Die Schwester der Stille kniete hinter Jhea'kryna und deutete nur mit knappen Gesten an und berichtete was sie gesehen hatte.
Jhea'krynas Blick wurde schmal. Tath’raen hatte den Rivvil gefasst und ohne Zögern in ihren Kerker gebracht. Aus eigener Initiative, mit dem nötigen Maß an Wachsamkeit. Vielleicht sogar.... Ehrgeiz? In Elashinn war das alles dasselbe, solange es in die richtige Richtung floss. Sie erhob sich langsam. „Sorn“, sagte sie nur. Der Veldruk trat aus den Schatten, als habe er dort auf das Wort gewartet. „Der alte Hauptmann hat versagt. Entsorge ihn.“ Keine weitere Erklärung war nötig. Kein Hinweis auf Methode oder Ort. Sorn verstand. Kreativität war ihm eigen, und Jhea'kryna verlangte kein gewöhnliches Verschwinden. Elashinn sollte erinnert werden, wie brüchig Rang ohne Kompetenz war. Dann wandte sie sich wieder dem eigentlichen Thema zu. Tath’raen. Ein Mann, der einen Rivvil durch einen vergessenen Zugang verfolgte und lebend in ihren Kerker brachte, war kein gewöhnlicher Jaluk. Die Wache Elashinns war träge geworden. Zu lange hatten sie sich auf alte Strukturen verlassen, auf Namen, auf Gewohnheit. Gewohnheit war Gift. „Er soll kommen“, befahl sie. Sie überlegte einen Moment. Er solle freie hand bekommen - nicht zu frei - nur genug um die Illusion zu erhalten er hätte tatsächlich freie Hand - die Garde neu zu strukturieren und einzusetzen. Vielleicht sahen die Augen aus Moonglow, aus der anderen Welt, mehr als die die bereits seit Jahrhunderten hier die Höhle bewachten. Sie machte eine kurze, beiläufige Geste. Rhylszarr lungert bereits seit Wochen untätig herum... Soll er sich dessen bedienen. Zweiter Hauptmann, soll er heißen, wenn er es wünscht. Oder soll er ihm einen anderen dieser… klangvollen Titel geben. Ihr war es gleich, wie sie sich nennen. Wichtig ist nur, dass es funktioniert. Elashinn brauchte keine schönen Namen. Es brauchte Effizienz. Als der Gedanke Tath’raen entlassen war, blieb das größere Problem bestehen. Ein Moongate, das sich nahe der Oberfläche öffnete, war kein Zufall. Tore dieser Art waren selten, und wenn sie erschienen, dann nicht ohne Grund. Magische Strömungen veränderten sich nicht aus Laune. „Zynrae“, murmelte sie. Die Magierin würde das Tor untersuchen. Seine Stabilität. Seine Herkunft. Ob es nur verband – oder beobachtete. Jhea'kryna wollte wissen, wohin es führte und wer es vielleicht bereits genutzt hatte. Doch da war noch etwas anderes. Ein alter Stollen. Berichtet worden war von einem vergessenen Gang, verborgen in einem Labyrinth aus schroffen Felsen und tiefen Klammen. Einst verschlossen. Nun offenbar wieder zugänglich. Der Rivvil war nicht zufällig dort aufgetaucht. Wege, die lange tot gewesen waren, begannen sich zu regen. In Jhea'krynas Innerem regte sich ein leises Ziehen. Kein Aberglaube. Instinkt. Dort unten war mehr als nur ein Durchgang. „Lyr'sa“, sagte sie schließlich leise. Die Schmiedin. Nutzlos in so vielem, ungeschickt in Politik, zu weich im Blick für diese Stadt. Und doch besaß sie Hände, die Dinge öffneten, die andere nicht einmal wahrnahmen. Ein Gespür für Mechanik, für verborgene Strukturen im Stein und Metall. Vielleicht war es Zeit, sie zu prüfen. „Sie soll den alten Stollen öffnen“, befahl Jhea'kryna. „Vollständig. Ich will wissen, was sich dort verbirgt.“ Es war eine Aufgabe die ihren Fähigkeiten angemessen war. Während über der Stadt bald das blutige Werk Sorns gefunden werden würde und das Flüstern durch die Straßen zog, begann sich unter der Oberfläche bereits eine neue Ordnung zu formen. Jhea'kryna lehnte sich langsam in ihrem Sitz zurück, die Finger locker aneinandergeschlagen. Befehle waren gesprochen worden — und sie würden ausgeführt werden. Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über ihre Lippen. Nicht wegen der Moongates, dem Stollen, dem Rivvil... Sondern weil sie sah, wie die Stadt sich regte, wenn sie nur ein Wort sprach.
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