In ihrem Zimmer lebte Loretta bis zuletzt. Auch nach dem Tod ihres Vaters war sie nicht in die Hauptgemächer umgezogen, was wohl Ausdruck ihres inneren Kleinfühlens war. Air hatte schon lange einen Schlüssel und kam und ging, wie es ihm beliebte. Manchmal kam er spätabends direkt in ihr Zimmer, in dem sie schon schlief, mit einer Alkoholfahne und ließ seinen Frust an ihr aus.
In solchen Situationen kämpften in ihr die widersprüchlichsten Regungen. Einerseits litt sie unter seinem schroffen Verhalten. Andererseits fühlte sie sich dabei auch auf seltsame Weise geborgen. Sie wusste, dass er nur zu ihr kam und sie so behandelte, weil er sie eigentlich genauso liebte, wie sie ihn – auch wenn sie sich sicherlich lieber eine andere Art von ihm gewünscht hätte, ihr das zu zeigen. Es war bittersüß.
Als Loretta 76 war, begegnete sie dem 16-jährigen Ferax. Da wirkte sie gerade einmal wie 19. Ferax war ein aufgeweckter Junge, der schnell zu ihrem besten Freund wurde. Weil er nicht aus Adelskreisen stammte und Air ihn nicht in Lorettas Nähe wollte, wohlwissend, dass er nur jetzt noch ein gutes Stück jünger als sie zu sein schien, trafen sie sich heimlich und erlebten gemeinsam so manches verrückte Abenteuer in der Wildnis.
Wenig später machte Air Loretta einen Heiratsantrag und verlobte sich mit ihr. Ihr kam es eher so vor, als wolle er damit nur sicherstellen, dass sie bei ihm blieb. Im Alter von 78 Jahren stand die Hochzeit kurz bevor, und in Loretta regte sich zum ersten Mal genug Widerstand, um eine folgenschwere Entscheidung zu treffen: Sie floh in der Nacht vor der Hochzeit. Sie zog sich reisetauglich an, packte das Nötigste ein, inkl. eines Beutels Gold, und verschwand in die Nacht. Damit ließ sie auch sämtlichen Besitz zurück.