Kissen und Tragweite
Thorian D'Ulferan
Mir war wohl etwas Unbehagen anzusehen, als ich mit den Päckchen Kissen vor der Tür des unscheinbaren Hauses stand. Als Sziedeyna mich aber von hinten erschreckte, fiel das Gros der Anspannung in einem Augenblick von mir ab. Es war nur eine kleine, beinahe alberne Begegnung – und doch fühlte sie sich vertraut an. Ich hatte ihr die Kissen mitgebracht, weil ich wollte, dass ihr Zuhause wärmer wird. Mehr noch: Dass es sich für sie wie ein Zuhause anfühlt. Gemeinsam richteten wir sie vor dem Kamin her, und während wir die Kissen verteilten, wurde mir klar, dass es mir längst nicht mehr um Möbel oder Dekoration ging. Es ging darum, einen Ort für uns zu schaffen. Sie erzählte mir, weshalb sie sich zurückgezogen hatte. Die vergangenen Tage hatten sie überfordert, und sie musste ihre Gedanken ordnen. Ich hatte befürchtet, sie würde nach allem, was geschehen war, Abstand von mir suchen. Stattdessen gestand sie, dass das, was zwischen uns entstanden war, sie wie ein Strudel erfasst hatte – schön und gleichzeitig ungewohnt. Als sie sagte, sie könne nun wieder mit mir in diesem Strudel untergehen, wusste ich, dass ich nicht allein empfand. Ich antwortete etwas unbeholfen, dass ich gern mit ihr strudeln würde, wohin auch immer es uns führte. Es war wohl keine besonders elegante Antwort, aber sie kam aus tiefstem Herzen. Trotzdem blieb eine Sorge in mir. Ich musste wissen, ob sie bereute, mir - einem Lebenden - ihr Geheimnis anvertraut zu haben. Ob Ancanagar oder sie selbst darin eine Gefahr sahen. Als sie sagte, sie hoffe einfach, mir vertrauen zu können, traf mich das tief. Vertrauen lässt sich nicht erzwingen, und doch schenkt sie es mir. In diesem Moment rückte ich näher zu ihr und sagte, mein Herz schlage nun wohl für zwei. Es war nicht einfach so daher gesagt, sondern genau so fühlte es sich an. Sie lehnte sich an mich, beinahe wie eine Katze, die endlich einen ruhigen Platz gefunden hat. Ich hielt sie einfach fest. Während wir über Fensterläden, Vorhänge und all die kleinen Dinge sprachen, fiel mir wieder auf, dass wir länsgt gegenseitig unser beider Welten mitgestalteten. Es machte mich glücklich, ihr ein Zuhause angenehmer machen zu können. Als ich sie im Arm hielt, den Kamin knistern hörte und ihre Haare streichelte, wünschte ich mir, dieser Augenblick möge niemals enden. Doch gerade in diesen stillen Momenten drängte sich die Wahrheit zwischen uns. Sie sprach von ihrer Ewigkeit und meiner Vergänglichkeit. Sie nannte mich warm und hell, einen Hafen – aber eben keinen ewigen. Diese Worte erschütterten mich. Mir wurde schmerzlich bewusst, dass unsere gemeinsame Zeit zwangsläufig begrenzt sein könnte. Ich versuchte ihr zu erklären, dass Wärme nichts mit schlagenden Adern zu tun habe, sondern mit dem, was ein Mensch ausstrahlt. Für mich ist sie trotz ihres Schicksals warmherzig. Sie sah das anders. In ihren Augen war sie von Dunkelheit geprägt. Ich konnte und wollte das nicht akzeptieren. Für mich ist sie nicht das Monster, das andere in Vampiren sehen! Sie öffnete mir schließlich ihr Herz und erzählte von der Grausamkeit ihres Hungers. Von den Dingen, die sie getan hatte. Von der Schuld, die sie seitdem mit sich trug. Je mehr sie berichtete, desto deutlicher wurde mir, wie wenig ich ihr Schicksal wirklich begreifen konnte. Dennoch blieb ich überzeugt, dass diese grausame Notwendigkeit nicht alles war, was sie ausmachte. Für mich ist sie weit mehr als der Hunger, gegen den sie täglich kämpfte. Als sie mir einen sorgfältig gefüllten Schrank mit Getränken zeigte, die sie eigens für mich besorgt hatte, wurde mir bewusst, wie aufmerksam sie mich beobachtete. Sie hatte sich Gedanken über mich gemacht. Über meine Vorlieben. Es war eine Geste voller Fürsorge. Wir neckten uns, lachten miteinander, und schließlich küsste sie mich. Als sie danach flüsterte, gerade sei alles leicht, hell und warm, hätte ich diesen Moment am liebsten für immer festgehalten. Doch wieder kehrte unser Gespräch zu ihrer Unsterblichkeit zurück. Zum ersten Mal sprach sie offen aus, dass eines Tages auch ich den Kuss empfangen könnte, der mich zu einem von ihnen machte. Nicht als Angebot, nicht als Bitte – sondern als Möglichkeit. Plötzlich stand die Frage im Raum, ob ich bereit wäre, alles aufzugeben, um an ihrer Seite zu bleiben. Ich wusste keine Antwort. Alles in mir wollte bei ihr bleiben. Gleichzeitig wusste ich nicht, ob ich danach noch derselbe warme, helle Mensch sein könnte, den sie in mir sah und der ihr Ruhe brachte. Sziedeyna versuchte nicht, mich zu überreden. Im Gegenteil. Sie warnte mich ehrlich vor den Folgen und machte deutlich, dass diese Entscheidung allein meine sein müsste. Gerade diese Ehrlichkeit ließ mich sie noch mehr achten. Sie wollte mich nicht verlieren, aber ebenso wenig wollte sie mich aus Liebe in ein Schicksal drängen, dessen Tragweite niemand vollständig verstehen konnte. Und welche fatalen Folgen es haben könnte, wenn sie mir, selbst in manchen Dingen unerfahren, ein Beispiel wäre. Sie überlegte ferner, Ancanagar um Rat zu bitten um nachzuholen, was einst auf der Strecke geblieben war. Je länger wir sprachen, desto mehr rückte eine andere Frage in den Mittelpunkt: Wer ist Sziedeyna überhaupt? Ist sie noch dieselbe Frau wie vor ihrem Tod? Oder ist sie nur noch eine Erinnerung an jene, die einst lebte? Ich konnte diese Zweifel nicht teilen. Für mich war sie die Frau, die ich vor dem Tor der Villa Auenstein stehen sah. Diejenige, die lachte, zweifelte, liebte und litt. Ob ihre Seele sich verändert hatte oder nicht, spielte für mein Herz keine Rolle. Ich liebte nicht eine Erinnerung an die Vergangenheit. Ich liebte die Sziedeyna, die heute ihre Hand in meine legte. Trotz aller Unsicherheit blieb am Ende eines unverändert: Mein Wunsch, ihre Last mitzutragen. Ob als sterblicher Mann an ihrer Seite oder vielleicht eines Tages auf einem anderen Weg – ich wollte ihr zeigen, dass sie diesen Kampf nicht allein führen musste. Vielleicht kann ich ihre Dunkelheit niemals vollständig verstehen. Aber solange ich atme, möchte ich für sie das Licht sein, das sie selbst in sich nicht mehr erkennen kann. Und vielleicht, nur vielleicht, erkennt sie irgendwann, dass auch sie für mich längst ein Licht geworden ist.
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