Am Morgen nach der königlichen Audienz ging es Loretta zwar schon wieder etwas besser, aber ein tiefes Unbehagen lag noch immer auf ihrer Brust. Als sie die Eingangstür aufgehen hörte, eilte sie die Treppe hinab und fiel Bertha, ihrer in die Jahre gekommenen Haushälterin, in die Arme.
„Bertha, oh Bertha!“, rief sie.
„Was ist denn, mein Kind?“, fragte Bertha mit sorgenvoller Miene.
„Oh, du glaubst nicht, was gestern im Palast vorgefallen ist!“, antwortete Loretta, noch immer außer Atem.
„Im Palast? Bei der königlichen Audienz ihrer Majestät?“, hakte Bertha interessiert nach.
„Ja, Dunkelelfen sind aufgetaucht …“ – Berthas Miene verfinsterte sich abrupt, wohlwissend um die Rolle der Dunkelelfen in Lorettas Kindheit – „… und haben den Sohn der Gräfin zu Düsterhafen ermordet!“, schloss Loretta den Satz ab.
Bertha weitete die Augen und schaute Loretta mit offenem Mund an. Eine Weile standen sie einfach nur so da und sahen einander an. Tränen traten in Lorettas Augen, während sie Bertha fester umarmte und beide sich eine Zeit lang schweigend hielten. Irgendwann lösten sie sich voneinander und atmeten beinahe zeitgleich tief durch.
Danach setzten sie sich an den Tisch in der Küche, und Loretta fand nun die Kraft, Bertha die gestrigen Ereignisse in vollem Umfang zu schildern.
„Ich habe Angst“, sagte sie schließlich leise und ein wenig zittrig.
Bertha entgegnete energisch: „Wir lassen eine Wache vor dem Anwesen abstellen. Ich werde mich umgehend an das Schreiben dazu machen!“
Loretta wischte sich eine Träne aus dem Gesicht, und ein kaum merkliches Lächeln zeichnete sich auf ihren Zügen ab – ein stiller Ausdruck von Dankbarkeit.
„Danke, Bertha. Was würde ich nur ohne dich machen?“
Für einen Sekundenbruchteil lag ein sehr besorgter Ausdruck auf Berthas Gesicht, doch sie unterdrückte ihn sofort, zwang sich zu einem Lächeln und griff nach Lorettas Hand, um ihr Zuversicht zu vermitteln. Kurz darauf ging Loretta wieder hinauf in ihr Zimmer und überließ es Bertha, den Brief an die königliche Wache zu verfassen.
Daraufhin griff Bertha nach ihrem Schreibzeug und verfasste folgende Zeilen:
An den
Hauptmann der königlichen Wache
zu Britain
Hochverehrter Herr Hauptmann,
in aufrichtiger Ergebenheit gegenüber der Krone und im Namen meiner Dienstherrin, ihrer Gnaden, der Junkerin Loretta von Auenstein, erlaube ich mir, mich mit einer dringenden Bitte an Euch zu wenden.
Meine Herrin wohnte der gestrigen Audienz ihrer Majestät in der königlichen Burg bei und wurde dort unmittelbare Zeugin des abscheulichen Vorfalls, bei dem der Sohn der hochwohlgeborenen Gräfin zu Düsterhafen durch einen magischen Blitzschlag sein Leben ließ. Die Täter waren Dunkelelfen, die – nach ihrem Erscheinen vor den Toren der Burg und dem Ablegen ihrer Waffen – wie andere Gäste zur Audienz zugelassen worden waren.
Seit jenen Ereignissen ist meine Herrin zutiefst erschüttert und in Sorge um ihre eigene Sicherheit wie auch um die Ruhe ihres Hauses. Wenn selbst jene, die in den Hallen des Palastes als Gäste geduldet werden, zu solcher Gewalttat fähig sind, was mag dann erst außerhalb der unmittelbaren Obhut ihrer Majestät möglich sein?
Eurer wackeren Wache sei an dieser Stelle von Herzen gedankt, dass sie meine Herrin am gestrigen Abend wohlbehalten von der Burg bis zu ihrer im Adelsviertel Britains gelegenen Villa Auenstein geleitet hat. In Anbetracht der geschilderten Ereignisse bitte ich jedoch ehrerbietig darum, vor genanntem Anwesen bis auf Weiteres eine Wache der Krone zu postieren, insbesondere in den Abend- und Nachtstunden, auf dass die treuen Untertanen ihrer Majestät sich in diesen unruhigen Zeiten des Schutzes der Krone gewiss sein dürfen.
Etwaige Weisungen Eurerseits wird meine Herrin in allen Stücken gerne befolgen.
Mögen die Götter Euch und Eure Männer behüten und das Königreich vor weiterem Unheil bewahren.
In tiefem Respekt
Bertha Bindrich
Haushälterin im Dienste
ihrer Gnaden, der Junkerin
Loretta von Auenstein
Nachdem das Schreiben fertiggestellt war, brachte Bertha den Brief zu Loretta, die den Inhalt bestätigte und ihn mit dem Auenstein-Siegelring verschloss. Anschließend machte sich Bertha umgehend auf, den Brief zuzustellen.