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Verschiebung

Sa'shiya

Einige Mondphasen waren verstrichen, seit die zwei Wesen in Sa’shiya den alten Druidenhain auf so unfreiwillige Weise betreten hatten. Die Kraft des Ortes vermochte ihrer Zerrissenheit etwas Stabilität vermitteln, doch das erhoffte Wiedersehen mit alten Vertrauten, die ersehnte Führung durch den Zirkel blieb unerfüllt. Je deutlicher sich diese bittere Erkenntnis manifestierte, umso weniger konnte sie ihrem inneren Konflikt widerstehen. Mit jedem Umlauf der Gestirne gewannen die Gegensätze an Kraft, schritten elfische Beherrschung und feline Wildheit voran, den gemeinsamen Geist zu zerbrechen.

Wie in so vielen Nächten zuvor kauerte Sa’shiya, die Beine an den Körper gezogen und mit den Armen umschlungen, unter der Eiche des Ursprungs. Die wundervolle Stille des Hains hatte dem unbändigen Schreien und Wüten ihres Geistes nichts entgegenzusetzen. Immer wieder erbebte der schmale Körper unter dem Aufruhr der zwei Wesen, bohrten sich die kräftigen Krallen in die Oberarme.

Dann - erst fern, aber sich schnell nähernd - ein feiner Nebel von gestaltlosen Wesen. Nicht die verschleierte Wahrnehmung ihrer tränenmüden Augen, sondern die plötzliche Stille ihres Geistes ließ Sa’shiya vollends erstarren. Die Erscheinungen streckten sich ihr entgegen. Eine wortlose Aufforderung kündete von einem Versprechen, lenkte die verstörten Blicke auf den gewaltigen Steinkreis, die Zuflucht ihres Instinktes.

Der Mond hatte einen beträchtlichen Teil seiner nächtlichen Wanderung zurückgelegt, als Sa’shiya sich schließlich aus der Paralyse lösen konnte. Die schemenhaften Erscheinungen waren längst verweht, und so betrat sie erneut die steinerne Kultstätte. Im Zentrum, der Heilige Baum, ewiges Symbol des Lebens, gehalten und genährt von den vier umgebenden Urstoffen. Jedes Element, in Form und Essenz an ein Gefäß gebunden, und seiner Beziehung gemäß ausgerichtet. Das verblasste Wissen um die Vier gewann Klarheit und Präsenz. Synergien und Antagonismen. Hitze, Kälte, Nässe und Trockenheit. Aktion und Reaktion. Wirkung und Ruhe. Im Inneren La, als das Leben selbst.

Die Ureiche im Rücken näherte sich Sa’shiya den zwei Elementen der Kälte, als sie sich von einer inneren Erschütterung, einer fundamentalen Wesensverschiebung getroffen sah. Der Hain erschien in Dunkelheit getaucht, die Lichter der Sterne, Waldfeen und Glühkäfer jedoch erstrahlten in ungewohntem Farbglanz. Sa’shiya versagte sich eine weitere Annäherung. Von einer lang vermissten Eintracht und Sanftheit erfüllt, nahm sie den Rückzug ihrer Krallen nur unbewusst wahr, ergab sich stattdessen der Harmonie des Augenblicks und begann sich sachte wiegend, tanzend zu drehen. Dabei entfernte sie sich unbeabsichtigt von den Elementar-Altären. Plötzlich war die Nacht wieder hell, das Farbspiel entschwunden, das Zerren und Reißen brandete von neuem durch ihren Geist und sie taumelte zu Boden.

Unfähig, sich nach diesem Moment der Stille erneut dem entfesselten Wüten zu erwehren, stürzte sie am Rand der steinernen Formation in komatöse Dämmerung.

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