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Der leere Thron

Jhea'kryna Ky'Alur

Der Gang, der zum Thronsaal des Qu’ellars Ky’Alur führte, schien an diesem Tag länger zu sein als je zuvor. Die Stufen aus poliertem Basalt glänzten im Licht der zeremoniellen Lampen, deren weißes Feuer wie kalter Mondschein auf den schwarzen Stein fiel. Jeder Schritt hallte zwischen den hohen Wänden wider, begleitet von dem dumpfen Schlag ihres eigenen Herzens – ein Geräusch, das nur sie selbst hören konnte.

Kary’lin ging neben ihr, eine Präsenz wie eine gezogene Klinge: kein unnötiges Wort, kein Blick zurück, nur der kontrollierte, gleichmäßige Schritt einer Kriegerin, die wusste, dass jede Geste beobachtet wurde. Jhea’kryna hielt das Kinn hoch, die Hände locker vor dem Körper, die langen Finger leicht ineinander verschränkt. Alles an ihrer Haltung sagte: Ich gehöre hierher. Nichts an ihr verriet, dass in der Tiefe ihres Bauches etwas Dunkles, Hartes saß, das vielleicht Angst war – oder Vorahnung.

Vor den gewaltigen Torflügeln, in die Spinnenmotive aus Silberdraht eingearbeitet waren, blieben sie stehen. Zwei Torwachen in voller Rüstung senkten synchron die Hellebarden, und einer von ihnen verkündete mit einem so lauten und klaren Ton, dass er bis in die letzten Reihen des Saales getragen wurde:

„Kary’lin Veldriss, Wächterin des Hauses, mit Jhea’kryna Ky’Alur, Tochter des Blutes und Erbin des Throns der Ilharess.“

Die Tore öffneten sich langsam.

Was dahinter lag, war kein gewöhnlicher Versammlungssaal. Der Thronsaal des Qu’ellars Ky’Alur war ein Theater der Macht – und heute war jede Loge, jede Stufe, jeder Platz besetzt. Hohe Priesterinnen in schweren Roben, Kriegerkommandanten mit Waffen, deren Klingen so alt waren wie sie selbst, Zauberwirker, deren Augen in arkanem Glanz standen.
Die Gespräche, die eben noch wie das Summen eines Schwarmes den Raum erfüllt hatten, verstummten, als die beiden eintraten.

Alle Augen wandten sich Jhea’kryna zu.

Es war kein neugieriger Blick, kein erwartungsvolles Willkommen. Es war das leise Scharren einer unsichtbaren Kralle, das Messen eines fremden Raubtiers, das gerade das Territorium betreten hatte. Manche Gesichter waren unbewegt, glatte Masken aus jahrhundertelang trainierter Selbstbeherrschung. Andere trugen ein Lächeln, das nichts mit Freude zu tun hatte. Wieder andere machten sich nicht einmal die Mühe, ihre Feindseligkeit zu verbergen.

Jhea’kryna fühlte das Brennen dieser Blicke wie einen plötzlichen Temperatursturz. Für einen Herzschlag lang war da dieser Reflex, sich umdrehen zu wollen – oder den Schritt zu beschleunigen, um schneller das Ende des Saals zu erreichen. Doch sie zwang ihre Schultern ruhig zu bleiben, zwang ihre Füße in den gemessenen Rhythmus, den eine Ilharess im Werden haben musste.
Kein Zeichen. Kein Zittern. Kein Blick, der nach unten fällt.

Kary’lin ging bis zu den Stufen des Thrones, dann blieb sie stehen. Mit einer knappen aber einladenden Geste bedeutete sie Jhea’kryna, Ihren rechtmäßigen Platz einzunehmen.

Der Thron war aus schwarzem Obsidian gehauen, so glatt poliert, dass er das Licht der zeremoniellen Lampen in kaltem Glanz widerspiegelte. An den Armlehnen waren in Silber die Verse einer uralten Litanei eingraviert, deren Worte Jhea’kryna schon in ihrer Novizenzeit auswendig gekannt hatte. Sie ließ diesen Eindruck ein, zwei Augenblicke auf sich wirken, dann erst setzte sie sich langsam, den Blick geradeaus gerichtet, und legte eine Hand auf jede der Armlehnen – als sei dieser Platz seit jeher der ihre gewesen.

Kary’lin trat einen Schritt vor. Ihre Stimme war tief, klar und unmissverständlich:

„Vor euch sitzt Jhea’kryna Ky’Alur, Tochter unseres Blutes, Schwester der Ilharess Query’fae, lange verschollen – nun zurückgekehrt, um den Stuhl zu führen, den ihr Blut ihr gibt. In diesen Hallen ist sie die Stimme, der das Haus folgt. In diesen Hallen schuldet ihr ihr, was ihr dem Namen Ky’Alur schuldet: Loyalität.“

Ein Murmeln ging durch den Saal – nicht laut, aber spürbar. Manche Stimmen klangen zustimmend, andere waren kaum mehr als ein Zischen. Jhea’kryna ließ es geschehen, bis die Bewegung wie Ebbe und Flut von selbst verebbte. Dann erhob sie sich leicht aus dem Thron, gerade genug, um nicht wie eine Gefangene auf ihrem eigenen Sitz zu wirken, und begann zu sprechen.

„Ich weiß, viele von euch sehen mich heute zum ersten Mal seit Jahrhunderten. Einige vielleicht zum allerersten Mal überhaupt. Ihr fragt euch, warum ich hier sitze – und nicht eine von euch. Ihr fragt euch, ob mein Blut, mein Name, mein Wille ausreichen, um diesen Thron zu halten.“

Sie ließ den Blick schweifen, nicht hastig, sondern langsam, bis sie ein paar Gesichter lange genug fixiert hatte, dass der Blick ein Gewicht bekam.

„Ich bin nicht hier, um mich für meine Existenz zu rechtfertigen. Ich bin hier, weil unser Haus eine Hand braucht, die es führt – und eine Stimme, die es im Namen Lloths erhebt. Und beides habe ich vor, zu sein.“

Die Stille im Saal war gespannt, als aus einer der mittleren Reihen ein Mann aufstand. Breit gebaut, Rüstung mit den Narben vieler Schlachten, eine Hand locker auf dem Griff seines Schwertes. Seine Stimme schnitt wie ein Dolch, nicht laut, aber mit dieser absichtlichen Klarheit, die dafür sorgt, dass jedes Wort bis in die letzte Reihe dringt.

„Schwester der Ilharess, sagst du?“
Er ließ das Wort Schwester klingen, als wäre es ein schmutziges Tuch.
„Und wenn sie nicht dein Blut war? Wenn der Thron, auf dem du sitzt, nicht dein Recht, sondern nur dein Wunsch ist?“

Ein Raunen ging durch den Saal. Niemand sprach solche Zweifel aus, ohne ein Ziel zu haben – und ohne den Mut, den Preis zu zahlen. Jhea’kryna regte sich kaum. Sie ließ den Blick auf ihm ruhen, bis das Flimmern der zeremoniellen Lampen sich in seinen Augen spiegelte. Ihre Stimme, als sie sprach, war leise, aber von dieser Kälte, die nicht von Menschen kommt.

„Du fragst, ob mein Blut rein ist. Ob meine Hand das Recht hat, diesen Thron zu halten.“

Sie ging langsam die Stufen hinab, jeder Schritt ihrer Absätze auf dem marmornen Stufen ein Schlag gegen die Stille, bis sie vor ihm stand. Er versuchte, ihren Blick zu halten, und scheiterte. Ihre Stimme sank noch tiefer, so dass selbst die, die dicht bei ihr standen, sich vorlehnen mussten.

„Ich bin Jhea’kryna Ky’Alur. Gezeugt in der Gunst Lloths, geboren unter ihrem Netz, geweiht in ihrem Tempel. Wenn ihr meine Abstammung anzweifelt… dann zweifelt ihr an der Wahl der Göttin.“

Er öffnete den Mund, doch in diesem Moment flackerte das Licht der zeremoniellen Lampen – nicht wie bei einem Windstoß, sondern als würden die Flammen selbst vor etwas zurückweichen. Aus den Schatten in den oberen Bögen der Halle kroch ein feines, silbriges Schimmern, wie das Zittern eines gewaltigen Netzes, das keiner zuvor gesehen hatte. Die Gespräche, die gerade wieder einsetzen wollten, starben augenblicklich.

Etwas Schwarzes, Großes glitt kurz in der Dunkelheit über den Thronsaal, zu schnell, um es zu sehen, zu schwer, um nur Einbildung zu sein. Ein einzelner, schwarzer Tropfen fiel von der Decke auf den Boden zwischen Jhea’kryna und dem Mann – und wo er den Stein berührte, begann sich ein feines, weißes Spinnennetz zu bilden, das ihn einschloss.

Das Netz kroch ihm bis an den Hals, presste sich leicht, aber unnachgiebig gegen die Kehle. Sein Atem wurde flach, und das Geräusch des Luftschnappens war im stillen Saal deutlicher zu hören als das Schlagen irgendeines Herzens. Er stöhnte leise, nicht jammernd, sondern wie einer, der den Schmerz nicht leugnen, aber seine Würde nicht verlieren will.

Jhea’kryna stand so nah, dass sie den Anstieg und das Rucken seiner Schultern bei jedem Atemzug sehen konnte. Sie sagte nichts weiter – sie ließ den Augenblick wirken. Jeder Blick im Saal war auf ihn gerichtet, auf den Mann, der sich erhoben hatte, um sie zu demütigen, und nun, eingesponnen in die Berührung Lloths, zu einem lebenden Mahnmal geworden war.

„Lloth antwortet selbst. Wollt ihr es wagen, ihr zu widersprechen?“

Der Mann schwieg. Nicht aus Einsicht, sondern weil das Netz jede Regung verschlang. Seine Augen irrten zwischen Panik und Wut, doch niemand im Saal würde sich täuschen lassen: Er war besiegt, ohne dass Jhea’kryna auch nur die Hand erhoben hatte.

Sie wandte sich ab, stieg die Stufen zurück zum Thron hinauf, und als sie sich setzte, lösten sich die Fäden lautlos, glitten die Fäden von ihm ab, zogen sich in den Schatten zurück, aus denen sie gekommen waren. Kein Ruck, kein Laut – nur das plötzliche Fehlen des Zwangs. Er stand noch einen Herzschlag lang, bevor er sich langsam, ohne Blickkontakt, in die hinteren Reihen zurückzog. Jeder, an dem er vorbeiging, trat einen halben Schritt zur Seite, nicht aus Respekt, sondern um die Berührung seiner Schande zu meiden.

Jhea’kryna folgte ihm mit den Augen, bis er seinen Platz gefunden hatte. Erst dann setzte sie sich wieder auf den Thron, legte beide Hände auf die Armlehnen und ließ die Stille noch einige Herzschläge länger im Raum hängen.

„Nun, da wir alle wissen, wie die Göttin über meinen Anspruch denkt… lasst uns zu dem kommen, was als Nächstes geschieht.“

Ihre Stimme war jetzt anders – nicht kälter, aber unnachgiebiger. Sie sprach von der Notwendigkeit, die äußeren Handelsrouten zu sichern, da Gerüchte über Überfälle im nördlichen Tunnel die Versorgung bedrohten. Sie ordnete an, dass zwei Trupps Krieger diese Routen in den nächsten Zyklen patrouillieren sollten. Sie sprach von der Erneuerung bestimmter Tempelrituale, um Lloths Gunst zu sichern, und erklärte, dass jedes Hausmitglied, das sich dem entzieht, die persönliche Aufmerksamkeit der Ilharess erwarten könne.

„Wir werden nicht warten, bis unsere Feinde vor den Toren stehen. Wir werden sie finden, bevor sie den ersten Schritt setzen. Und wir werden nicht bitten. Wir werden nehmen.“

Als sie endete, war kein Murmeln mehr im Saal – nur ein schweres, lauerndes Schweigen, das ebenso gut Zustimmung wie Angst sein konnte.

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