Modesünden
Shia Khar'sandra
Der erste Stein war für einen flüchtigen Blick nichts besonderes. Milchig-trüber Kristall mit nur der Andeutung eines Glanzes - sogar erfahrene Steinschneider würden kaum Potenzial darin sehen. Nur die perfekte Form - ein asymmetrischer Cabochon, den die Elfen oft zu Ehren des zunehmenden Mondes in ihre Gemmen schleifen - wies darauf hin, dass dieser Stein einst mit viel Geschick und Sorgfalt bearbeitet wurde. Wie sehr beeinflusst die Mode in Namoth das Leben der Bürger? Natürlich war Paranax stets an vorderster Front - die angesagtesten Schnitte, die gewagtesten Farben und natürlich die ausgefallensten Accessiors. Und nun war es eben diese silberne Kette mit dem Elfenstein in ihrem Zentrum. In Namoth, wo nur ein toter Elf ein guter Elf ist, mag das für leises Geflüster sorgen - natürlich nur hinter vorgehaltener Hand. Doch der Stein rief nicht nur Kopfschütteln hervor - manch ein Bewohner von Cove, der ihn bisher wenig beachtet hatte, neigte nun den Kopf. Auf dem Markt traten die Mägde wie zufällig an ihn heran, berührten seinen Arm und wandten sich lachend ab. Das war aber nicht alles. Wann immer Paranax allein war, ob in seinem Haus, oder ob er sich um die Belange seiner Stadt kümmerte, konnte er es hören - unscheinbar, stets an der Grenze seiner Wahrnehmung: Ein helles Summen, als wäre ein winziges Insekt tief im Inneren des Steines gefangen. Die unstete Melodie schwoll ab und an, formte manchmal erkennbare Takte, unermüdlich wiederholte Muster aus Vibration und Intensität - dann wieder war der Ton fast unverändert für lange Zeit, doch nie ganz verschwunden. Wann immer um Paranax herum auch andere Geräusche waren, erstarben die Geräusche, oder wurden ertränkt im Gewirr anderer Geräusche, fremder Atemzüge und Herzschläge. Shia Khar'sandra | Gleißender Stern-der-das-Schicksalslied-singt
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