𝔇ie Hallen des Hauses Ky’Alur lagen im Zwielicht der Spinnenlaternen. Dünne Rauchschwaden zogen sich über den schwarzen Basaltboden, als hätten selbst die Fackeln den Atem angehalten. Kein Laut durchbrach die Stille, außer dem Wispern von Dienern, dem gedämpften Klirren von Stahl, dem fernen Tropfen von Wasser in den Tiefen. Es war kein friedliches Schweigen. Es war das gespannte, vibrierende Schweigen vor einem Sturm. Jhea’kryna Ky’Alur saß auf dem hohen Stuhl im Audienzsaal. Ihre Hände lagen locker auf den Armlehnen, die langen Finger mit den silbernen Ringen ruhten scheinbar entspannt, doch der Blick ihrer karmesinroten Augen brannte unbewegt in die Dunkelheit. Kein Muskel in ihrem Gesicht verriet die Glut, die unter dieser Maske aus Ruhe loderte. Doch in ihrem Inneren spannte sich das Netz aus Zorn und Entschlossenheit immer enger. Seit jener Nacht in der Gasse, seit dem Blut, das nicht hätte fließen dürfen, war in ihr kein Zweifel mehr übriggeblieben. Reyviira hing noch immer in ihrem Blickfeld – entstellt, geschändet, gefoltert bis an den Rand des Todes und darüber hinaus, am Rad der Zauviir wie ein düsteres Schauspiel zur Schau gestellt. Jhea'kryna hatte sich selbst gezwungen, jede Linie dieses Bildes einzuprägen, nicht um daran zu zerbrechen, sondern um daraus eine Waffe zu schmieden. Aus dieser Schande würde nur eine einzige Antwort folgen: Blut, das Schuldige schwemmte, Blut, das keine Ausnahmen kannte, Blut, das von den Straßen gespült werden musste, bis die Steine selbst rot glänzten. Und so begann sie zu weben. Nicht mit Spinnenseide, sondern mit Befehl und Planung. ⊱⋅ ───────── ༻ 𝔎𝔶'𝔄𝔩𝔲𝔯 ༺ ───────── ⋅⊰ 𝔇ie Halle war erfüllt von gedämpftem Stimmengewirr, doch als Kyrii’linth eintrat, ebbte es ab wie ein Atemzug, der den Raum verließ. Sie ging erhobenen Hauptes, das schwarze und purpurne Gewand knapp über dem Boden schleifend, die Augen von dem kalten Glanz erfüllt, der selbst unter ihresgleichen Ehrfurcht und Widerwillen zugleich hervorrief. Jhea wartete bereits auf dem erhöhten Podest, den Körper in der Haltung einer Königin, die keiner Krone bedarf. Als ihre Blicke sich trafen, war es, als berührten sich zwei Netze – jede Faser gespannt, jede Linie ein möglicher Schlag. „Du rufst mich zu später Stunde“, sagte Kyrii'linth, ihre Stimme schmeckte nach samtigem Gift. „Ist es so dringend, dass du die Nacht der Ruhe raubst?“ Jhea’krynas Lippen verzogen sich zu einem kaum wahrnehmbaren Lächeln. „Ruhe ist ein Luxus für die, die nichts verlieren können. Wir beide wissen, dass wir ihn uns nicht leisten dürfen.“ Kyrii'linth neigte den Kopf, eine Geste, die weder Zustimmung noch Spott ausschloss. „Und doch: Du willst in Schatten marschieren, statt im Donner der Klingen. Unsere Krieger sind stark. Warum verbirgst du sie wie Diebe?“ Ein kurzes, gefährliches Schweigen entstand. Die Fackeln knackten, als hätten sie etwas zu sagen, wagten es aber nicht. „Weil Stärke nicht im Lärm liegt“, antwortete Jhea schließlich, jede Silbe messerscharf. „Die Zauviir erwarten einen Sturm. Sie sollen kein Gewitter hören, bis der Blitz in ihrem Herzen einschlägt.“ Kyrii’linth ließ ein leises Lachen hören, seidenweich und verletzend zugleich. „Ein schöner Gedanke. Aber was, wenn der Blitz fehlgeht? Was, wenn du im Dunkeln zündest und nur Rauch hervorbringst?“ Die Ilharess beugte sich leicht vor, ihre karmesinroten Augen glühten wie Fäden geschmolzenen Metalls. „Dann wird Lloth selbst entscheiden, ob mein Schlag genügt. Aber wenn du glaubst, dass du es besser kannst, Kyrii’linth – so sag es laut. Vor mir. Vor der Göttin. Vor allen hier.“ Die Worte hingen wie ein Spinnenseil über dem Abgrund. Für einen Augenblick schien Kyrii tatsächlich darüber nachzudenken. Ihre Finger spielten mit den Perlen an ihrem Gewand, als prüfe sie das Gewicht einer Antwort. Dann senkte sie den Blick, nicht in Unterwerfung, sondern wie jemand, der eine andere Falle im Dunkeln vorbereitet. „Ich diene dem Haus“, sagte sie leise. „Auch wenn ich es nicht immer in deiner Hand sehe.“ „Dann diene schweigend,“ erwiderte Jhea kühl, „bis der letzte Zauviir gefallen ist.“ Ein Murmeln lief durch die Halle, kaum hörbar, aber spürbar. Die Spannung zwischen den beiden war nicht gelöst – sie war nur verschoben, wie eine Klinge, die man wieder in die Scheide schiebt, wissend, dass sie jederzeit gezogen werden könnte. Kyrii'linth trat zurück, verneigte sich knapp und ließ den Blick ein letztes Mal an Jhea'kryna haften. In diesem Blick lag keine Loyalität – nur Berechnung. Doch Jhea wusste: Berechnung genügte. Für jetzt. ⊱⋅ ───────── ༻ 𝔎𝔶'𝔄𝔩𝔲𝔯 ༺ ───────── ⋅⊰ 𝔍n den unteren Hallen rüsteten sich die Krieger. Schmiede hämmerten auf Platten, bis die schwarzen Rüstungen mit eingeätzten Spinnenmotiven wie in sich selbst geborene Schatten glänzten. Priesterinnen und Maiger zeichneten Kreise aus Blut und Obsidian, webten Bannzeichen auf Pergament, die an den Türen der Zauviir explodieren würden wie Schläge von Lloths eigener Hand. Überall huschten Spinnen, unruhig, als spürten sie den Hunger der Göttin. Manche webten Muster in den Winkeln der Halle, Muster, die wie Vorzeichen wirkten: Spiralen, Netze, Knoten, die sich enger zogen. Jhea ließ sich jeden Plan vorlegen:
Nichts entging ihrem Blick. Sie sprach wenig, doch wenn sie sprach, war es wie ein Messer: kurz, scharf, endgültig. Und zuletzt, fast unscheinbar, lag der gefährlichste Faden im Netz. ⊱⋅ ───────── ༻ 𝔎𝔶'𝔄𝔩𝔲𝔯 ༺ ───────── ⋅⊰ 𝔏yr’sa Teb’inyon arbeitete seit Tagen unter der Erde, tiefer noch als die tiefsten Tunnel der Stadt. Ihre Hände waren zerschunden, ihre Lungen voller Staub, doch sie arbeitete mit einer Besessenheit, die selbst ihre Angst überdeckte. Stütze um Stütze wurde gesetzt, Mauer um Mauer angebrannt, bis ein Tunnel direkt unter die Hallen der Zauviir führte. „Es ist wie ein Herzschlag,“ hatte Lyr’sa geflüstert, als Jhea'kryna sie einmal im Halbdunkel der Tunnel aufsuchte. „Man spürt das Gewicht über sich… und man weiß, dass es nur einen Schlag braucht, und alles fällt.“ Jhea hatte nicht geantwortet. Sie hatte nur die Hand über die rauen Wände gelegt und das Beben gespürt. Ein einziger Befehl, und der Tunnel würde sich schließen wie ein Maul. Stein und Feuer würden hochschlagen, Mauern brechen, Schreie hallen. „Sei bereit“, sagte sie schließlich zu Lyr’sa. „Wenn der Moment kommt, darf es kein Zögern geben.“ Lyr’sa hatte geschluckt, genickt, und weitergearbeitet. ⊱⋅ ───────── ༻ 𝔎𝔶'𝔄𝔩𝔲𝔯 ༺ ───────── ⋅⊰ 𝔍n der großen Halle, zurück auf ihrem Stuhl, ließ Jhea den Blick durch die Reihen ihrer Krieger und Priesterinnen gleiten. Jede war gerüstet, jede bereit. Kein Lächeln huschte über ihr Gesicht, kein Funken von Zorn loderte auf ihren Zügen. Nur diese Kälte, die wie eine zweite Haut über ihr lag. „Seid geduldig,“ sagte sie leise, so dass nur die nächsten Reihen es hörten. „Wir werden nicht rasen. Wir werden nicht wie Orks blind stürmen. Wir schlagen, wenn jedes Netz gespannt ist. Wir schlagen, wenn jede Tür sich gegen sie kehrt. Wir schlagen, wenn der erste Schrei einsam verhallt, und dann folgen alle anderen.“ Und dann, kaum hörbar, wie ein Schwur in die Finsternis:
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