Vielleicht lag ihr Verharren in dieser toxischen Beziehung auch daran, dass sie nie gelernt hatte, unabhängig zu sein. Sie hatte immer jemanden gehabt, der auf sie aufpasste – erst ihre Mutter, dann ihr Vater und nun Air. Ohne ihn hätte sie sich in der britannischen Gesellschaft völlig verloren gefühlt. Und zu ihrer waldelfischen Herkunft hatte sie keinerlei Verbindung mehr.
Als Halbelfe war sie ohnehin in den menschlichen Adelskreisen stets wie ein Kuriosum behandelt worden. Ihr Vater war es stets gewesen, der sich schützend vor sie stellte. Aber sie kannte die Blicke. Und obwohl sie meist älter war, fühlte sie sich von vielen Männern aus der Elite oft lüsternen Blicken ausgesetzt und gar nicht wie ein Wesen auf Augenhöhe gesehen.
Dass sie Halbelfe war, war immer wieder Thema auf Banketten; aber selbst wenn sie direkt daneben stand und alles mitbekam, sprach man stets nur über sie anstatt mit ihr. Dieses Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören und nicht für voll genommen zu werden, war immer und überall präsent. Loretta versuchte derweil, sich nichts anmerken zu lassen, und lächelte nur schüchtern. Wenn es für sie gar nicht mehr zu ertragen war, lief sie auf ihr Zimmer und weinte.
Wenn es ihr schlecht ging oder sie einfach ihre Mutter besonders stark vermisste, vollzog Loretta für sich allein ein heimliches Ritual. Sie verbrannte Lavendelzweige, weil sich der Duft von verbranntem Lavendel in jener Nacht bei ihr eingebrannt hatte, als sie ihre Mutter verlor. Dies entfachte zwar den Schmerz, ließ sie aber auch wieder die kindliche Verbindung zu ihrer Mutter besonders spüren.