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Im Namen der Göttin

Jhea'kryna Ky'Alur

𝔇ie Atmosphäre im Hof des Hauses Ky’Alur war bedrückend. Fackeln warfen flackerndes Licht über die glänzenden Klingen der Krieger, über die polierten Platten der Rüstungen, auf deren Stahl die Gravuren von Spinnenmustern wie lebendig schimmerten. Magier standen am Rand, ihre Stäbe leise summend, während Funken über die Spitzen krochen, als könnten sie kaum erwarten, entfesselt zu werden. Die Priesterinnen hatten sich nah um den erhobenen Platz versammelt, von dem die Ilharess zu ihnen sprechen würde, ihre Gesichter im Schatten ihrer Kapuzen verborgen, die Lippen bewegten sich unaufhörlich im Flüstern von Gebeten.

Dann öffneten sich die Tore, und Jhea’kryna Ky’Alur trat auf den Podest. Sie wirkte nicht, als ginge sie – es war, als würde sie schweben, getragen von der Gewissheit ihrer Macht, vom Netz selbst, das unter jedem Schritt gespannt war. Ihr Kleid, silbrig durchzogen, funkelte wie die Nacht selbst, wenn das Spinnennetz den Tau einfängt, und ihre Augen brannten in karmesinrotem Glanz. Für einen Herzschlag regte sich nichts – dann senkten die Krieger im Chor die Helme, als hätte eine unsichtbare Hand ihnen den Nacken gebeugt.

„Kinder des Hauses Ky’Alur,“ begann sie, und ihre Stimme war kühl, getragen, wie der erste Schnitt einer Klinge durch Seide. „Der Tag ist gekommen, an dem das Schwert nicht länger in der Scheide ruhen darf.“

Ein Murmeln lief durch die Reihen, dumpf und ehrfürchtig. Ein Krieger schlug die Faust gegen die Brustplatte, dumpf hallte der Schlag. Andere folgten, ein einzelnes Pochen, das sich wie ein Herzschlag über den Hof legte.

„Zu lange,“ fuhr Jhea fort, „haben die Verräter des Hauses Zauviir geglaubt, sie könnten Gift in unsere Adern träufeln, ohne den Zorn der Göttin zu spüren. Zu lange haben sie geglaubt, Intrigen und Messer im Dunkeln könnten das Netz der Lloth zerreißen.“

Die Priesterinnen hinter ihr erhoben die Hände, ein leises Raunen in der Dunkelheit, die Worte ihrer Gebete schwollen an, bis sie wie ein Unterton in Jheas Stimme lagen.

„Doch Lloth duldet keine Schwäche,“ rief sie, ihre Stimme schärfer nun, messerscharf. „So sage ich euch: Wir tragen das Schwert nicht länger in der Scheide.
Wir ziehen es im Namen der Göttin, und wir werden es erst zurücklegen, wenn unsere Feinde gefallen sind. Wir dulden keine Beleidigung. Heute stehen wir hier – nicht, um zu verhandeln, nicht, um zu warnen, sondern um auszulöschen!“

Ein Aufraunen ging durch die Reihen. Krieger trommelten mit den Knöcheln gegen die Platten, dumpfe Schläge wie Donnerschläge hallten durch die Halle. Magierinnen richteten die Stäbe höher, Lichtspitzen zuckten über ihren Köpfen.

„Wenn die Tiefen unserer Welt vom Schmutz der der Zauiir verdunkelt würden, wenn Elashinn in den Netzen der Verräter erstickte, wenn die Hallen der Stadt unter der Hand der Zauviir zerbrächen – so sage ich euch: Wir werden weder wanken noch weichen. Wir werden nicht zerbrechen. Wir werden diesen Weg bis zum Ende gehen. Wir werden nicht wanken. Wir werden nicht weichen,“ sprach Jhea, und jetzt legte sie all ihr Feuer in die Stimme, „wir werden kämpfen in den Gassen Elashinns, wir werden kämpfen unter den Bögen und Türmen, wir werden kämpfen in den Hallen und auf den Mauern, wir werden kämpfen in den Tiefen des Underdark. Wir werden kämpfen mit Stahl, mit Zauber, mit Gift und mit Schatten. Wir werden kämpfen, bis der letzte Zauviir ausgelöscht ist, bis ihr Name nichts mehr bedeutet als ein Fluch, den niemand mehr auszusprechen wagt.“

Die Rufe schwollen an, ein Chor aus Stahl und Stimmen, Priesterinnen schrien den Namen der Göttin, Magier ließen einige Funken in die Luft schnellen, und Krieger stampften so hart, dass die Steine unter ihren Stiefeln erzitterten.

Und in diesem Tosen, für einen Augenblick, war Kyrii’linth zu sehen. Die Yathallar stand seitlich hinter den Priesterinnen, ihr Gesicht im Halbschatten, die Lippen zu einem schmalen Lächeln verzogen. Sie nickte kaum sichtbar, ein winziges, beinahe widerwilliges Zeichen von Anerkennung. Es war nicht Zustimmung, nicht Loyalität – aber ein stummes Eingeständnis, dass Jhea’kryna hier und heute etwas entfachte, das auch sie selbst nicht hätte besser formen können.

Jhea'kryna hob die Hände, und die Stille fiel wie ein Tuch über den Hof. Ihre Stimme senkte sich, eisig, kalt, schneidend: „Und wenn unsere Hallen brennen, wenn unsere Netze reißen, wenn wir bis zum letzten Tropfen unseres Blutes kämpfen müssen – so werden wir nicht aufhören. Denn Ky’Alur ist stark. Denn Lloth sieht uns. Denn es ist besser, brennend unterzugehen, als schwach in Ketten zu leben.“

Ein letzter Schlag, ein dumpfer Chor von Metall auf Brust, von Stäben auf Stein, hallte durch die Nacht.

„Also marschiert,“ rief Jhea, und ihr Blick war jetzt wie der einer Göttin selbst. „Marschiert in die Dunkelheit. Marschiert in ihr Herz. Und reißt es heraus!“

Der Hof bebte, das Tosen schwoll an, bis die Luft selbst zu zittern schien. Krieger schrien, Priesterinnen sangen, Magierinnen riefen den Donner – und inmitten all dessen stand Jhea, das Kleid wie ein Netz aus Licht und Schatten, und wusste: Der Krieg hatte begonnen.

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