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Wenn Matronen fallen

Jhea'kryna Ky'Alur

Die schweren Türen des inneren Saals hingen nur noch an einem Scharnier, halb verbrannt, halb gesplittert. Der süßliche Gestank von verbranntem Fleisch mischte sich mit dem metallischen Geruch von Blut, das in Rinnsalen die Stufen hinabfloss. Jhea’kryna trat über die Schwelle, ihre Leibgarde knapp hinter ihr, doch mit einer Geste ließ sie sie zurückbleiben. Dies war kein Kampf für viele Klingen. Dies war ein Kampf der Priesterinnen.

Shinayna Zauviir stand aufrecht in der Mitte des Saales, als hätte sie auf diesen Moment gewartet. Ihr weißes Haar war blutig und zerzaust, die Robe in Fetzen, doch in ihren Augen brannte ein kaltes, ungebrochenes Feuer. Um sie lagen die Leiber zweier Ky’Alur-Krieger, von Zaubern verbrannt bis zur Unkenntlichkeit. Ihre Schlangenpeitsche zuckte in ihrer Hand wie eine lebendige Bestie, und die Luft um sie knisterte von noch nicht entladenen Bannzaubern.

„So kommt sie also,“ sagte Shinayna, ihre Stimme dunkel und von Spott durchzogen, „die selbsternannte Herrin Elashinns. Die Spinne, die glaubt, größer zu sein als ihr Netz.“

Jhea schritt weiter voran, langsam, gemessen, jede Bewegung ein Bild von Kontrolle. Ihre eigenen Augen glühten karmesinrot im Licht der brennenden Spinnenbanner, und die Peitsche in ihrer Hand bewegte sich kaum merklich, als spüre sie die Gier nach Blut. „Selbsternannt?“ wiederholte sie, und ihr Ton war so glatt, dass er schärfer schnitt als jede Klinge. „Sag das der Göttin. Sie hat dein Haus geprüft – und es als schwach befunden.“

Shinayna lachte, ein bitteres, kehliges Lachen, das an den steinernen Wänden hallte. „Die Göttin prüft uns alle, Ky’Alur. Doch was sie dir gab, werde ich dir entreißen. Heute endet dein Netz – und mein Haus wird auf deinen Knochen neu auferstehen.“

Ein dumpfes Beben ging durch die Halle, nicht von der Erde, sondern von der Magie, die beide Frauen heraufbeschworen. Funken zuckten zwischen den Bannkreisen, die Shinayna im Staub gezogen hatte, und das Schwarzviolett von Jheas Aura verdichtete sich zu einem Netz aus brennenden Linien, das über ihren Armen pulsierte.

„Dann komm,“ sagte Jhea und hob die Peitsche, ihre Stimme nicht laut, aber getragen wie ein uraltes Gebet. „Lass uns sehen, wem Lloth ihre Gunst schenkt.“

Mit einem Schlag begannen die Schatten zu beben.
Beide Schlangenpeitschen zischten durch die Luft. Jheas Waffe fuhr in einer weiten Kurve auf Shinaynas Kopf zu, doch deren Peitsche schlang sich darum, wickelte sich in einem Augenblick aus Schatten und Geschwindigkeit um den ledernen Griff. Ein Ruck, als beide Waffen gegeneinanderprallten, sich verhedderten und beide Ilharessen an ihrem Ende zogen..
Magie entlud sich. Schwarze Blitze zuckten zwischen den Gestalten, rissen Narben in den Boden. Ein Thron aus Onyx, der einst das Symbol der Zauviir gewesen war, barst krachend, Splitter flogen wie Dolche durch den Raum.

Shinayna hob die linke Hand, ihre Finger zeichneten Runen in die Luft. Aus dem Staub krochen Spinnen – nicht aus Fleisch, sondern aus Schatten und Blut. Sie stürzten sich auf Jhea, ihre Beine schnitten wie Messer. Jhea wehrte die erste mit der Peitsche ab, die Schlangenköpfe zerrissen den Leib der Bestie, doch zwei weitere sprangen ihr an die Schultern.
Ein Knurren, tief, fast tierisch, entrang sich ihrer Kehle, und sie stieß beide Wesen mit einer Explosion aus violettem Feuer von sich. „Viel zu einfach,“ zischte sie, während die verkohlten Überreste zu Asche zerfielen.

„Du bist nicht die Einzige, die Lloth hört!“ rief Shinayna, und ihre Stimme hallte wie Donner durch den Saal. Mit einer Bewegung riß sie die Luft selbst auf, und aus der Kluft sprang eine Flut kleiner Spinnen, ein Schwarm, der Jhea umhüllte, sie einspinnen wollte in Fäden, die heiß wie Eisen brannten. Jhea stolperte, zum ersten Mal schien der Rhythmus ihrer Bewegungen zu brechen. Die Schatten um ihre Gestalt flackerten, und die Spinnen woben sich um ihre Arme, um ihre Beine. Ein Lächeln voller Triumph huschte über Shinaynas Gesicht.

„Endlich auf den Knien,“ spottete sie, und mit der Peitsche schlug sie vor – die Schlangen zischten, ihre Zähne schnitten über den Stein, so nah an Jheas Gesicht, dass sie die Hitze des Zaubers spürte.

Ein Moment – und es schien, als würde die Ilharess Ky’Alur unterliegen.

Doch dann hob sie langsam den Kopf. Ihre Augen glühten wie zwei glühende Kohlen in der Schwärze. „Auf den Knien?“ flüsterte sie, und ihre Stimme vibrierte, tief und gefährlich. „Nein. Ich knie nur vor der Göttin.“

Ein Ruck ging durch ihren Körper. Schwarze Flammen brachen aus ihr hervor, verbrannten die Spinnen, rissen die Netze auseinander, bis nur noch Asche zurückblieb. Sie stand wieder aufrecht, die Peitsche zischte in der Luft, und in diesem Augenblick wirkte sie größer, stärker – als sei Lloth selbst durch sie hindurchgefahren.

Shinaynas Lächeln erstarb.

„Du bist stark,“ presste Shinayna hervor, ihre Stimme schwankte zwischen Zorn und Unglauben. „Aber Stärke reicht nicht, wenn man allein ist. Dein Haus wird fallen, so wie du es tust.“

„Mein Haus,“ entgegnete Jhea, „steht bereits über dem Leichnam des deinen.“

Sie schlug mit der Peitsche, und fünf Schlangenköpfe zischten, bissen in die Schatten selbst, die Shinayna umgaben. Die Zauviir-Matriarchin kreischte, hob die Hände und warf ihr ganzes Gewicht in einen letzten Zauber. Die Luft verzog sich, Flammen und Blitze vermischten sich, und eine Welle roher Energie prallte auf Jhea. Der Einschlag schleuderte die Ilharess mehrere Schritte zurück, Steine splitterten, Staub füllte die Halle. Für einen Augenblick war nichts zu sehen, nur das Knistern der entladenen Magie. Shinayna keuchte, Schweiß rann ihr über die Stirn, und in ihren Augen flackerte Hoffnung – die Hoffnung, dass sie gewonnen hatte. Doch dann riss der Staub auf.
Jhea stand noch. Blut rann ihr von der Schläfe, ihr Kleid war verbrannt, doch ihr Blick war klar, ungebrochen – und nun voller fanatischer Glut.

„Lloth gibt nicht den Stärkeren,“ sagte sie langsam, ihre Stimme so tief, dass sie durch Mark und Bein fuhr. „Sie gibt den Gnadenloseren.“

Mit einer Geste hob sie beide Hände. Der Boden selbst barst auf, Spalten rissen durch den Thronsaal, und aus ihnen schossen Fäden aus schwarzer Energie – Spinnennetze aus Flamme und Schatten. Sie spannten sich um Shinayna, zogen sich enger, schärfer, bis sie in ihr Fleisch schnitten. Die Matriarchin Zauviir schrie, wand sich, versuchte die Netze mit Feuer zu verbrennen, doch das Netz fraß ihre Magie, trank ihre Zauber wie Blut. Ihre Peitsche fiel klirrend zu Boden, ihre Knie gaben nach.

Jhea trat näher, jede Bewegung schwer vor Macht. „Dein Haus stirbt mit dir,“ sprach sie, „und dein Name wird gelöscht. Lloth webt neu – ohne dich.“

Dann schloss sich das Netz. Ein gleißender Ruck, ein Aufschrei, der abrupt verstummte – und was von Shinayna übrigblieb, war ein schwarzer, verkohlter Leib, der zu Boden fiel und in Asche zerfiel.
Die Stille danach war drückend. Nur das Knistern der brennenden Banner war zu hören.
Jhea hob die Schlangenpeitsche Reyviiras in die Höhe, und ihre Stimme hallte durch den zerstörten Thronsaal:

„Das Haus Zauviir ist gefallen! Ky’Alur ist das Netz!“

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