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Beweggründe und Ratschläge

Thorian D'Ulferan

Der Abend begann unerwartet ruhig. Sziedeyna brachte mir meinen Umhang und meinen Hut zurück, die ich wieder einmal bei ihr hatte liegen lassen - eines Tages wird mir meine Vergesslichkeit noch gehörigen Ärger mit dem Syndikat einbringen. Nachdem ich die Sachen verstaut hatte, setzten wir uns auf die Veranda und ich entzündete den Feuerkorb, dessen Wärme Sziedeyna willkommen hiess.

Dort führten wir das Gespräch des Vorabends weiter, wofür ich eine kleine Bedenkpause eingeforderte hatte. Weit war ich mit dem Überdenken nicht gekommen. Mir fehlten zusätzliche Details, die noch nicht ausgesprochen waren. Etwa, ob der Kuss, der zur Verwandlung führte, freiwillig gegeben oder sich genommen wurde. Also erzählte mir Sziedeyna zum ersten Mal ausführlich von ihrer Begegnung mit Ancanagar. Es war kein geplanter Schritt gewesen. Zufällig stieß sie auf den Turm und lernte dort jene kennen, die ihr später die Unsterblichkeit schenken sollte. Als Sziedeyna von der Regel sprach, dass niemand den Turm lebend verlassen durfte, wurde mir klar, dass ihre Möglichkeiten erschreckend begrenzt gewesen waren. Zunächst hielt ich ihre Verwandlung für einen Akt reiner Verzweiflung – den Griff nach dem letzten Strohhalm.

Doch je mehr sie erzählte, desto komplizierter wurde das Bild. Sie gestand mir, dass sie damals bereits ihres Lebens müde gewesen war. Nicht aus Angst, sondern weil ihr bisheriges Leben eine Last gewesen war. Der Gedanke an das Ende hatte sie sogar beruhigt. Diese Worte trafen mich. Zum ersten Mal bekam ich eine Ahnung davon, wie schwer ihr früheres Leben gewesen sein musste. Dennoch war ich überzeugt, dass ihre damalige Entscheidung bewusst gefallen war. Vielleicht wusste sie nicht jedes Detail dessen, was sie erwartete, aber sie hatte sich mit dem Thema beschäftigt und war keineswegs völlig ahnungslos. So versuchte ich ihr zu verdeutlichen, dass sie sich deshalb nicht schuldig fühlen müsse. In meinen Augen hatte die damalige Sziedeyna der heutigen den Weg bereitet, anstatt von ihr verdrängt worden zu sein.

Besonders bewegte mich aber weiterhin Sziedeynas Sorge, ihre Seele verloren zu haben. Diesen Gedanken wollte ich nicht akzeptieren. Ich wollte verhindern, dass sie sich selbst als bloße Hülle betrachtete. Deshalb versuchte ich immer wieder, ihr Mut zuzusprechen und ihr klarzumachen, dass sie nicht gegen die Vergangenheit kämpfen müsse. Und als sie andeutete, dass ihre Geschichte noch längst nicht vollständig erzählt sei, drängte ich sie nicht. Sie sollte selbst bestimmen, wann sie bereit war, weiter darüber zu sprechen.

Nachdem die ernsten Gedanken etwas leichter geworden waren, beschlossen wir, gemeinsam noch durch Britain zu schlendern. Allein der Gedanke, einfach mit ihr auszugehen, erfüllte mich mit ehrlicher Freude. Solche gewöhnlichen Augenblicke erscheinen mit ihr plötzlich außergewöhnlich. Unser Weg führte uns schließlich in die Liebliche Biene. Die Taverne war überraschend gut besucht. Gemeinsam fanden wir noch einen Platz, während um uns herum bereits lebhafte Gespräche geführt wurden. Dort unterhielten sich zwei Magiebegabte über Erinnerungen und die Gefahr geistiger Erkenntnis. An einem anderen Tisch ging es lustig einher, bis irgendwann eine junge Bardin ein Lied anstimmte, das die gesamte Taverne mit Musik erfüllte.

Zwischendurch bemerkte Sziedeyna ein mögliches Opfer für ihren Durst. Obwohl sie sich beherrschte, spürte ich, dass dieses Thema sie beschäftigte. Es erinnerte mich daran, wie schmal der Grat ist, auf dem sie wandelt. Ich merkte dabei auch, dass ich mich innerlich auf einen solchen Moment erst vorbereiten müsste. Dennoch machte ich ihr unmissverständlich klar, dass ich an unserer Abmachung festhalten würde!

Nachdem sich einige andere Gäste verabschiedeten, beschlossen wir einen Ausflug in die Höhlen Destards, wo wir bereits Tage zuvor eine erfolgreiche Jagd absolviert hatten. Schulter an Schulter bezwangen wir die hiesigen Monster und schärften unsere Fähigkeiten, sowie die Zusammenarbeit. Die Frage bezüglich ihrer Ablehnung gegenüber Magiern kam auf, die sie aber erst nach der Jagd beantworten wollte.

Bei ihr angekommen bewirtete mich Sziedeyna mit einem Honigbier und wir teilten den Ertrag unsers Ausfluges. Während wir am Feuer saßen und ihre Hand in meiner ruhte, erzählte sie mir schließlich von Dingen, die sie lange mit sich getragen hatte. Ihre Furcht vor Magiern entspringt weniger Hass als vielmehr Unsicherheit. Sie fürchtet ihre Fähigkeiten und das, was sie erkennen könnten in Bezug auf ihr Dasein als Geschöpf der Nacht.

Als wir von den Drow sprachen, wurde nicht nur unser gemeinsamer Hass auf diese deutlich, sondern auch dass dort tiefere Wunden bei ihr verborgen liegen. Sie berichtete, wie sie einst gegen ihren Willen für sie arbeiten musste, wie man sie mit einem verzauberten Armreif kennzeichnete und überwachte und wie sie sich niemals frei fühlen konnte. Als sie den Armreif hervorholte, überkam mich tiefer Zorn. Der Gedanke, dass sie solche Erniedrigung hatte ertragen müssen, ließ mich die Fäuste ballen. In diesem Moment schwor ich mir, dass niemand sie jemals wieder in solche Ketten legen würde. Als sie auch Ancanagar erwähnte und ihre Sorge äußerte, die Drow könnten ihr etwas antun, wurde mir bewusst, dass Sziedeynas Loyalität weit über sie selbst hinausreicht. Ich versprach ohne Zögern, auch Lady Ancanagar beizustehen, sollte sie jemals Hilfe benötigen. Nicht aus Pflichtgefühl allein, sondern weil sie jemand ist, der Sziedeyna viel bedeutet.

Dann schien Sziedeyna plötzlich etwas zu spüren, wie eine Ahnung, die sich in ihr Bewusstsein schlich. Es klopfte an der Tür, und da war sie plötzlich, als hätte sie das Gespräch über sie hier her geführt. Lady Ancanagar trat ein. Ich hielt mich zunächst bewusst zurück und beobachtete die Begrüßung zwischen ihr und Sziedeyna. Es war offensichtlich, wie viel die ältere Vampirin Sziedeyna bedeutete. Sie strahlte förmlich, als sie Ancanagar in die Arme schloss. Ich empfand dabei weder Eifersucht noch Unbehagen. Stattdessen freute es mich, sie so glücklich zu sehen, und gab beiden den Raum, den sie brauchten. Erst danach setzte ich mich wieder an ihre Seite, nahm erneut Sziedeynas Hand und blieb aufmerksam, während sich das Gespräch entwickelte.

Ancanagar begegnete mir freundlich, aber auch mit prüfender Neugier. Sie wollte wissen, ob ich mir darüber im Klaren sei, wer sie wirklich ist. Das war ich inzwischen. Trotz ihres Wesens empfand ich keine Angst vor ihr. Vielmehr begegnete ich ihr mit Respekt. Ich wusste, dass ich als Lebender unter zwei Nachtgeborenen saß, und dennoch fühlte ich mich sicher. Nicht zuletzt, weil ich Sziedeyna vertraue.

Schließlich stellte Ancanagar die Frage, die unausweichlich schien: Welches Band verbindet Sziedeyna und mich? Sziedeyna sprach es offen aus. Wir sind ein Paar. Ich ergänzte, dass sie bereits von meinem Blut getrunken hatte. Doch Ancanagar meinte etwas anderes. Sie begann, uns von einem uralten Blutsband zwischen Nachtgeborenen und Lebenden zu erzählen. Ein Band, das Nähe, Kraft, Heilung und gegenseitiges Empfinden schenken könne – zugleich aber auch die Möglichkeit eröffne, den Lebenden zu beherrschen.

Ich sah deutlich, wie sehr Sziedeyna diese Verbindung faszinierte. Für sie bedeutete sie keine Kontrolle, sondern eine noch tiefere Nähe. Als sie enttäuscht den Blick senkte, schmerzte mich das. Ich wollte ihr diesen Wunsch nicht verwehren, doch allein die Möglichkeit, dass meine Entscheidungen nicht mehr allein die meinen wären, widersprach allem, woran ich glaube. Meine Treue zu Sziedeyna entspringt meinem eigenen Willen. Ich stehe an ihrer Seite, weil ich sie liebe, nicht weil irgendeine Magie mich dazu zwingt. Genau das versuchte ich beiden verständlich zu machen.

Ancanagar versuchte, meine Sorgen zu entkräften. Sie erklärte, dass Zwang niemals automatisch entstehe und stets eine bewusste Entscheidung des Nachtgeborenen sei. Sie schilderte ihre eigenen Erfahrungen mit dem Blutsband und erklärte, dass daraus zunächst ein neuer Sinn erwachse – ein Empfinden für die Existenz, die Gefühle und schließlich sogar die Emotionen des anderen.

Auch die Antwort auf eine andere Frage beschäftigte mich. Auf etwas, das weiter reichte als dieses Blutsband – und alleine, dass ich diese Frage stellte war ein Indiz: Ob ich nach einer späteren Wandlung noch derselbe Mensch sein würde. Ohne Zögern erklärte sie, dass sie selbst trotz ihrer Verwandlung immer sie selbst geblieben sei. Die Veränderung betreffe die Existenz, nicht den Kern der eigenen Persönlichkeit. Diese Worte gaben mir mehr Halt, als ich zunächst zeigen wollte. Vielleicht verändert die Nacht den Körper und die Bedürfnisse – doch sie löscht nicht aus, wer man im Innersten ist.

Ancanagar erwies sich an diesem Abend als kluge Ratgeberin. Sie schilderte ihre eigenen Erfahrungen mit bemerkenswerter Ehrlichkeit und versuchte, uns die Furcht vor dem Blutsband zu nehmen. Als sie schließlich meinte, solche Gespräche gehörten zwischen zwei Liebenden, zog sie sich bewusst zurück und ließ uns allein. Vor ihrem Abschied sprach sie mir ihr Vertrauen aus und bat mich, auf Sziedeyna achtzugeben. Diese Worte bedeuteten mir viel, und ich versprach ihr mit ehrlichem Herzen, genau das zu tun.

Nachdem Ancanagar gegangen war, saßen Sziedeyna und ich uns erneut gegenüber. Ohne fremde Ohren konnten wir endlich offen über unsere Ängste sprechen. Ich gestand ihr, dass ich ihr längst mein Vertrauen geschenkt hatte und eigentlich ohnehin fast alles für sie tun würde. Gleichzeitig fragte ich mich, ob wir vielleicht etwas Einzigartiges versäumen würden, wenn wir aus Angst vor den Risiken niemals wagten, diesen Schritt zu gehen. Schließlich erkannte ich, dass Vertrauen immer ein Wagnis bleibt – mit oder ohne Blutsband.

Als Sziedeyna mir versprach, dass dieses Band niemals dazu dienen würde, einen von uns über den anderen zu stellen, traf ich meine Entscheidung. Wir besiegelten dieses Versprechen mit einem Handschlag. In diesem Moment fühlte es sich an, als würden wir beide denselben Schritt gleichzeitig wagen. Und so eilte sie los und brachte eine kleine Phiole hervor.

Sie füllte diese kleine Phiole mit ihrem Blut. Als sie sich dafür selbst in die Hand schnitt, wollte ich den Schmerz am liebsten von ihr fernhalten. Nachdem sie mir die Phiole gereicht hatte, trank ich. Ich hatte den typischen Geschmack von Blut erwartet. Stattdessen breitete sich Wärme in mir aus. Gefühle, die sich nicht mehr eindeutig ihr oder mir zuordnen ließen, brandeten auf. Liebe, Geborgenheit und Nähe vermischten sich zu etwas, das weit größer war als wir beide allein. War es alleine das Band, oder trug die ganze Atmosphäre dazu bei. Ich konnte es nicht mit Gewissheit sagen.

Gemeinsam legten wir uns anschließend auf die Kissen vor dem Kamin. Sie schmiegte sich an mich wie so oft, doch diesmal fühlte sich jede Berührung noch intensiver an. Als ihre Vampirzähne schließlich ungewollt hervorkamen, erschrak sie zunächst. Doch ich vertraute ihr inzwischen vollkommen. Ich bot ihr meinen Hals an, überzeugt davon, dass unser neues Band ihr zeigen würde, wann sie aufhören musste. Obwohl der Biss schmerzte, lag zugleich etwas Friedliches und Tröstliches darin. Bis ich schließlich leise darum bat, innezuhalten. Sofort ließ sie von mir ab, und meine Wunden schlossen sich beinahe augenblicklich.

So verbrachten wir den Rest der Nacht eng umschlungen vor dem Kamin. Die Welt außerhalb dieses kleinen Hauses verlor jede Bedeutung. Erst mit dem ersten Hahnenschrei löste ich mich vorsichtig aus ihrer Umarmung, ließ sie schlafend auf den Kissen zurück und verließ das Haus mit einem letzten liebevollen Blick. Ich trug nicht nur die Erinnerung an diesen Abend mit mir – sondern das sichere Wissen, dass zwischen Sziedeyna und mir nun etwas bestand, das tiefer reichte als bloßes Vertrauen. Ein Band, das wir gemeinsam und aus freiem Willen geknüpft hatten.

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