Der Tag begann nicht mit Licht oder Schatten, sondern mit Klang. Nicht dem gedämpften Murmeln in den Höhlen, nicht den Schritten auf Stein, sondern dem dumpfen, gleichmäßigen Schlag der großen Gongs, die nur zu besonderen Anlässen erklangen. Der Ton vibrierte durch die Wände der Stadt und des Qu’ellars, kroch durch Korridore und Hallen, stieg durch die engen, windenden Stufen der Arach Tinilith hinauf und kündigte den Beginn eines Rituals an, das in Elashinn seit Jahrhunderten nicht mehr in dieser Form abgehalten worden war. Die Hallen des Tempels waren an diesem Tag wie ein einziger, gewebter Schleier aus Schatten und Glanz. Zwischen den hoch aufragenden Basaltsäulen hingen lange Bahnen aus purpurnem Stoff, in die Spinnensymbole aus Silber und schwarzem Faden eingestickt waren. In den Nischen standen goldene Lampen, deren Flammen nicht von Öl genährt wurden, sondern von einer Mischung aus Harz und dem Blut gesegneter Kreaturen, was dem Licht einen seltsam blassen, aber durchdringenden Glanz verlieh. Über allem lag der schwere, süßliche Geruch von verbranntem Myrrhenharz, gemischt mit dem metallischen Hauch frisch vergossenen Blutes – eine Mischung, die selbst für alte Priesterinnen wie ein Rausch war. Der Altar, aus einem einzigen Block schwarzen Obsidians gehauen, stand erhöht auf einer Plattform, zu der fünf breite Stufen führten. Auf der glatten Oberfläche lag ein Kelch aus poliertem Karneol, so alt, dass Legenden behaupteten, Lloth selbst habe darin einst das Blut eines gefallenen Halbgottes gesammelt. Zwei silberne Opferschalen flankierten ihn, eine leer, die andere gefüllt mit Wasser aus den tiefsten Quellen unter der Stadt, kühl und klar, als wäre es dem Griff der Zeit entzogen. Vor dem Altar kniete das Opfer: ein Mann mittleren Alters, kräftig gebaut, aber mit dem resignierten Blick dessen, der weiß, dass kein Flehen ihn retten wird. Er gehörte zu einem Seitenzweig des Hauses, der in den letzten Zyklen offen gegen Jhea’krynas Entscheidungen agitiert hatte. Heute sollte sein Blut als Siegel dienen – nicht nur für ihre Herrschaft, sondern auch für die Bindung zwischen dem Qu’ellar und der Göttin. Die Reihen der Anwesenden reichten bis zu den hinteren Säulen: Hohe Priesterinnen in schweren Roben, deren Säume über den Boden rauschten wie das Flüstern eines nahenden Sturms. Kriegerkommandanten in Rüstungen, die mehr Zierde als Schutz waren, jede mit dem Wappen des Hauses versehen. Vertreter verbündeter Familien, die als Zeugen geladen waren – manche aus Pflicht, manche aus Furcht, manche, weil sie sehen wollten, ob die neue Ilharess wirklich den Anspruch hatte, den Thron zu halten. Jhea’kryna betrat die Halle nicht allein. Vor ihr gingen zwei Akolythen, jede mit einer zeremoniellen Laterne in den Händen, deren Licht den Weg in ein flackerndes Netz aus Schatten und Glanz tauchte. Hinter ihr folgte Kary’lin, deren Rüstung unter dem Licht der Laternen wie schwarzer Stahl wirkte, gesprenkelt mit dem matten Weiß alter Narben. Jeder Schritt hallte dumpf auf den Platten, und jedes Paar Augen verfolgte sie. Sie trug heute nicht die schlichte Robe des Alltags, sondern das volle Zeremoniell: schwere Seide in tiefem Schwarz, durchzogen von feinen Fäden aus echtem Silber, die bei jeder Bewegung Muster zeichneten, als würden Spinnen über den Stoff laufen. An ihrer Stirn lag ein Diadem aus poliertem Onyx, besetzt mit einer einzigen, blutroten Perle, die wie ein Auge wirkte. Ihre Hände waren unbedeckt – ein bewusster Bruch mit der Tradition, der den Blick auf die schmalen, aber kräftigen Finger lenkte, die in diesem Moment nur eines versprachen: Kontrolle. Als sie die Stufen zum Altar hinaufstieg, kniete jede Priesterin, an der sie vorbeiging, und berührte den Boden mit der Stirn. Nicht alle knieten aus Ehrfurcht. Einige knieten, weil es sicherer war, nicht aufzusehen. Jhea’kryna sah das, und sie lächelte kaum merklich. Oben angekommen, stand sie still, ließ die Stille sich setzen, bis das letzte Murmeln verklungen war. Ihre Stimme, als sie sprach, war tief und klar, getragen von einem Rhythmus, der älter war als jedes Gebet der Stadt. „Lloth, Herrin der Netze, Mutter der Schatten, dies ist dein Haus. Dies ist dein Blut. Dies ist dein Feind.“ Mit einer Handbewegung ließ sie den Mann vor ihr den Kopf heben. Seine Augen trafen ihre, und in diesem Blick lag kein Hass mehr – nur die Gewissheit, dass der letzte Augenblick nicht ihm gehörte, sondern ihr. „Er zweifelte an meinem Recht, deinen Namen zu führen. Er zweifelte an deiner Wahl. Lass sein Ende ein Anfang sein, und sein Blut ein Faden in deinem ewigen Gewebe.“ Sie nahm den Kelch, hob ihn, so dass das Licht der Lampen sich darin brach, und führte die Klinge langsam über die Kehle des Mannes. Kein hastiger Schnitt – ein präziser, ruhiger Zug, der das Blut in einem einzigen, gleichmäßigen Strom in den Kelch laufen ließ. Der Geruch von Eisen und Salz füllte die Luft, mischte sich mit dem Harz, und in den Reihen der Anwesenden regte sich niemand. Als der Kelch gefüllt war, trat Jhea’kryna zurück, hob ihn hoch und begann zu sprechen – nicht mehr in der Gemeinsprache, sondern in der alten Zunge, die nur die Priesterinnen beherrschten. Es war kein Flehen, sondern eine Anrufung, jeder Laut wie das Zucken eines Fadens im Netz. Zuerst war nichts. Dann flackerte das Licht der Lampen – nicht unruhig, sondern wie von einer unsichtbaren Bewegung gestreift. Hoch oben, in den Schatten zwischen den Dachbögen, bewegte sich etwas. Keine Augen, keine Beine waren zu sehen, nur ein Schimmern, als ob das Gewebe einer gewaltigen Spinne im Dunkel erzitterte. Ein leises, kaum hörbares Knistern füllte die Luft, wie wenn Seide über Seide reibt. Dann, langsam, senkte sich aus der Höhe eine Gestalt herab – nicht aus Fleisch und Blut, sondern gewebt aus Schatten und Licht. Die Spinne war groß genug, dass ihr Körper den Altar hätte überdecken können, und doch schien sie gewichtslos. Sie schwebte über dem Opfer, beugte sich, und für einen Atemzug war es, als würde sie trinken. Dann zog sie sich zurück, lautlos, und verschwand wieder in den Schatten. Keiner im Saal sprach. Manche knieten tiefer, manche verharrten starr. Selbst die Zweifler wagten nicht, den Blick zu heben. Jhea’kryna stellte den Kelch auf den Altar zurück, und ihre Stimme war nun wieder in der Sprache aller: „Die Herrin hat gesehen. Die Herrin hat genährt. Wer Zweifel hatte – vergesst sie. Wer treu war – haltet euch an mich, und ihr haltet euch an sie.“ Sie trat zurück, und es setzten Trommeln ein, dumpf und langsam, als würden sie den Herzschlag der Göttin selbst nachahmen. Noch während der letzte Trommelschlag verklang, hob Jhea’kryna die Hand, und die Priesterinnen begannen, die Reihen zu ordnen. Niemand durfte den Tempel verlassen, bevor sie es wollte. Dies war nicht nur ein Ritual – es war ein Tribunal, ein Schwurakt, und jeder Anwesende war Zeuge, ob er wollte oder nicht. Kary’lin trat an ihre Seite, die Rechte auf den Griff ihres Schwertes gelegt, und flüsterte ihr nur ein einziges Wort zu: „Jetzt.“ „Die Herrin hat heute gesprochen. Wer ihre Wahl anzweifelt, der zweifelt an ihrem Willen. Wer heute schweigt, der schweigt gegen sie.“ Eine schmale Frau aus dem Zweig Tebin'yon trat vor. Ihr Blick war angespannt, die Hände gefaltet wie in einem Gebet, das sie zu spät begonnen hatte. „Im Namen meiner Linie, malla Ilharess, bekenne ich unsere Treue zu euch und zu Lloth.“ Die Stimme war klar, aber der Tonfall verriet, dass sie diesen Satz in den nächsten Monaten oft vor sich selbst wiederholen musste, um ihn zu glauben. Andere folgten – manche zügig, als wollten sie dem Verdacht zuvorkommen, andere langsam, als müssten sie einen Befehl aus sich heraus zwingen. Jeder Schwur wurde vor dem Altar gesprochen, jede Verbeugung tief genug, dass niemand später sagen konnte, sie sei halbherzig gewesen. Jhea’kryna nahm jeden Eid an, lächelte kaum, sprach nur kurze Segensformeln. Doch sie ließ jeden Schwörenden lange genug vor sich knien, dass der Rest des Saales Zeit hatte, ihn genau zu betrachten. Jeder sollte sich merken, wer schwor – und wer zögerte.
Beiträge in diesem Thread
|