Online: 23

Schönheit wie eine Klinge

Jhea'kryna Ky'Alur

Das Beben lag kaum drei Zyklen zurück, doch sein Nachhall war in den unteren Ebenen Elashinns noch immer spürbar. Feine Risse in den großen Basaltsäulen des alten Lloth-Tempels hatten sich zu tiefen Spalten erweitert, und in den Gängen, die zu den unteren Schreinen führten, stieg nun unaufhörlich heiße Luft auf – schwefelhaltig, nach Metall schmeckend. Für die Gelehrten des Tempels war es eine Frage der Statik, für die Priesterinnen eine Frage der Reinheit.

In den Fluren der Stadt munkelte man bereits: War es ein Wink der Herrin? Ein Zeichen der Ungnade?
Solche Gerüchte waren Gift – und Felyndiira Noquar, Matriarchin des ältesten Hauses Elashinns, wusste das besser als jede andere. Deshalb hatte sie den Rat zusammengerufen. Nicht in heimlicher Beratung, nicht im Flüsterton – sondern offiziell, feierlich, mit Gesandten an jede Matriarchin.

Die Einladung an Jhea’kryna Ky’Alur war keine Bitte.

Als die Boten den schwarzen Wachsverschluss brachten, hatte Jhea die Rolle eine Weile auf dem Tisch liegen lassen, wie man ein ungebetene Erinnerung beiseiteschiebt. Sie mochte es nicht, her zitiert zu werden – schon gar nicht von Felyndiira. Und doch war es nicht ratsam, dieser Einladung nicht zu folgen. Wenn sie schon gezwungen wurde, im Kreis der Häuser zu erscheinen, dann würde sie dafür sorgen, dass ihr Auftritt nicht als Pflichtgang in Erinnerung blieb, sondern als etwas, das den Raum beherrschte.

Am Morgen des Rats, lange bevor sie selbst den ersten Schritt aus ihren Gemächern tat, begann ihre Vorbereitung.
Das Kleid, das sie wählte, war kaum ein Kleid im gewöhnlichen Sinn – vielmehr ein Gewirk aus feinen, schwarzen Spinnenseidenfäden, die sich wie lebendig über ihre Haut legten. Kein schwerer Stoff, der verbarg, sondern ein Netz, das umspielte, enthüllte, andeutete. Jeder Faden war mit winzigen Splittern aus Onyx und Obsidian besetzt, die bei Bewegung wie das Glitzern von Tautropfen im Mondlicht funkelten. Die Linien folgten den Konturen ihres Körpers mit der Präzision eines Künstlers, der Schönheit und Gefahr zugleich darstellen wollte – genug, um Blicke festzuhalten, ohne auch nur einen Hauch an Würde zu verlieren.

Der Ausschnitt war tief, aber nicht plump – eher wie das offene Maul einer Falle, das gerade genug Einblick gewährte, um den Rest der Fantasie zu überlassen. Über Schultern und Arme legten sich filigrane Schleier aus dem gleichen Spinnengarn, so leicht, dass sie bei jeder Regung fast unsichtbar wirkten, nur um dann im richtigen Licht wieder aufzublitzen.

Um den Hals trug sie ein Collier aus dunklen Perlen und einem einzelnen, blutroten Rubin in Tropfenform, der im Gehen gegen das Netzgewebe des Kleides schlug. Ihre Ohren schmückten lange, geschwungene Onyx-Ohrringe, deren Enden wie winzige Dolchspitzen wirkten. An den Handgelenken schimmerten breite Armreifen aus schwarzem Metall, kunstvoll in Spinnenmotiven gearbeitet, mit kleinen Smaragden als „Augen“.

Das Haar trug sie hochgesteckt, einzelne Strähnen bewusst gelöst, damit sie wie die Fäden eines zerrissenen Netzes ins Gesicht fielen – nicht zufällig, sondern so gesetzt, dass sie bei einer Drehung die Blicke lenkten.

Ihre Eskorte bestand aus zwölf Kriegern des Hauses Ky’Alur – sechs Frauen und sechs Männer, alle in dunkler, fast nahtlos anliegender Rüstung, mit leisen Kettenelementen, die nur bei ganz bestimmtem Lichteinfall aufblitzten. Jeder trug an der Seite eine Klinge, deren Knauf in Form einer Spinne gearbeitet war. Vorne gingen zwei Bannerträgerinnen, deren Stangen mit langen Bahnen aus schwarzer Seide versehen waren, in die das Wappen Ky’Alurs in Silber und Rot eingewoben war.

An Jhea’krynas rechter Seite schritt Reyviira, ihre Tochter – jung, strahlend, eine Gestalt, die die Blicke der Männer wie von selbst einfing. Ihre Schönheit hatte noch den ungezähmten Glanz der Jugend, doch ihre Haltung verriet bereits die Härte einer, die wusste, dass sie in der Welt der Drow nicht nur für den Tanz geboren war, sondern auch für das Spiel mit Klinge und Gift. Ihr Kleid war eine leichtere, hellere Variante des Netzes, das Jhea trug, mit Fäden aus violettem Seidengarn durchzogen, die im Gehen wie Sternenlicht funkelten. In ihrem Blick lag eine Mischung aus Stolz und der kühlen Gewissheit, dass jeder, der sie unterschätzte, diesen Fehler nur einmal begehen würde.

Links von Jhea, ein halber Schritt hinter ihr, ging Kyrii’linth, die Yathallar des Hauses Ky’Alur. Ihre Präsenz war ein Gegenpol zu Reyviiras jugendlicher Strahlkraft – reif, kraftvoll, ein Blick, der wie ein Dolchstoß wirkte. Sie verachtete Jhea, und das war kein Geheimnis für jene, die das Haus gut kannten. Doch sie verachtete die Matriarchinnen der anderen Häuser noch mehr, und an diesem Tag würde niemand im Rat Zweifel daran haben, auf welcher Seite sie stand. Ihre Kleidung war eine meisterhaft gearbeitete Robe aus tiefschwarzer Seide, in die Muster aus purpurnem Faden gewebt waren, die in der Bewegung Spinnenformen ergaben. Der schwere Schmuck aus schwarzem Gold und rotem Karneol wirkte wie ein Siegel – ein bewusst gesetztes Zeichen, dass sie nicht im Schatten stand, sondern für alle sichtbar ihren Platz einnahm.

Gemeinsam mit den Kriegern, den Bannern und der makellosen Symmetrie ihres Zuges wirkten die drei Frauen wie ein sich bewegendes Kunstwerk aus Schönheit, Gefahr und unausgesprochener Rivalität.

Als sie die Straßen hinuntergingen, wichen Passanten an die Ränder. Einige senkten den Blick – aus Respekt oder um dem Gefühl zu entgehen, dass ihre Augen zu lange verweilen könnten. Andere, vor allem Männer aus den Handelsgilden und unteren Adelslinien, ließen sich den Blick nicht nehmen. Manche taten es verstohlen, andere mit der offenen Gier eines Drow, der weiß, dass er niemals wird bekommen, was er begehrt.

Jhea’kryna bemerkte jeden Blick, und sie ließ jeden zu – nicht weil sie die Anerkennung suchte, sondern weil sie wusste, wie sich solche Eindrücke im Gedächtnis festsetzen, wie sie weitergetragen, weitergeflüstert werden. Schönheit war nicht nur Zierde. Schönheit war eine Waffe, und an diesem Tag trug sie sie so selbstverständlich wie einen Dolch.

Der Weg führte sie zum alten Tempel, wo der Rat zusammentreten sollte. Die gewaltigen Tore standen offen, als Zeichen, dass dies eine Versammlung der ganzen Stadt war – oder zumindest derer, die sich für sie hielten. Das Mosaik am Boden des Vorplatzes war an mehreren Stellen aufgerissen, Risse zogen sich wie dunkle Blitze durch die weißen und roten Steine. An den hohen Mauern hatten sich feine, frische Staubschichten aus dem Inneren abgesetzt, und aus einigen Spalten stieg dünner, warmer Dampf.

Jhea’kryna blieb kurz stehen, bevor sie die letzten Stufen hinaufstieg. Hinter ihr ordnete sich die Eskorte, die Banner trugen sich wie schwarze Wellen im warmen Luftzug.

Noch bevor sie die Schwelle überschritt, wusste sie, dass ihr Auftritt im Rat nicht als bloße Anwesenheit gewertet werden würde.
Er würde ein Statement sein.

Beiträge in diesem Thread