Online: 23

Es geht los

Ungosch ni'Dulana

In den nebelverhangenen Wäldern vor Minnersbach, wo sich das Meer in einiger Entfernung befand, wuchs seit drei Monden etwas empor, das die einfachen Leute für eine besonders prächtige Gildenfestung hielten.

Bei Tage sah alles ganz ordentlich aus: Zwergische Steinmetze des Clans Starkarm stampften mit präzisen Hammerschlägen Granitquader zurecht, fluchten in kehligem Runen-Dialekt und tranken anschließend metschwere Krüge leer, als wäre es Brunnenwasser. Ihre Bärte waren voller Steinstaub, ihre Schultern so breit wie die Türstürze, die sie selbst schlugen. Oberhaupt Bargomar selbst – ein Berg von Zwerg mit Armen wie uralte Eichenwurzeln – brüllte Befehle, die man bis in die Stadt hören konnte.
„Bei Pyros linkem Hoden, wenn der nächste Block auch nur ’nen Fingerbreit schief sitzt, ramme ich euch persönlich den Meißel in den Arsch und benutze euch als Wasserwaage!“
Die Bürger von Minnersbach nickten anerkennend.
Endlich mal jemand, der richtig arbeitete. Die Lords of War zahlten gut, hieß es. Und eine starke Festung am Stadtrand würde den Handelsweg sicherer machen. Alles wunderbar.
Doch wenn die Sonne hinter den Wäldern versank und die letzten ehrlichen Tagelöhner heimwankten, begann die wahre Schicht.
Ungosch ni’Dulane trat aus seinem Bauherrenzelt. Groß und mit Haut wie blasses Pergament und Augen, die im schwachen Licht der Mondsichel eisblau glühten. Ein Tagwandler – weder ganz lebendig noch richtig tot. Er schmeckte die Nacht wie anderen Leuten der Wind schmeckte. Süßlich. Nach Eisen und feuchter Erde.
„Sheraz“, sagte er leise.
Neben ihm materialisierte sich eine schlanke Gestalt in schwarzgrauem Leder, das Gesicht zur Hälfte von einer Bandage verdeckt.
Sheraz de Sol, Sprecherin der Gilde der IX. Ihre Stimme klang wie Sand, der über trockene Knochen rieselt.
„Die zweite Galerie ist heute Nacht dran. Dreizehn Meter Tiefe, doppelte Stützbögen. Die Mumien schaffen das allein, die Skelette brauchen wir nur zum Schutttragen.“

Ungosch nickte. „Kein Blut auf den Steinen. Kein Flüstern, das die Wachen hören. Und sag deinen Leuten: Wenn wieder ein Fingerknochen in den Mörtel fällt wie neulich, hacke ich persönlich den Schädel ab, der dazu gehört.“
Sheraz lächelte dünn – oder das, was bei ihr ein Lächeln war. „Sie arbeiten für die Ewigkeit, Bauleiter. Fehler sind... temporär.“

Unten in der Baugrube bewegten sich bereits die Schatten. Skelette in zerfallenen Arbeitskitteln schleppten Karren voller Bruchstein, lautlos wie Spinnweben im Wind. Mumien mit bandagierten Händen strichen Mörtel glatt, Schicht um Schicht, während ihre ledrigen Finger nicht einmal zitterten. Kein Stöhnen. Kein Seufzen. Nur das leise, gleichmäßige Schaben von Stahl auf Stein und das feuchte Klatschen des Mörtels.
Bargomar Starkarm stand auf einem der fertigen Wehrgänge, einen Krug in der Hand, und starrte in die Dunkelheit hinunter.
„Bei allen Ahnen… die Kerle arbeiten wirklich wie die Besessenen“, murmelte er.
Ungosch trat neben ihn. „Zufrieden, Clanführer?“
Der Zwerg schnaubte. „Skelettträger schleppen schneller als meine besten Burschen. Mumien lassen sich nicht ablenken, nicht durch Met, nicht durch Weiber, nicht mal durch ’nen herabfallenden Stein. Aber sag mir ehrlich, Lord… wie lange hält das gut?“
Ungosch sah über die Lichter der schlafenden Stadt Minnersbach hinweg.
Solange niemand fragt, warum die Festung in manchen Nächten plötzlich drei Meter höher steht. Und solange die Bürger glauben, dass das hier nur eine besonders gut organisierte Baustelle ist.“
Bargomar nahm einen tiefen Schluck. „Und wenn mal einer von deinen… Arbeitern tagsüber gesehen wird?“
„Dann“, antwortete Ungosch ruhig, „wird es heißen, ein betrunkener Wächter hätte Gespenster gesehen. Oder einen besonders hageren Bettler. Oder den Schatten eines Storches. Die Leute glauben, was sie glauben wollen.“
Ein Windstoß fuhr durch die Baustelle. Einer der Skelette verlor kurz das Gleichgewicht; ein Unterarmknochen klapperte auf Granit. Sofort war eine Mumie da, drückte den Knochen mit bandagierter Hand wieder an seinen Platz und machte weiter, als wäre nichts gewesen.
Bargomar schüttelte den Kopf, halb beeindruckt, halb angewidert.
„Weißt du, was das Verrückteste ist?“
Ungosch hob eine Braue.
„Die Festung wird tatsächlich prachtvoll. Besser als alles, was meine Leute allein in der doppelten Zeit schaffen würden.“ Der Zwerg grinste schief. „Vielleicht sollten wir öfter mit Toten zusammenarbeiten.“
„Vorsicht mit solchen Wünschen“, murmelte Ungosch. Seine eisblauen Augen glommen kurz auf. „Tote vergessen nie eine offene Rechnung.“
Unten in der Grube setzte sich das leise, unermüdliche Schaben fort. Schicht um Schicht. Stein um Stein. Nacht um Nacht.
Und Minnersbach schlief friedlich weiter – direkt neben einem Bauwerk, das zur Hälfte von den Lebenden und zur Hälfte von denen errichtet wurde, die längst hätten ruhen sollen.

Beiträge in diesem Thread