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Das Beben und der Sturm

Jhea'kryna Ky'Alur

𝔇er erste Riß ging fast unbemerkt unter im Donnern der Schlacht. Bolzen zischten über die Mauern, Magier entluden gleißende Blitze in die Reihen der Ky’Alur-Krieger, und die Reiter der Zauviir preschten in ihrer verzweifelten Wucht immer wieder hinaus, nur um vom Hagel aus Pfeilen und Speeren zerschmettert zu werden. Es war Chaos, Blut, Geschrei – das alte Lied des Krieges. Doch dann bebte der Boden.
Ein dumpfes Grollen fuhr durch die Fundamente der unterirdischen Stadt, wie das Grollen eines uralten, erwachenden Wesens. Die Mauern erzitterten, Staub regnete von den Zinnen, und plötzlich barsten die Steine. Ein Turm, stolz und hart wie Zauviirs Hochmut, neigte sich wie ein betrogener Diener und stürzte in sich zusammen.

Die Schlacht stockte für einen Herzschlag. Alle Augen wandten sich zur Bresche, wo die Mauer nun aufgerissen war wie ein offener Leib.

Von ihrem Beobachtungspunkt aus, auf einem schwarzen Basaltvorsprung, sah Jhea’kryna Ky’Alur das Schauspiel. Die Luft vibrierte, ihre Krieger schrien schon vor Begeisterung. Neben ihr stand Kyrii’linth, die Hände hinter dem Rücken gefaltet, die Lippen zu einem dünnen Strich gepresst.

„Eure kleine Bastardin hat es also wirklich geschafft,“ murmelte Kyrii, kaum laut genug, daß es jemand außer Jhea hörte. Ihre Augen funkelten wie kaltes Glas.
Jhea reagierte nicht sofort. Sie stand da, die Hände leicht erhoben, und betrachtete, wie der Turm in einem Feuerregen aus Staub und Flammen niederstürzte. Dann, langsam, drehte sie den Kopf zu ihrer Yathallar.
„Sie war schwach,“ sagte Jhea kühl. „Aber selbst Schwäche kann man spannen wie einen Faden im Netz. Wenn er reißt, ist er nutzlos. Doch solange er hält, trägt er Gewicht.“

Kyrii’linth verzog keine Miene. Doch ihr Schweigen war schwer, und Jhea wußte, dass selbst sie innerlich ein Nicken nicht zurückhalten konnte.
Da, unter den Kämpfenden, erhob sich die Stimme eines Hauptmannes, laut wie der Schlag eines Kriegshorns: „Vorwärts! Über die Bresche! Für Ky’Alur!“
Er sprang vor, die Klinge hoch erhoben, und seine Einheit folgte ihm, wie Blut, das aus einer aufgeschlitzten Wunde strömt. Sie stürmten in die Bresche, stießen in die klaffende Leere der Mauer, wo eben noch Stolz gestanden hatte.

Jhea’kryna hob die Hand. Ein stilles Zeichen, doch ihre Leibgarde verstand sofort. Die zwölf besten Krieger ihres Hauses, in schwarzem Adamant mit Spinnenmotiven, formierten sich. Die Priesterinnen, die ihr am nächsten standen, senkten ehrfürchtig die Köpfe, während die Magier in der Ferne ihre Zauber bündelten.

„Es ist Zeit,“ sagte sie leise. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch, doch es war der Atem, der Sturm brachte.

Kyrii’linth beugte sich leicht vor, die Augen scharf auf das Getümmel gerichtet. „Ihr wollt wirklich mitten hinein? Der Feind ist noch nicht gebrochen.“
„Ein Netz reißt nicht, weil es zieht,“ erwiderte Jhea. „Es reißt, wenn man ihm nicht vertraut.“

Dann setzte sie sich in Bewegung. Ihr Kleid flatterte wie Schatten, ihre Spangen glitzerten im Licht der Flammen, und ihre Leibgarde folgte. Sie stieg die Basaltstufen hinab, hinein in das Tosen.
Ein Feuerball, geschleudert von den Zauviir-Zinnen, raste auf einige Krieger der Ky’Alur zu. Jhea’kryna hob nur die Hand, flüsterte ein altes Wort, und die Flammen zersprangen wie Glas, zerplatzten in einem Schauer funkelnder Splitter, der auf die Erde regnete. Die Krieger, die eben noch dem Tod entgegengesehen hatten, blickten auf – und sahen ihre Ilharess.

„Vorwärts!“ rief einer. „Die Ilharess ist mit uns!“
Ihre Stimmen wurden lauter, ihre Klingen härter, ihr Blut heißer. Sie stürzten sich erneut in den Kampf, nicht länger dem Untergang geweiht, sondern geblendet vom Feuer einer Hoffnung, die grausam und schön zugleich war.
Jhea war schon weitergegangen.
Sie hatte die Geretteten bereits vergessen, ihre Augen nach vorn gerichtet, dorthin, wo das Herz des Feindes noch schlug.
Neben ihr, im Schutz des Zauberschilds, den zwei Priesterinnen hielten, ging Kyrii’linth. Ihr Blick war schmal, ihre Schritte präzise. „Sie würden für euch sterben, ohne zu zögern,“ sagte sie, fast tonlos.
Jhea antwortete, ohne den Kopf zu wenden: „Dann erfüllen sie endlich ihren Zweck.“

Kyrii'linth schwieg. Doch tief in ihren Augen glomm für den Bruchteil eines Herzschlags etwas, das wie Respekt aussah – und das sie sofort wieder in eisige Abneigung tauchte.
Sie erreichten die Bresche. Steine knirschten unter ihren Stiefeln, Staub legte sich wie Nebel auf die Szene. Durch die klaffende Wunde in der Mauer stürmten Krieger, stießen Klingen in Leiber, wurden selbst niedergemacht, und doch drängte die Welle immer weiter hinein.
„Dies ist das Ende der Zauviir,“ sagte Jhea.
Dann trat sie vor, durch die Bresche, hinein in das Herz des brennenden Qu’ellar.

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Die Bresche war kein Tor - eher wie eineklaffende Wunde, roh und unheilvoll, durch die das Chaos strömte. Blut klebte an den Steinen, Schreie hallten zwischen den Mauern, und das Tosen der Schlacht war hier dichter, schwerer, wie eine Flut, die gegen Mauern brandet. Jhea’kryna trat hindurch, ihre Leibgarde im Halbkreis um sie, Kyrii’linth im Schatten ihrer Präsenz. Der Staub hing noch in der Luft, als die erste Welle von Zauviir-Kriegern heranbrach. Ihre Augen glommen rot, ihre Klingen blitzten – verzweifelt, aber noch nicht gebrochen.
Ein Speer fuhr auf sie zu. Jhea drehte sich nicht einmal zur Seite. Sie hob nur die rechte Hand, und der Schaft zerbarst, als hätte er das Netz selbst berührt. Ihre Stimme erhob sich, kalt und messerscharf:

„Ich bin nicht hier, um nur zuzuschauen!“

Ihre Peitsche zischte aus ihrem Gürtel, fünf lebendige Schlangenköpfe schnellten vor. Sie wand sich um die Kehle eines vorstürmenden Hauptmanns, seine Augen traten hervor, als die Zähne der Schlangen sich in sein Fleisch bohrten. Mit einem einzigen Ruck riß Jhea ihn von den Füßen, schleuderte ihn gegen die Mauer, wo er reglos zusammensackte – ein dunkles Mahnmal für alle, die es sahen. Die Reihen der Ky’Alur-Krieger brüllten auf, wie entfesselt.
Blitze zuckten über den Hof, doch nicht nur von den Zauviir-Mauern. Jhea’kryna hob beide Hände, und aus ihren Fingerspitzen schossen Strahlen reiner, violett glühender Macht. Sie trafen zwei Schützen auf der Zinne, verbrannten ihre Körper zu schwarzen Silhouetten, die taumelnd vom Stein stürzten.

Doch dann, mit einer Geste, die größer war als alles zuvor, hob sie die Arme weit empor.
Die Flammen, die überall aus brennenden Balken, Fässern und Leichen züngelten, gehorchten ihrem Willen. Sie sammelten sich, wurden schwarz wie Pech, verdichteten sich zu einer Gestalt, die aus purer, sengender Vernichtung bestand. Ein Elementar der schwarzen Flamme stand vor ihr, seine Gestalt ständig flackernd, als sei er zugleich Feuer und Schatten. Mit einem unirdischen Brüllen raste er vorwärts, sprang an der Mauer empor, und fuhr direkt in einen der Türme. Für einen Herzschlag war Stille. Dann entlud sich ein Inferno. Schwarze Feuerzungen schossen aus allen Fenstern, der Turm selbst wurde zu einer Fackel, die die Nacht erhellte. Schreie hallten aus seinem Inneren, die Wachen, die dort Schutz gesucht hatten, wurden lebendig verschlungen. Der Stein glühte, Risse durchzogen ihn, bis er in sich zusammenstürzte.

Die Krieger Ky’Alurs brüllten wie rasend, der Hof erbebte von ihrer entfesselten Wut. Selbst gestandene Veteranen, deren Herzen schon lange abgehärtet waren, sahen ihre Ilharess an, als stünde Lloth selbst unter ihnen. Kyrii’linth stand neben Jhea, das Gesicht reglos, nur die Augen verrieten ein glühendes Etwas. Sie neigte kaum merklich den Kopf – ein winziger, stolzer Nicken, das sofort in der Maske aus Kälte erfror.

„Ihr habt mehr als Blut entfesselt,“ sagte sie leise, fast tonlos.
„Nein,“ entgegnete Jhea, während sie die Peitsche erneut hob, „ich habe das Netz nur daran erinnert, wessen Fäden es trägt.“

Und dann schritt sie weiter, über die Leichen, durch den brennenden Hof, hinein in das Herz des Zauviir-Qu’ellars.

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