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Vor den Mauern des Qu'ellar Zauviir

Jhea'kryna Ky'Alur

𝔇ie Tore des Hauses Zauviir sprangen auf wie der Rachen eines Untiers, das nur darauf gewartet hatte, sein Maul in die Feinde zu schlagen. Dunkle Reitechsen, jede so groß wie ein ausgewachsenes Schlachtross der Oberwelt, brachen hervor, die Nüstern dampfend, die Panzerplatten ihrer Schuppen von Eisenbändern überzogen. Die Reiter, gehüllt in Rüstungen aus schwarzem Adamant, führten ihre Lanzen so tief gesenkt, dass sie wie eine Wand aus Dornen auf die wartenden Reihen von Ky’Alur zurasten.
Ein Donnern erfüllte den Boden, jeder Hufschlag ließ Staub und Splitter der gepflasterten Straße hochspringen. Die Krieger in den vorderen Reihen Ky’Alurs senkten ihre Schilde, bildeten eine geschlossene Front, doch der Anblick der heranrasenden Masse ließ selbst den Mutigsten den Atem stocken.

Dann kam die Antwort: Ein Befehl, heiser gebrüllt, und über die gesamte Linie hinweg schnellten die Armbrusthebel nach vorn. Ein Hagel aus Bolzen stürzte sich auf die Reiter, hunderte Spitzen durchbrachen den Dunst, surrten wie ein tödlicher Schwarm. Das Aufprallen klang wie prasselnder Regen auf Eisen. Manche Bolzen prallten wirkungslos ab, andere fanden Ritzen in Schuppen und Gelenken. Dunkle Echsen bäumten sich brüllend auf, manche brachen mitten im Lauf zusammen, überschütteten die Straße mit Leibern, die nachfolgenden Reiter zum Straucheln zwingend.
Doch viele brachen durch. Sie rissen Lücken in die Schilde, Lanzen zerfetzten Brustplatten, rissen Körper auf wie Pergament. Schreie hallten, Blut spritzte, der Gestank nach Eisen und Tod legte sich wie ein Schleier über die Straße. Ky’Alurs Front bebte – aber sie hielt.

Von den Mauern des Qu’ellar Zauviir herab blitzte Magie. Priesterinnen und Magier, in Purpur und Schwarz, ließen Bannkreise aufleuchten, spien Feuer und Blitze in die Reihen. Ein einziger Feuerball, groß wie ein Streitwagen, stürzte in die Mitte der Ky’Alur-Formation, riss Dutzende Krieger zu Boden. Die Druckwelle ließ Schilde splittern, Schleudern flogen fort, Rüstungen wurden mit einem Schlag glühend heiß.
Doch die Antwort blieb nicht aus. Ein Summen, tief und mächtig, rollte über das Schlachtfeld. Die Reihen Ky’Alurs öffneten sich, und ein Gestaltwandler, ein Erzmagus namens Shar'tym, trat nach vorn. Er war alt, das sah man an den Runen, die in seine Haut eingebrannt waren – jede ein Siegel von Jahrhunderten gelebter Magie. Doch nun glühten diese Runen, als brenne ein inneres Feuer. Sein Leib wuchs, Knochen dehnten sich, Haut wurde zu Schuppen, Arme zu Schwingen. In einem Bogen erhob sich der Magus, und wo eben noch ein Mann gestanden hatte, bäumte sich nun ein Drache, geschwärzte Schuppen glänzten im Widerschein der Magie.

Mit einem einzigen Schlag seiner Flügel hob er sich in die Luft. Sein Odem – kein gewöhnliches Feuer, sondern flüssiges Pech – ergoß sich über die Mauer. Bannkreise, die seit Generationen dort eingraviert waren, knackten, platzten, zerbrachen wie Glas. Schreiend stürzten Zauviir-Schützen in die Tiefe, ihre Körper in klebriges kochendes Pech gehüllt.
Die Ky’Alur-Krieger brüllten auf, als hätten sie selbst Flügel bekommen. Schilde wurden erhoben, Speere vorwärts gestoßen, und die Front schob sich wie eine lebende Mauer vorwärts.

Auf einer Anhöhe, leicht abseits des Getümmels, stand Jhea’kryna. Ihre Silhouette, im Licht der brennenden Zauber und der geisterhaften Spinnenlaternen, wirkte wie eine Figur aus Erz und Schatten. Ihr Kleid, von Silberfäden durchzogen, schimmerte bei jeder Bewegung wie ein Netz, das unsichtbar die Schlacht umspannte.
Neben ihr Kyrii’linth, die Yathallar. Ihr Blick war scharf, die Arme vor der Brust verschränkt, das Gesicht eine Maske aus stolzer Verachtung. Doch wer genau hinsah, konnte erkennen, wie ihr Auge dem Drachen folgte, wie sie den Atem anhielt, als der Odem die Mauer sprengte.

„Sie werfen alles in die erste Welle,“ sagte sie leise, die Stimme seidig, aber mit einem Stachel darunter. „Wie ein Tier, das in die Enge getrieben ist.“
Jhea’kryna wandte den Kopf, musterte das Schlachtfeld mit kühlem Blick. „Ein sterbendes Tier beißt am wildesten. Aber es stirbt trotzdem.“
Kyrii’linths Mundwinkel verzogen sich, ein Lächeln, das weder warm noch freundlich war. „Vielleicht. Doch manchmal reißt es noch ein Stück Fleisch aus, bevor es fällt.“
Für einen Augenblick schwiegen sie. Unter ihnen dröhnten die Lanzenstöße, Bolzen surrten, Magie riss den Boden auf. Staub und Blut mischten sich, das Schlachtfeld war ein einziges Chaos aus Stahl, Haut und Feuer.
„Sieh sie dir an,“ sagte Jhea schließlich, die Hand leicht erhoben, als könnte sie mit einer einzigen Geste die Schlacht lenken. „Die Zauviir glauben noch, dass sie den Atem behalten. Sie irren.“
Kyrii’linth nickte – kaum merklich, fast so, als hätte sie es im selben Atemzug wieder bereut. „Wir werden sehen.“

Dann bebte der Boden. Zuerst kaum spürbar, ein Zittern, das durch die Stiefel kroch. Doch es wuchs, wurde zu einem Grollen, als würde der Untergrund selbst aufbrechen. Ein Krachen hallte, tief, unheilvoll. Staub schoss in die Höhe, Mauerwerk splitterte. Einer der Türme des Zauviir-Qu’ellars neigte sich, ächzte, und stürzte krachend in die Tiefe. Die Mauer daneben barst, riss auf wie ein aufgeschnittener Leib. Schreie hallten, sowohl von Verteidigern als auch Angreifern.

Jhea’kryna ließ die Hand sinken, und ein kaltes, hartes Lächeln huschte über ihre Lippen. „Lyr’sa hat geliefert.“
Kyrii’linth zog eine Augenbraue hoch, ihr Blick bohrte sich in Jhea, scharf wie ein Dolch. „So also sieht deine Strategie aus – nicht nur mit Klinge und Zauber, sondern mit dem Bauch der Erde selbst.“
„Wer in den Tiefen lebt,“ erwiderte Jhea leise, „sollte nie vergessen, dass die Tiefe selbst meine Waffe ist.“

Ein Ky'orl Ky’Alurs stürmte nach vorn, hob sein Schwert, das im Licht der Feuer zu flammen schien. „Vorwärts! Durch die Bresche! Für Ky’Alur!“
Ein einziger Ruf, doch er wurde zum Chor, zum Beben selbst. Hunderte Stimmen verschmolzen zu einem Gebrüll, das die Felsen erzittern ließ. Die Ky’Alur-Krieger warfen sich nach vorn, kletterten über Trümmer, rissen ihre Waffen hoch, und das Blutbad begann von Neuem – diesmal mitten im Herzen des Qu’ellar Zauviir.

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