Online: 21

Re: Der Pfad der Spinne - Zwischen Klinge und Gebet

Lyr'sa Ky'Alur

Die Schmiede roch nach Eisen und Ruß, nach einem Halt, den sie nicht mehr festhalten konnte. Noch immer brannte die Erinnerung an die Fangzähne in ihren Gedanken, dieser Moment, in dem das kalte Maul des Vampirs sich an ihr genährt hatte, ohne sie zu töten. Es war schlimmer als der Tod selbst gewesen – ein Gefühl, als hätte er ihr die letzte Spur von Mut aus den Adern gezogen. Sie war nicht gestorben, aber ein Teil von ihr war zerfallen. Seitdem fühlte sie sich leerer. Schwächer. Ein Gefäß, das nicht mehr ganz dicht war.

Und nun, kaum Tage später, stand sie im Schatten des Hofes. Waffen wurden verteilt, Rüstungen angelegt, Befehle gebrüllt. Sie hörte die Stimmen wie durch Wasser, dumpf, verzerrt, zu laut und doch nicht richtig zu verstehen. Die Ilharess stand erhöht, ihre Präsenz scharf wie eine Klinge. Jeder Laut aus ihrem Mund ließ die Krieger straffer stehen. Befehle, die keinen Zweifel kannten. Es ging in den Krieg. Es gab keine Fragen.

Lyr’sa aber spürte nur das Zittern in ihren Fingern. Metall gegen Haut, als sie versuchte, die Armschiene richtig zu verschließen. Sie hatte es gelernt, tausendmal getan. Heute griffen die Finger nicht richtig. Als wäre ihre eigene Hand nicht mehr ihr Werkzeug. Oh nau … warum ich?

Die Melee Magthere hatte sie ausgestoßen – sie, die Techniken kannte, die mit Waffen umgehen konnte, aber nicht genügte. Kein Wille, hatten sie gesagt. Kein Biss. Kein Feuer. Ein Schlag ins Gesicht, der sie getroffen hatte wie ein Urteil. Und jetzt – jetzt sollte sie an der Seite jener marschieren, die sie für unfähig hielten?

Sie wagte einen Blick nach oben, zu der Ilharess. Anthrazitene Haut, silbernes Haar, eine Stimme, die keine Schwäche duldete. Jeder in diesem Hof glaubte, dass sie recht hatte, dass dieser Krieg notwendig war, dass Lloth es so wollte. Aber Lyr’sa spürte nur die Leere in sich, die klaffende Wunde, die der Vampir zurückgelassen hatte.

Ich kann das nicht … ich kann das nicht … Ihre Lippen bewegten sich kaum, ein kaum hörbares Wimmern. Wenn ich hinausgehe, sterbe ich. Wenn ich kneife, bin ich tot. Wenn ich bleibe, hasst sie mich. Oh shu … ich will nicht … aber ich muss …

Um sie herum spannten die Krieger die Sehnen ihrer Armbrüste, die Priesterinnen murmelten Litaneien. Alles war Bewegung, alles war Vorbereitung. Und sie – sie war ein Riss in der Formation. Ein Schatten, der nicht passte.

„Lyr’sa.“ Die Stimme schnitt durch den Lärm, und sie zuckte zusammen. Jhea’kryna hatte sie gesehen, mitten unter all den anderen. Ihre Augen waren wie Spinnenaugen, kalt, unbeirrbar, und Lyr’sa fühlte sich gefangen, als hätte sie ein Netz um ihre Kehle. „Du wirst mitgehen. Du wirst zeigen, dass du das Adamant wert bist, das du trägst.“

Ihr Atem ging stoßweise. Ich will nicht. Ich will nicht. Ich will nicht. Aber ihre Beine bewegten sich, als wären sie nicht mehr ihre eigenen. Ein Schritt. Noch einer. Die Rüstung klapperte leise. Sie fügte sich in die Reihe, ohne zu wissen, wie. Ohne zu glauben, dass sie es schaffen würde.

Und in ihrem Kopf hallte nur ein einziger Gedanke, verzweifelt, zerbrochen:
Ich darf nicht davonlaufen. Ich darf nicht davonlaufen. Ich darf nicht davonlaufen.

Die Halle leerte sich nur langsam. Die Krieger strömten hinaus, in Formation, laut klirrend, die Priesterinnen hinterher, ein Wispern von Gebeten wie ein Kranz aus Spinnenfäden. Zurück blieb sie, Lyr’sa, die Hände an den Riemen ihrer Armschienen, unfähig, sie festzuziehen. Als hätte das Leder selbst begriffen, dass es sie nicht halten wollte.

Ein Schatten fiel auf sie. Er war nicht laut, er war nicht schwer, und doch ließ er ihr Herz hämmern. Die Ilharess stand dicht vor ihr, so nah, dass sie den metallischen Duft ihres Schmucks und den kalten Rauch der Opferfeuer wahrnahm. Jhea’krynas Augen waren zwei Spiegel, die nichts zurückgaben – sie nahmen nur.

„Warum zögerst du?“ Keine Frage. Ein Schnitt, glatt, unerbittlich.

Lyr’sa versuchte zu antworten, aber ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Ich … ich …“ Ihre Lippen zitterten. Die Bilder des Vampirs flackerten auf – die Zähne, das Blut, das Gefühl, leergetrunken zu sein, ohne sterben zu dürfen. „Ich kann nicht …“

Die Ilharess legte den Kopf leicht schräg, wie eine Spinne, die ihre Beute mustert. „Nicht können?“ Das Wort war ein Fanghaken, scharf, kalt. „Du wirst. Es ist nicht deine Entscheidung, Kind.“

Lyr’sa wollte schreien, wollte sagen, dass sie gebrochen war, dass die Melee Magthere sie verstoßen hatte, dass sie nichts war als ein Fehler im Gefüge. Doch kein Laut kam über ihre Lippen. Stattdessen sickerte Schweiß in den Kragen ihrer Rüstung, und sie fühlte sich kleiner, als sie es jemals gewesen war.

„Schau mich an.“ Jhea’krynas Stimme war weich geworden – nicht warm, aber weich, wie ein Spinnfaden, der sich um den Hals legt. Zögernd hob Lyr’sa den Blick. Silber traf auf Silber, und sie konnte nicht wegsehen.

„Du gehörst dem Netz“, sprach die Ilharess, und jedes Wort war ein Urteil. „Dein Blut, dein Atem, deine Angst – sie sind Fäden. Ziehst du dich zurück, reißt das Muster. Und was geschieht mit einer Spinne, wenn ihr Netz reißt?“

Lyr’sa flüsterte, kaum hörbar: „Sie … verhungert.“

Ein Nicken, sanft, gnadenlos. „Genau so. Also wirst du hinausgehen. Du wirst kämpfen. Du wirst sterben, wenn es Lloth gefällt. Aber du wirst nicht weglaufen. Nicht... einen... Schritt.“

Die Worte gruben sich tiefer in sie ein als jede Klinge. Es war kein Schrei, kein Befehl. Es war das kalte Gewicht einer Wahrheit, der sie nicht entkommen konnte. Ihr ganzer Körper wollte fliehen, aber ihre Beine standen fest, als hätte man sie mit Spinnenseide an den Boden geheftet.

Und so nickte sie, stumm, gebrochen, aber gefangen.
Ich darf nicht davonlaufen … ich darf nicht davonlaufen …

Die Ilharess wandt sich ab, lautlos, wie ein Schatten, der zurück in die Dunkelheit glitt. Zurück blieb nur Lyr’sa – zitternd, mit angezogenen Schultern, als wäre sie zu klein für die Rüstung, die sie trug. Sie wusste, sie würde hinausgehen. Sicher nicht weil sie besonders mutig war, schlicht nur weil sie keine Wahl hatte.

Beiträge in diesem Thread