Das Beben und der Sturm
Jhea'kryna Ky'Alur
𝔇er erste Riß ging fast unbemerkt unter im Donnern der Schlacht. Bolzen zischten über die Mauern, Magier entluden gleißende Blitze in die Reihen der Ky’Alur-Krieger, und die Reiter der Zauviir preschten in ihrer verzweifelten Wucht immer wieder hinaus, nur um vom Hagel aus Pfeilen und Speeren zerschmettert zu werden. Es war Chaos, Blut, Geschrei – das alte Lied des Krieges. Doch dann bebte der Boden. Die Schlacht stockte für einen Herzschlag. Alle Augen wandten sich zur Bresche, wo die Mauer nun aufgerissen war wie ein offener Leib. Von ihrem Beobachtungspunkt aus, auf einem schwarzen Basaltvorsprung, sah Jhea’kryna Ky’Alur das Schauspiel. Die Luft vibrierte, ihre Krieger schrien schon vor Begeisterung. Neben ihr stand Kyrii’linth, die Hände hinter dem Rücken gefaltet, die Lippen zu einem dünnen Strich gepresst. „Eure kleine Bastardin hat es also wirklich geschafft,“ murmelte Kyrii, kaum laut genug, daß es jemand außer Jhea hörte. Ihre Augen funkelten wie kaltes Glas. Kyrii’linth verzog keine Miene. Doch ihr Schweigen war schwer, und Jhea wußte, dass selbst sie innerlich ein Nicken nicht zurückhalten konnte. Jhea’kryna hob die Hand. Ein stilles Zeichen, doch ihre Leibgarde verstand sofort. Die zwölf besten Krieger ihres Hauses, in schwarzem Adamant mit Spinnenmotiven, formierten sich. Die Priesterinnen, die ihr am nächsten standen, senkten ehrfürchtig die Köpfe, während die Magier in der Ferne ihre Zauber bündelten. „Es ist Zeit,“ sagte sie leise. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch, doch es war der Atem, der Sturm brachte. Kyrii’linth beugte sich leicht vor, die Augen scharf auf das Getümmel gerichtet. „Ihr wollt wirklich mitten hinein? Der Feind ist noch nicht gebrochen.“ Dann setzte sie sich in Bewegung. Ihr Kleid flatterte wie Schatten, ihre Spangen glitzerten im Licht der Flammen, und ihre Leibgarde folgte. Sie stieg die Basaltstufen hinab, hinein in das Tosen. „Vorwärts!“ rief einer. „Die Ilharess ist mit uns!“ Kyrii'linth schwieg. Doch tief in ihren Augen glomm für den Bruchteil eines Herzschlags etwas, das wie Respekt aussah – und das sie sofort wieder in eisige Abneigung tauchte. ⊱⋅ ───────── ༻ 𝔎𝔶'𝔄𝔩𝔲𝔯 ༺ ───────── ⋅⊰ Die Bresche war kein Tor - eher wie eineklaffende Wunde, roh und unheilvoll, durch die das Chaos strömte. Blut klebte an den Steinen, Schreie hallten zwischen den Mauern, und das Tosen der Schlacht war hier dichter, schwerer, wie eine Flut, die gegen Mauern brandet. Jhea’kryna trat hindurch, ihre Leibgarde im Halbkreis um sie, Kyrii’linth im Schatten ihrer Präsenz. Der Staub hing noch in der Luft, als die erste Welle von Zauviir-Kriegern heranbrach. Ihre Augen glommen rot, ihre Klingen blitzten – verzweifelt, aber noch nicht gebrochen. „Ich bin nicht hier, um nur zuzuschauen!“ Ihre Peitsche zischte aus ihrem Gürtel, fünf lebendige Schlangenköpfe schnellten vor. Sie wand sich um die Kehle eines vorstürmenden Hauptmanns, seine Augen traten hervor, als die Zähne der Schlangen sich in sein Fleisch bohrten. Mit einem einzigen Ruck riß Jhea ihn von den Füßen, schleuderte ihn gegen die Mauer, wo er reglos zusammensackte – ein dunkles Mahnmal für alle, die es sahen. Die Reihen der Ky’Alur-Krieger brüllten auf, wie entfesselt. Doch dann, mit einer Geste, die größer war als alles zuvor, hob sie die Arme weit empor. Die Krieger Ky’Alurs brüllten wie rasend, der Hof erbebte von ihrer entfesselten Wut. Selbst gestandene Veteranen, deren Herzen schon lange abgehärtet waren, sahen ihre Ilharess an, als stünde Lloth selbst unter ihnen. Kyrii’linth stand neben Jhea, das Gesicht reglos, nur die Augen verrieten ein glühendes Etwas. Sie neigte kaum merklich den Kopf – ein winziger, stolzer Nicken, das sofort in der Maske aus Kälte erfror. „Ihr habt mehr als Blut entfesselt,“ sagte sie leise, fast tonlos. Und dann schritt sie weiter, über die Leichen, durch den brennenden Hof, hinein in das Herz des Zauviir-Qu’ellars.
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