Eine halbe Stunde zuvor. „Oh nau …“, murmelte sie, fast tonlos. Ihre Stimme wurde von den feuchten Wänden geschluckt, als hätten sie schon genug von ihren Zweifeln gehört. Sie ließ sich gegen eine der Balkenlehnen sinken, das Eisen ihres Werkzeugs schwer in der Hand. Ein Stück Stützwerk musste noch gelöst werden, nur noch eins, und dann würde die ganze Konstruktion kollabieren. Sie wußte es – und doch nagte der Zweifel. Der Gedanke schnitt tiefer als jeder Dolch. ⊱⋅ ───────── ༻ 𝔎𝔶'𝔄𝔩𝔲𝔯 ༺ ───────── ⋅⊰ Ein paar Tage zuvor. „Malla Ilharess … ich habe versagt. Die Melee Magthere wollte mich nicht. Ich habe mein Haus beschämt. Ich …“ Ein Zischen durchfuhr die Halle – Kyrii’linths Spott, das Kichern einer Yathrin, das Schweigen der Wachen, die nicht einmal den Kopf hoben. Doch Jhea’kryna sprach, und ihre Stimme schnitt alles andere hinweg. Lyr’sa hatte den Kopf so tief geneigt, daß ihre Stirn fast den Boden berührte. „Ja … malla Ilharess. Ich werde euch nicht enttäuschen.“ Doch in ihrem Inneren, damals wie heute, gähnte das Loch der Furcht. ⊱⋅ ───────── ༻ 𝔎𝔶'𝔄𝔩𝔲𝔯 ༺ ───────── ⋅⊰ Nun, hier, im Tunnel, schüttelte sie den Kopf, als könne sie diese Erinnerung abstreifen. Sie hob das Werkzeug – eine Eisenstange, verbeult, aber stark – und stieß es zwischen Balken und Fels. Holz splitterte, Staub rieselte. „Es muss reichen,“ murmelte sie. „Es muss einfach … reichen.“ Sie hörte Schritte hinter sich, ihre kleinen Helfer – Sklaven, armselige Gestalten, deren Namen sie nicht mehr wußte. Sie hatten die Ölfässer getragen, die Brandranken gespannt, alles so vorbereitet, wie sie es befohlen hatte. Ihre Gesichter waren grau vor Angst. Einer fragte mit brüchiger Stimme: „Wird … wird das wirklich halten?“ Doch in Wahrheit fragte sie sich dasselbe. Ein Rumpeln. Erst weit weg, dann immer näher. Der Boden bebte, als die Flammen die Fässer erreichten. Ein grollendes Fauchen, dann der Knall. Hitze raste durch den Tunnel, Wände erzitterten, Gestein löste sich. Lyr’sa stolperte rückwärts, das Gesicht in den Arm gedrückt, als eine Druckwelle sie fast von den Beinen riß. Schreie gellten – einer der Sklaven wurde von einem einstürzenden Balken zerquetscht, ein anderer stolperte in die Glut und war sofort nur noch Rauch. Sie atmete keuchend, hustete Staub, Blut schmeckte metallisch auf ihrer Zunge. Doch ein Lächeln, klein und unsicher, schlich sich in ihre Züge. Dann, leise, fast nur für sich: Über ihr, an der Oberfläche, bebte die Erde. Türme fielen, Mauern barsten. Und im gleichen Moment, in der Ferne, erhob sich der Ruf der Ky’Alur-Krieger: „Vorwärts! Für Ky’Alur!“ Lyr’sa blieb noch einen Augenblick in der Dunkelheit stehen. Ihre Hände zitterten, ihre Knie wollten sie nicht mehr tragen. Doch sie wußte: die Schlacht hatte sich in diesem Moment gewendet. Sie hatte Lloths Prüfung bestanden – oder wenigstens einen Schritt darin getan. Sie wischte sich den Staub aus dem Gesicht, richtete sich auf, und ging zurück in Richtung der Stadt – dorthin, wo Jhea’kryna Ky’Alur nun die Bresche nutzen würde, um das Schicksal der Zauviir zu besiegeln.
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