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Das letzte Urteil über Vhyl’zyrr Zauviir

Lyr'sa Ky'Alur

Staub und Blut lagen wie ein Schleier über der Bresche, als Lyr’sa sich durch den Rauch drückte. Ihr Herz schlug so laut, dass es ihr vorkam, als könnten die Krieger um sie es hören – ein Trommeln, das sie verriet. Jeder Schritt war schwer, ihre Hände feucht, die Armbrust an ihrer Seite fühlte sich an, als würde sie gleich zu Boden rutschen. Sie war keine Kriegerin. Sie war keine Anführerin. Und doch hatte die Ilharess ihr einen Platz in dieser Schlacht gegeben – nicht aus Vertrauen, sondern aus der Logik des Netzes: Versage ein letztes Mal, und es gibt keinen weiteren Morgen.

Um sie tobte die Hölle. Ky’Alur-Krieger, geschwärzt vom Staub der eingestürzten Mauern, schrien im Blutrausch und stürmten nach vorn. Lyr’sa duckte sich, stolperte fast, und wurde im nächsten Augenblick von einer Hand am Arm hochgerissen – ein Soldat, dessen Gesicht unter dem Helm verborgen blieb. „Hier entlang!“ brüllte er sie an, und ohne es zu wollen, lief sie mit.

Ein Gang tat sich vor ihnen auf, schmal, die Fackeln an den Wänden schwach, doch er führte tiefer ins Herz des Qu’ellar. Dort standen fünf Zauviir-Krieger, Klingen gezückt, die Gesichter kalt wie Stein. Lyr’sa fror in der Bewegung ein – doch die Männer um sie sahen nur ihre Geste, den nervösen Fingerzeig nach vorn. Für sie war es Befehl. Ein Aufschrei, dann stürzten sie los.
Es war ein Schlagabtausch wie von Tieren. Stahl gegen Stahl, Schmerzensschreie, Blut, das die Wände sprenkelte. Zwei Ky’Alur fielen, ihre Körper zuckten noch, als die nächsten schon in die Bresche drangen. Lyr’sa stand wie erstarrt, ihre Knie weich, bis sie merkte, dass sie die Armbrust noch immer an sich gedrückt hielt.

„Schieß doch,“ flüsterte sie sich selbst zu. „Tu wenigstens das…“

Ihre Hände zitterten, als sie den Bolzen einlegte, den Mechanismus spannte. Ein Krieger vor ihr wurde zu Boden gestoßen, ein Schrei, dann trat eine Frau ins Licht. Keine gewöhnliche. Eine Priesterin. Roben, die einst makellos gewesen waren, nun mit Blut besudelt. Ihre Augen funkelten vor Hass, und sie hob die Hand, ein Bannspruch schon auf den Lippen.
Lyr’sa zielte nicht. Sie hob nur die Armbrust, drückte ab – der Bolzen fuhr durch den Raum, surrte, und bohrte sich in die Schulter der Frau. Ein gellender Schrei durchschnitt die Enge des Ganges. Die Priesterin taumelte zurück in einen Raum, ließ das Zeichen des Zaubers fallen und stolperte hastig auf einen schmalen Balkon hinaus, der hoch über dem Hof lag. Sie griff nach dem Stein, Blut rann an ihrem Arm hinab, und sie war gefangen – zu hoch, um zu fliehen, zu verletzt, um weiterzukämpfen.

Lyr’sa keuchte, der Armbrustschaft glitt ihr beinahe aus den Händen. Sie hatte getroffen. Sie hatte… etwas getan.
Aber in ihr wirbelten die Stimmen: War das genug? Reicht das? Wird die Ilharess… zufrieden sein?

Da öffnete sich hinter ihr eine schwere Tür. Schritte hallten, ruhig, unerbittlich. Lyr’sa wusste, ohne sich umzudrehen, wer es war. Die Luft schien sich zu verdichten, als Jhea’kryna Ky’Alur den Raum betrat. In ihren Augen glomm der Zorn der Göttin selbst, und ihre Schritte waren lautlos, obwohl die Stiefel über Stein gingen. Ihr Blick schweifte nur kurz durch den Gang, dann zu dem Raum – und blieb sofort hängen. An der Wand, fast achtlos auf ein Podest gelegt, lag eine Waffe, deren Anblick wie ein Dolch ins Herz war: eine Schlangenpeitsche, deren Schuppenglanz unverkennbar war. Reyviiras Peitsche.

Jheas Züge verhärteten sich, als sich ihr Blick dann nach oben hob – zu der verletzten Gestalt auf dem Balkon. Vhyl’zyrr Zauviir, die Priesterin. Blut über die Schulter, Atem gepresst, Augen voller Hass und Angst zugleich. Die Ilharess sprach kein Wort. Aber die Stille, die sie mitbrachte, war härter als jedes Urteil.
Die Stille hielt nur einen Herzschlag. Dann schritt Jhea’kryna voran, ihre Augen unverwandt auf die Waffe an der Wand gerichtet. Die Schlangenpeitsche – unverkennbar die von Reyviira – schien selbst jetzt noch zu zischen, als sehne sie sich nach der Hand, die sie einst geführt hatte. Jhea nahm sie auf, drehte sie einmal langsam in der Hand, und jede Bewegung war so bedächtig, dass die Soldaten ringsum unwillkürlich innehielten.

Dann hob sie den Blick zum Balkon. Vhyl’zyrr Zauviir keuchte, presste die verletzte Schulter gegen den Stein. Ihr Atem war unregelmäßig, ihre Augen weit aufgerissen. Doch noch brannte in ihnen Trotz. Ein Trotz, den Jhea nicht verachtete – sondern der ihr gefiel. Denn er machte den Fall tiefer.

„Du hast etwas, was dir nicht gehört,“ sagte die Ilharess leise, aber ihre Stimme füllte den Raum wie das Grollen eines nahenden Bebens. „Und du hast genommen, was dir nie gewährt war.“ Sie hob die Peitsche leicht an, so dass die Priesterin sie klar sehen konnte. „Diese Waffe gehörte meiner Tochter. Und sie trägt ihr Blut. Dein Blut.“

Ein Zittern ging durch Vhyl’zyrrs Gesicht. Sie wollte sprechen, doch Jhea hob nur eine Hand. Schatten aus dem Nichts woben sich empor, spinnenhafte Fäden, die sich an den Armen und Beinen der Priesterin legten. Langsam, unausweichlich, zogen sie sie nieder, zwangen sie vom Balkon auf die Knie. Ihre Schreie hallten, als die Sehnen in ihrer Schulter schmerzten, doch sie versuchte sich nicht zu befreien – sie wusste, es war nutzlos.

„Sieh,“ flüsterte Jhea, und drehte sich halb, so dass die Priesterin den Blick hinaus durch die offene Bogentür erhaschen musste.

Draußen, im Hof, tobte das Massaker. Krieger des Hauses Ky’Alur drangen wie ein schwarzer Schwarm durch die Breschen. Überlebende der Zauviir, die Hände flehend erhoben, wurden von den Mauern gestoßen, ihre Körper am Boden des umgebenden Grabens zerschmettert. Kinder schrien, schrille kleine Stimmen, ehe sie von den Klingen der Krieger verstummten. Andere, die versucht hatten, in die Gemächer zu fliehen, wurden grob an den Haaren zurückgezerrt, und wurden dem Schwert zugeführt, entweder auf dem Hof oder direkt an Ort und Stelle.

„Das ist dein Werk,“ sprach Jhea, leise und kalt. „Dein Stolz. Dein Blut. Dein Haus.“

Vhyl’zyrr schloss die Augen, doch Jhea trat näher, beugte sich herab und packte sie grob am Kinn, zwang ihren Kopf zurück. „Nein. Sieh. Du wirst jede Klinge sehen, die fällt. Jeden Schrei hören, der erstickt. Und du wirst wissen, dass du überlebt hast – nicht aus Gnade. Sondern damit du erinnerst.“

Sie ließ los, trat einen Schritt zurück. „Legt sie in Ketten,“ befahl sie, und sofort traten zwei Krieger hervor, zerrten die Priesterin zu Boden, legten ihr schwere Eisenfesseln um. Die Ketten klirrten, das Geräusch hallte wie das endgültige Urteil.
Jhea drehte sich nicht mehr um. Sie blickte hinaus in den Hof, wo die letzten Funken des Widerstandes verlöschten, und ihre Stimme war ein schneidendes Versprechen:

„Du wirst länger leben, Vhyl’zyrr. Länger, als du dir wünschen wirst. Und wenn ich dich finde, wenn die Zeit reif ist, dann werde ich dich wandeln. Nicht in den Tod – das wäre zu leicht. Nein. Ich werde dich zum Sinnbild deines Hauses machen: gekrümmt, verdorben, halb Spinne, halb Elfe. Eine Drider. Du wirst noch atmen, wenn niemand den Namen Zauviir zu flüstern wagt.“

Die Priesterin keuchte, und für einen Moment schien es, als bräche ihr Trotz. Ein Laut, halb Wut, halb Verzweiflung, entrang sich ihrer Kehle.

Jhea aber wandte sich ab, die Schlangenpeitsche Reyviiras noch immer in der Hand, und sah ihre Krieger an. „Bringt sie fort. Ich habe noch jemanden zu suchen.“

Ihr Blick blieb an Lyr’sa haftne. Die junge Drow war bleich, das Zittern ihrer Hände kaum verborgen, die Armbrust noch immer halb erhoben, als könnte sie kaum glauben, was ihr gelungen war. Ihr Atem ging stoßweise, ihre Augen schwankten zwischen Angst und Hoffnung – Angst vor dem Urteil ihrer Herrin, Hoffnung, dass dies vielleicht der eine Augenblick war, der all ihre Schmach auslöschte.

Jhea'kryna trat langsam zu ihr, die Schlangenpeitsche Reyviiras lose in der Hand. Einen Atemzug lang tat sie nichts – sie ließ die Stille schwer auf Lyr’sa sinken, so dass diese fast in sich zusammensank. Dann legte sie die Hand mit der Peitsche beiseite, und ihre andere, leere Hand schloss sich wie beiläufig um Lyr’sas Kinn. Sie hob ihr Gesicht an, zwang sie, ihr in die Augen zu sehen.

„Du hast mir mehr gebracht als Blut,“ sprach Jhea leise, so dass nur Lyr’sa es hören konnte. „Du hast mir Gerechtigkeit gebracht.“

Die junge Drow schluckte hörbar, ihre Lippen formten fast ein Wort, doch sie wagte nicht, es auszusprechen.

„Du dachtest, du wärst verloren,“ fuhr Jhea fort, und ein kaum wahrnehmbares Lächeln spielte um ihre Lippen. „Doch in der Stunde, da dein Name nichts mehr galt, hast du mir die Feindin gezeigt, die mein Blut vergossen hat. Dafür, Lyr’sa, wirst du nicht vergessen.“

Sie ließ Lyr’sa los, und anstatt sie wegzustoßen, wie es jeder erwartet hätte, hob sie ihre rechte Hand. Zwei Finger legte sie auf die Stirn der Jüngeren, nur einen Augenblick, als wäre es eine Geste des Segens. Kein Zuschauer konnte sagen, ob es wirklich ein heiliger Akt war – oder nur ein Spiel. Aber Lyr’sa fühlte, wie die Berührung durch Mark und Bein ging, wie ein unausgesprochenes Versprechen.

„Unter meinem Netz,“ sagte Jhea schließlich, „wirst du nicht fallen. Nicht, solange du dich erinnerst, wem du dienst.“

Dann wandte sie sich wieder ab, als wäre nichts geschehen. Doch Lyr’sa blieb zurück, die Stirn heiß von der Berührung, unfähig zu sprechen – und wissend, dass dies der Augenblick war, in dem ihr Schicksal an die Ilharess geknüpft worden war.

Und während Vhyl’zyrr fortgezerrt wurde, ihre Ketten schleifend über den Boden, erhob sich das Geschrei aus dem Hof wie ein Choral – das Sterben eines Hauses, das unterging.

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