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Als das Siegel barst

Eine Drider

Seit Äonen hatte nichts mehr meine Ruhe gestört, nichts außer dem geduldigen Tropfen von Wasser, das von den hohen Zähnen der Höhlendecke fiel und in schwarzen Pfützen versickerte, und dem unermüdlichen, beruhigenden Rascheln zahlloser Beine, die über Stein und Gespinste glitten, als sei die Dunkelheit selbst ein atmender Organismus, der mich umhüllte und schützte. Das Siegel, das einst über meinen Zugang gelegt worden war, trug die Handschrift von Verrat und Furcht, und ich erinnerte mich noch gut an die Hände, die es schlossen, an die Stimmen, die glaubten, sie hätten mich gebannt, mich begraben, mich dem Vergessen überantwortet. Sie irrten sich. Ich vergesse nicht. Ich warte.

Als das erste Zittern durch den Fels lief, war es kaum mehr als ein Flüstern in der Tiefe, ein feiner Riss im Gefüge der Stille, die so lange unangefochten geherrscht hatte. Doch dann folgte der Schlag – dumpf, metallisch, unerbittlich – und das alte Siegel barst mit einem Laut, der sich durch die gewundenen Schächte fraß, durch enge Klammen kroch und über gewaltige Hallen rollte, die seit Jahrhunderten keinen fremden Laut mehr getragen hatten. Der Klang war kein einzelnes Geräusch, sondern eine Welle, die meine Gruft durchmaß und an den Fäden meiner Netze zerrte, als wolle sie prüfen, ob ich noch dort war.

Ich war dort.

Die Stiefel kamen kurz darauf, zahlreich. Ihr Tritt hart und selbstgewiss, als gehörte ihnen der Boden, auf dem sie gingen. Ihr Echo vervielfachte sich in den riesigen Hohlräumen, sprang von Wand zu Wand und drang bis in die tiefsten Kammern vor, in denen selbst die Luft schwer und alt geworden war. Mit jedem Schritt, den sie taten, sandten sie Schwingungen durch den Stein, die meine Kinder sofort verstanden, denn die Spinnen, die Kreaturen, die sich in Ritzen und unter Vorsprüngen verbargen, kannten jede Veränderung im Atem dieser Höhle. Ihre Beine hielten inne, ihre Körper spannten sich, und ein feines, kollektives Zittern durchlief die Gespinste, die wie ein zweites Nervensystem die gesamte Tiefe durchzogen.

Sie glauben, sie betreten einen vergessenen Ort, einen alten Stollen, dessen Geheimnisse nur noch Staub und Knochen sind, doch sie begreifen nicht, dass sie in ein Reich treten, das nie tot war, sondern lediglich schlief, eingehüllt in Geduld und in das stetige, wachsende Geflecht meiner Macht. Mit ihrem Lärm wecken sie nicht nur mich, sondern alles, was hier unten seit Ewigkeiten geruht hat, alles, was auf ein Zeichen wartete, auf ein Brechen des Siegels, auf die törichte Neugier jener, die meinen Namen längst aus ihren Chroniken strichen.

Nun hallt ihr Eindringen durch mein Reich, und in den Schatten, die tiefer sind als ihr Mut, öffne ich langsam meine Augen.

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