt. Dennoch vertraue ich ihr mehr als vielen anderen. Als ich ihr sagte, sie solle gegenüber den Feinden Britains keine Gnade zeigen – besonders gegenüber jenen Lords –, erschrak ich selbst über die Härte in meiner Stimme.

Gemeinsam machten wir uns daran, ihr neues Heim einzurichten. Es waren einfache Entscheidungen über Möbel, Tische und Stühle, doch gerade diese Alltäglichkeit bedeutete mir viel. Es fühlte sich beinahe wie ein gemeinsames Zuhause an. Ein kleiner Moment brachte uns jedoch kurz aus dem Gleichgewicht: Als sie fragte, ob sie nur zur Tarnung hübsch sein solle, bemerkte ich erst zu spät, wie ungeschickt meine rein praktische Antwort gewesen war. Sie sagte nichts weiter dazu, doch ich spürte, dass ich sie verletzt hatte.

Als das Haus schließlich wohnlich wurde und wir bei Kerzenschein zusammensaßen, begann sie, mir ihre Welt wirklich zu öffnen. Sie erklärte mir, weshalb sie weder essen noch trinken kann wie gewöhnliche Menschen. Mir wurde erst jetzt bewusst, wie einsam ihre Existenz sein muss. Dass sie mir dabei zusah, wie ich Bier trank, ohne Neid oder Bitterkeit, sondern mit ehrlicher Freude darüber, dass ich einfach ich selbst blieb, rührte mich.

Dann sprach sie das Thema an, das zwischen uns stand: mein Angebot, ihr Blut zu geben. Ich hatte gehofft, ihr damit helfen zu können. Stattdessen gestand sie mir, dass mein Blut niemals ausreichen würde. Wollte sie ihren Hunger vollständig stillen, würde sie mich töten. Diese Erkenntnis traf mich hart. Noch schwerer wog ihre Ehrlichkeit, als sie zugab, sich weiterhin von anderen Menschen nähren zu müssen. Einen Moment lang rang ich mit mir. Doch ich sah keinen Verrat darin – sondern ihren verzweifelten Versuch zu überleben.

Schließlich bat sie mich um etwas völlig Unerwartetes. Sie wollte mich zu ihrem Komplizen machen. Nicht, um ihre Taten zu decken, sondern um sie aufzuhalten, bevor sie jemanden tötet. In diesem Augenblick begriff ich, wie groß ihr Vertrauen in mich geworden war. Sie übertrug mir eine Verantwortung, die größer kaum sein konnte: über Leben und Tod zu wachen und ihr dabei zu helfen, ihre Schuld nicht größer werden zu lassen.

Ich nahm diesen Pakt an. Nicht leichtfertig, sondern weil ich erkannte, dass ich damit nicht nur ihr helfen, sondern vielleicht auch Menschen retten konnte. Als sie andeutete, ich könne sie mit diesem Wissen ebenso gut verraten, erschütterte mich dieser Gedanke zutiefst. Niemals könnte ich das tun. Ich hatte ihr mein Wort gegeben, und mein Wort gilt.

Ihre Dankbarkeit zeigte sie nicht mit großen Worten, sondern indem sie sich neben mich setzte und mich küsste. Dieser Kuss fühlte sich an wie die Bestätigung dessen, was zwischen uns längst entstanden war. Von da an sprachen wir nicht mehr nur über Gefühle, sondern über die praktische Seite unseres Vorhabens. Sie erklärte mir, wie sie ihre Opfer beeinflusst, wie sie ihren Geist verwirrt und weshalb die Menschen sich später kaum erinnern. Zwar missfiel mir, dass sie den Willen anderer brechen kann, doch zugleich erkannte ich, dass genau dort meine Aufgabe liegen würde.

Noch faszinierender war ihre Beschreibung dessen, was Blut für sie wirklich bedeutet. Es ist nicht bloß Nahrung. Sie schmeckt darin den Menschen selbst – seine Persönlichkeit, seine Seele, seine ganze Welt. Als sie sagte, mein Blut strahle Ruhe aus und sie müsse es nicht einmal trinken, weil schon meine Nähe diese Ruhe vermittelt, wusste ich nicht, was ich darauf antworten sollte. Ich konnte sie nur still an mich ziehen.

Gemeinsam überlegten wir schließlich, wie unser Pakt funktionieren könnte. Für einen Moment entstand der Gedanke, nur Schuldige als Opfer zu wählen. Doch ich machte deutlich, dass Schuld nicht einfach zu beurteilen ist. Ich wollte niemals Richter über Leben und Tod werden. Dennoch besiegelten wir unseren Bund mit einem Handschlag. Sie vertraute mir diese Entscheidung an, obwohl ich selbst ahnte, wie schwer sie werden würde.

Dann hakte sie nach, ob ich bereuen würde, mich auf sie eingelassen zu haben. Doch ich konnte ehrlich antworten: Nein. Im Gegenteil. Sie hat etwas in mir geweckt, das ich längst verloren glaubte – Hoffnung, Wärme und den Glauben daran, dass selbst ein Fluch nicht zwangsläufig das Ende eines Menschen bedeuten muss.

Als wir später überlegten, was wir noch unternehmen könnten, schlug ich einen Spaziergang vor. Sziedeyna huschte rasch davon und kam in ihrem roten Kleid wieder herunter, und ich konnte nicht anders, als ihr zu sagen, wie gut es ihr stand. Es war nur eine kleine Bemerkung, doch ihr Lächeln und die Art, wie sie sofort meine Hand nahm, erfüllten mich mit einer stillen Freude. Solche Momente fühlten sich inzwischen erstaunlich selbstverständlich an.

Wir fanden schließlich einen Platz auf einem alten Baumstamm nahe der Britainer Bank. Ich legte meinen Arm um ihre Schultern. Als sie sich an mich lehnte, kehrte eine angenehme Ruhe ein. Ich hörte ihr aufmerksam zu, als sie erzählte, wie sie früher oft einfach irgendwo gesessen und die Menschen beobachtet hatte, auf der Suche nach potenziellen Opfern. Vieles aus ihrem Leben war mir noch fremd, doch ich wollte ihre Welt verstehen und nicht über sie urteilen.

Mitten in dieser friedlichen Stimmung veränderte sich plötzlich etwas. Ich bemerkte sofort, dass Sziedeyna unruhig wurde. Sie wirkte angespannt, lauschte beinahe ihrer Umgebung und schien etwas zu suchen. Als sie schließlich einfach aufstand und davonging, blieb ich zunächst etwas verwirrt zurück. Trotzdem zögerte ich nicht lange und folgte ihr. Ich vertraute ihr inzwischen genug, um zu wissen, dass sie einen Grund dafür haben musste.

Erst als sie Ancanagar entdeckte, verstand ich, wonach sie gesucht hatte.

Ich blieb zunächst bewusst etwas im Hintergrund. Mir war sofort klar, dass dieses Treffen für Sziedeyna von großer Bedeutung war. Gleichzeitig spürte ich meine eigene Unsicherheit. Abgesehen weniger Begegnungen, wie etwa in Baretis Taverne wusste ich kaum etwas über Ancanagar, außer dass sie für Sziedeyna eine außergewöhnlich wichtige Person war. Immer wieder jedoch blickte Sziedeyna zu mir herüber oder nickte mir leicht zu. Diese kleinen Gesten gaben mir das Gefühl, dass sie mich an ihrer Seite haben wollte und ich nicht bloß ein Zuschauer war.

Als wir schließlich gemeinsam draußen Platz nahmen, legte sich meine Nervosität langsam. Besonders in dem Moment, als Sziedeyna unter dem Tisch nach meiner Hand griff und sie sanft drückte, fiel ein Teil meiner Anspannung von mir ab. Es war eine unauffällige Geste, doch sie sagte mehr als viele Worte.

Das Gespräch mit Ancanagar war zunächst vorsichtig. Ich hörte aufmerksam zu, während sie von Erinnerungen, ihrer Vergangenheit und ihrer Suche nach Antworten sprach. Vieles verstand ich nur teilweise, dennoch gewann ich den Eindruck, dass sie eine kluge Frau war, die sich selbst ebenso kritisch betrachtete wie ihre Umwelt.

Mit der Zeit begann sie auch mich genauer zu beobachten. Ich hatte beinahe das Gefühl, geprüft zu werden. Dieser Eindruck bestätigte sich, als sie Sziedeyna direkt fragte, ob sie mir erklärt habe, was es bedeute, sich auf sie einzulassen. In diesem Augenblick wurde ich wieder angespannt.

Erst als Sziedeyna bestätigte, dass sie ehrlich zu mir gewesen war, entspannte sich Ancanagar sichtbar. Kurz darauf hieß sie mich willkommen. Diese wenigen Worte bedeuteten mir mehr, als ich zunächst erwartet hätte. Ich gab offen zu, dass all das für mich verwirrend sei – allerdings auf eine überraschend gute Weise. Meine Zweifel waren längst nicht mehr dieselben wie noch vor wenigen Tagen. Ich hatte erkannt, dass hinter allem, was mir zunächst unheimlich erschienen war, Menschen mit Gefühlen standen.

Während unseres Gesprächs überraschte mich Sziedeyna immer wieder aufs Neue. Sie lehnte sich an mich, suchte immer wieder meine Nähe und sprach schließlich ganz offen aus, dass sie mich sehr mochte. Dass sie dies vor Ancanagar ohne jede Scheu sagte, rührte mich mehr, als ich zeigen konnte.

Ebenso bewegte mich die enge Verbindung zwischen den beiden Frauen. Als Sziedeyna plötzlich aufstand und Ancanagar einfach fest umarmte, erkannte ich, wie tief ihre Bindung war. Ich konnte förmlich spüren, welche Bedeutung Ancanagar für sie besaß.

Als wir erzählten, wie wir uns kennengelernt hatten, schilderte ich unsere erste Begegnung eher unbeholfen. Sziedeyna fasste alles mit einem einzigen Wort zusammen: interessant. Ich musste darüber unwillkürlich lächeln. Es war wohl ihre Art, mehr zu sagen, als sie tatsächlich aussprach.

Der wohl wichtigste Moment des gesamten Treffens kam für mich jedoch erst später: Ich dankte Ancanagar dafür, dass sie mir ihre Tochter anvertraute. Dieses Wort hatte ich ganz bewusst gewählt, denn so hatte ich ihre Beziehung zueinander verstanden. Für einen Augenblick war ich unsicher, ob ich damit zu weit gegangen war.

Doch Ancanagar nahm mir diese Sorge. Sie erklärte zwar, dass ihre Gemeinschaft weniger streng aufgebaut sei, als ich angenommen hatte, sagte aber zugleich, dass sie glaube, Sziedeyna und ich würden gut zueinander passen. Ich bemerkte sofort, wie Sziedeyna erleichtert aufatmete. Ehrlich gesagt ging es mir kaum anders. Ich hatte ihre Zustimmung mehr erhofft, als ich mir selbst eingestehen wollte.

Im weiteren Verlauf sprach Sziedeyna meinen Glauben an den Lichteinen an. Noch vor wenigen Tagen hätte ich wohl selbst nicht gewusst, wie ich diese Frage beantworten sollte. Nun aber war ich mir sicher. Sollte der Lichteine daran Anstoß nehmen, dass ich Sziedeyna liebe, dann würde er mir vergeben müssen. Entscheidend war für mich, weiterhin dem Guten zu dienen. Ich konnte nicht glauben, dass Liebe allein etwas Falsches sein sollte.

Als später die Frage aufkam, ob Sziedeyna und ihresgleichen überhaupt lebten, konnte ich gar nicht anders, als ihr zu widersprechen. Für mich war längst offensichtlich geworden, dass sie fühlte, liebte, hoffte und litt. Vielleicht trugen sie einen Makel in sich, doch welcher Mensch tat das nicht? Wenn ich ihr helfen konnte, diese Last zu tragen, dann wollte ich das aus voller Überzeugung tun.

Meine Worte schienen Sziedeyna tief zu berühren. Sie küsste mich und legte ihren Kopf anschließend wieder an meine Schulter. In diesem Augenblick fühlte sich alles richtig an.

Als Ancanagar sich verabschiedete, dankte ich ihr aufrichtig für das offene Gespräch. Ich war ihr mit großer Vorsicht begegnet, doch nun verließ sie mich als jemand, dessen Rat ich künftig gerne annehmen würde. Sie hatte mich nicht verurteilt, sondern mir Vertrauen entgegengebracht.

Nachdem sie gegangen war, gestand ich Sziedeyna schließlich etwas, das ich den ganzen Abend mit mir herumgetragen hatte. Ich hatte große Angst davor gehabt, von Ancanagar abgelehnt zu werden. Nicht aus Stolz, sondern weil ich wusste, wie wichtig sie für Sziedeyna war. Ein Riss zwischen uns hätte jede zukünftige Begegnung überschattet. Umso glücklicher war ich nun, dass alles so friedlich verlaufen war.

Zu meiner Überraschung gestand Sziedeyna mir daraufhin, dass sie vielmehr Angst vor meiner Ablehnung gehabt hatte. Mir wurde bewusst, dass wir beide dieselben Sorgen mit uns getragen hatten, ohne sie auszusprechen.

Als sie mich schließlich bat, diese Nacht allein verbringen zu dürfen, weil sie all die Ereignisse erst verarbeiten müsse, traf mich das zunächst unerwartet. Für einen kurzen Moment war ich enttäuscht. Doch ich verstand ihren Wunsch sofort und respektierte ihn ohne Zögern. Manche Erlebnisse brauchten Zeit, um sich zu setzen.

Ich brachte sie nach Hause. Wir verabschiedeten uns mit mehreren Umarmungen und einem Kuss. Es fiel mir schwer, sie loszulassen, und vermutlich hielt ich sie einen Augenblick länger fest, als nötig gewesen wäre. Trotzdem ließ ich sie mit einem Lächeln gehen.

Als ich mich schließlich auf den Heimweg machte und mich noch einmal nach ihr umdrehte, wusste ich, dass sich an diesem Abend etwas Grundlegendes verändert hatte. Nicht nur hatte ich den Segen einer Frau erhalten, die Sziedeyna über alles vertraute. Ich hatte zugleich das Gefühl gewonnen, nun wirklich Teil ihrer Welt zu sein. Und dieses Gefühl machte mich glücklicher, als ich es mit Worten hätte ausdrücken können.

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