Training und Taverne
Thorian D'Ulferan
Der Abend begann mit dem verabredeten Treffen mit Sziedeyna zu einer gemeinsamen Trainingseinheit. Als ich sie vor den Toren traf, fiel mir sofort auf, dass sie gut vorbereitet war und sogar eine alte Rüstung mitgebracht hatte. Obwohl ich selbst noch nicht ganz an meine neue Rüstung gewöhnt bin, beschlossen wir, das Training wie geplant durchzuführen. Zu Beginn sprachen wir über die Unterschiede zwischen dem Kampf gegen Monster und dem Kampf gegen Menschen. Meiner Erfahrung nach handeln menschliche Gegner meist vorsichtiger, berechnender und deutlich intelligenter als die meisten Kreaturen, denen man in der Wildnis, in Höhlen oder Gruften begegnet. Wir tauschten uns über bevorzugte Waffen aus und ich erzählte ihr von meinen Erfahrungen mit Schwert und Pike. Dabei ließ ich auch durchblicken, dass ich für besonders gefährliche Gegner gelegentlich zu unkonventionellen Mitteln greife. Der praktische Teil des Trainings verlief allerdings anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich versuchte, ihr einige Grundlagen wie Beinarbeit, Distanzgefühl und das Beobachten der Balance eines Gegners zu vermitteln. Als ich selbst eine Finte demonstrieren wollte, wirkte mein Angriff jedoch wenig überzeugend. Das ärgerte mich etwas, denn vieles, was im echten Kampf intuitiv geschieht, lässt sich schwer in einer Übung nachstellen. Schließlich gelang es mir immerhin, sie mit einem gezielten Tritt aus dem Gleichgewicht zu bringen. Als sie zu fallen drohte, fing ich sie auf, was für einen kurzen, unerwartet persönlichen Moment zwischen uns sorgte. Bald waren wir uns einig, dass echtes Lernen wohl eher durch gemeinsame Jagden als durch Trockenübungen entstehen würde. Wir sprachen über mögliche Ziele – Räuber im Umland oder Untote, auf deren Bekämpfung Sziedeyna spezialisiert ist. Dabei entstand der Plan, künftig gemeinsam auf Jagd zu gehen und voneinander zu lernen. Da der Abend bereits fortgeschritten war, schlug ich stattdessen einen Besuch in Baretis Taverne vor. Dort wollten ich den berühmten „Most #5“ probieren, von dem Sziedeyna bereits geschwärmt hatte. Nach kurzer Vorbereitung trafen wir uns erneut in der Taverne und suchten uns einen Platz an der Feuerstelle, die Sziedeyna eine willkommene Wärmequelle war. Während andere Gäste ihren eigenen Gesprächen nachgingen, konzentrierten wir uns vor allem aufeinander und genossen die entspannte Atmosphäre. Der Most erwies sich als etwas Besonderes. Schon nach den ersten Schlucken rief er Erinnerungen hervor. Bei mir war es das Bild meines Großvaters Rhodan, der mir in meiner Jugend eine schmerzhafte, aber lehrreiche Lektion im Kampf erteilte. Diese Erinnerung erschien mir plötzlich so lebendig, als wäre sie erst gestern geschehen. Sziedeyna wiederum sprach von Erinnerungen an ihre Mutter und sogar an ihre eigene Geburt, was mich gleichermaßen überraschte wie faszinierte. Gemeinsam sprachen wir darüber, wie sehr bestimmte Menschen das eigene Leben prägen und stießen auf diese an. Im weiteren Verlauf schien Sziedeyna ungewöhnlich offen zu werden. Sie fragte mich schließlich direkt, ob wir Freunde seien. Die Frage überraschte mich, doch ich musste nicht lange überlegen. Ich bejahte es ehrlich und freute mich darüber. Daraufhin stießen wir nun auf unsere Freundschaft an. Es war ein schlichter Moment, aber einer, der mir wichtig erschien! Ich hatte das Gefühl, dass zwischen uns an diesem Abend echtes Vertrauen entstanden war. Als die Stunde spät wurde, musste ich schließlich aufbrechen. Obwohl ich den Abend genossen hatte, wartete am nächsten Morgen wieder die Arbeit. Wir verabschiedeten uns mit der festen Absicht, bald gemeinsam auf Jagd zu gehen. Sziedeyna begleitete mich noch nach draußen, und ich versprach, mit ihr in Kontakt zu bleiben. So endete der zweite Abend mit ihr, der als Kampfübung begonnen hatte, aber letztlich viel mehr geworden war: der Beginn einer Freundschaft und vielleicht einer wertvollen Jagdgefährtin an meiner Seite.
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