Zwischen Furcht und Rang
Lyr'sa Ky'Alur
Lyr'sa erstarrte, noch bevor ihr Verstand begriff, was ihre Augen sahen. Zunächst war es nur eine Form im Halbdunkel, eine Silhouette, die sich gegen den fahlen Schimmer der Pilzlaternen abhob. Dann kamen die Details, unerbittlich klar. Die gefalteten Hände. Der geöffnete Brustkorb. Die groteske Stille eines Körpers, der nicht mehr litt und doch noch immer Anklage schrie. Ein kalter Stich kroch ihr den Rücken hinauf. Nicht schon wieder. Nicht so nah. Ihr Haus lag nur einige dutzend Schritt entfernt, ein Ort, der Sicherheit versprechen sollte. Elashinn war ihr noch immer fremd, trotz aller Titel, trotz der neuen Stellung, die man ihr umgelegt hatte wie ein schweres, teuer gearbeitetes Gewand. Sichtbar, kostbar und erdrückend. Der hingerichtete Hauptmann der Wache. Ruzzo'isos. Ein Name, den man gestern noch mit Respekt ausgesprochen hatte. Heute nur noch ein Zeichen. Lyr'sas Atem ging flach. In ihr regte sich kein Triumph, kein kalter Gleichmut, wie er vielleicht von einer Ky'Alur erwartet worden wäre. Stattdessen nagte ein alter, vertrauter Gedanke. Hochstaplerin. Eine andere Version von ihr hatte sich einst diesen Platz verdient, diese Rolle ausgefüllt, diese Stadt gekannt und auch selbst gebaut. Sie selbst bewegte sich darin wie eine schlechte Kopie, die jeden Moment entlarvt werden konnte.
Der Gedanke kam leise, fast nüchtern. Auch Tath’raen hatte die Veränderung gespürt. Seit Moonglow war etwas zwischen ihnen unausgesprochen gewachsen, eine Distanz, die weder Feindschaft noch Gleichgültigkeit war. Konnte man es Schutz nennen? Oder gar Zweifel. Nun hatte er sich auf das Dach zurückgezogen, Wache haltend über einem Heim, das sich für Lyr'sa zugleich wie Käfig und Krönung anfühlte. Sie hasste diese Stadt für ihre Grausamkeit, für ihre ständige Erinnerung daran, was sie nicht war. Und doch brannte da etwas anderes, tief und beschämend ehrlich. Sie liebte die Macht. Die neu gewonnene Anerkennung. Das Gewicht ihres Namens. Dass sie sich nicht schämen musste Lyr'sa zu sein. Lyr'sa die ständig verachtet, missachtet, getreten und geschlagen wurde Und dennoch nagte etwas an ihrer Selbstsicherheit. Hier hatte Elashinn gesprochen - Stumm ohne Worte, und doch deutlich hörbar - für alle die gelernt hatte zuzuhören.
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