Das Schicksal der Steine
Geschichtenerzähler
Im Wald der Elfen schritt die Zeit nur zögernd voran. Unter den Kronen uralter Bäume und im stillen Dasein der alterslosen Elfen verloren die Jahre ihre Konturen, bis eines unmerklich mit dem nächsten verschwamm. Und doch – selbst an diesem zeitentrückten Ort wurde die Gegenwart irgendwann zur Vergangenheit, die Vergangenheit zur Geschichte und die Geschichte schließlich zur Legende. Von der bloßen Existenz der Krone wusste kaum noch ein Elf, geschweige denn irgendein anderer Sterblicher. Dass sie zerbrochen war, hatten allein die untote Ritterin und ihr finsterer Meister erfahren. Als die Bruchstücke schließlich gefunden wurden, glichen sie kaum mehr als gewöhnlichen Edelsteinen – blind, unscheinbar und ohne jeden Glanz. Und doch wohnte ihnen der Nachhall einer uralten elfischen Magie inne, leise und beharrlich wie ein Flüstern, das aus längst vergessenen Zeitaltern herüberwehte. Der erste Stein befand sich viele Jahre lang im Besitz einer Waldelfe, die am südlichen Saum des Waldes lebte. Sie hatte ihn tief in das Holz ihres Wanderstabs eingelassen, und auf zahllosen Wegen leistete er ihr treue Dienste. Doch in einer mondlosen Nacht begegnete sie auf ihren Wanderungen einem verängstigten Kobold. Ohne zu zögern, überließ sie ihm den Stab mitsamt dem darin verborgenen Stein. Später fiel der Kobold in den finsteren Höhlen von Destard einem Oger zum Opfer. Das plumpe Ungeheuer erkannte weder den Wert des Wanderstabs noch die Macht, die in ihm schlummerte, und missbrauchte ihn fortan als Rückenkratzer. Als eine üppige Ogerdame den Oger eines Tages gen Osten verschleppte, blieb der Stab achtlos zurück. Von da an wanderte er von Hand zu Hand, ohne dass jemand ahnte, welchen Schatz er barg. Den zweiten Stein entdeckte ein junger Gargyl. Geleitet vom magischen Flüstern des Edelsteins, arbeitete er ihn über viele Jahre hinweg in seinen steinernen Leib ein, bis beide beinahe eins geworden waren. Doch auch dieser Stein sollte verloren gehen. Ein mächtiger Lich aus den Höhlen von Covetous unterwarf den Gargyl und brachte ihn als Opfergabe zu dem Skelettdrachen, der tief in der oberen Kammer lauerte. Seither erzählen sich die Menschen rings um die Berge von einer geflügelten Gestalt, die des Nachts lautlos über die Felder gleitet und sie aus leeren, untoten Augen beobachtet. Das blassgrüne Blatt hingegen verließ den Wald niemals. Ein winziges Wesen, geboren aus Magie und Wind, fand es zwischen Moos und Wurzeln und hob es behutsam auf. So unsterblich wie der Wald selbst, verbarg es das Blatt an einem Ort, den kein sterbliches Auge je erblicken sollte. Immer wieder kehrte es dorthin zurück, um schweigend dem Nachhall der elfischen Magie zu lauschen.
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