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Vertiefung

Sa'shiya

Die Sonne hatte den Hain bereits in ihren rötlichen Atem gehüllt, als sich der schmale Körper aufs Neue mit Leben füllte. Sogleich forderte der innere Konflikt wieder Raum, ließ der Sturm der zwei Stimmen kaum mehr als richtungslose Gedanken zu. Nur die erneute Annäherung an die Aura von Awa und Ten versprach erlösende Stille. Die Kraft der zwei Elemente ermöglichte es Sa’shiya, ihre Aufmerksamkeit auf die bereits einmal erlebte Verschiebung zu richten. Diesmal zeigte sich der Hain nicht in Schatten gehüllt, aber Färbungen gewannen wieder merklich an Tiefe und Intensität. Womöglich entsprang dies weniger dem Ort als ihrer Wahrnehmung. Die Finger glitten über den Stoff des Kleides, ohne Risse zu hinterlassen. Die mentale Präsenz ihrer felinen Gestalt zeigte sich besänftigt, die physische Ausprägung gebannt.

Zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr in den Hain sah sich Sa’shiya in der Lage, das Erlebte zu durchdringen. Sie konnte nur vermuten, dass La’felja die Führung übernommen und sie auf unbestimmte Zeit in ihre Katzenform gezwungen hatte. Eine solche Dominanz war seit der initialen Verschmelzung nicht vorgekommen. Damals konnte nur die Vereinigung mit ihrem Mandra’dha ihr erlöschendes Sikaryan erneuern. Daraus erhob sich ein Zweiklang der Geister, eine Ergänzung ihrer stillen Besonnenheit durch impulsive Wildheit. Die Zeichen dieser Verbindung, Krallen und geschlitzte Pupillen, trug sie unausweichlich am Körper. Die Manifestation dieser Wandlung zeigte sich aber stets als fließender Dialog zweier Facetten eines Ganzen. Die aggressive Ausprägung des zersetzenden Konflikts, der sie seit Eintritt in den Hain zu zerreißen drohte, bildete einen radikalen Gegensatz zu diesem Bündnis. Sa’shiya sah sich gefangen in ihrem eigenen Selbst. Das Verlassen der beiden kühlen Elemente würde ihre innere Gegnerschaft erneut entfachen. Der Eintritt in die zwei heißen Elemente war nicht minder beängstigend. So, wie Awa und Ten die feline Ausprägung gebannt hatten, könnten Haza und Baha sie wieder in ihre Katzenform zwingen. Beistand durch den Zirkel war nicht zu erwarten.

Nur ein kurzes Flüstern: „Sala dirya va bha“ dann erhob sie sich und schritt langsam zwischen den Manifestationen von Erde und Wasser hindurch zum Baum des Lebens, wo sich die Auren aller Vier überschneiden und die elementaren Kräfte das Leben selbst bilden. Sa’shiya sah sich durchströmt von Kraft und Einklang. Die Aspekte ihrer Wesenheiten waren in vollkommener Ausprägung zu spüren. Die Augen nahmen selbst feinste Bewegungen wahr, die scharfen Krallen berührten behutsam die Rinde des Stammes. Ein Augenblick stiller Unendlichkeit.

Dann ein innerer Schrei. Kreischender, alles zerreißender Zorn. Unbändiges, fauchendes Wüten. Eine Hand, Halt suchend, noch immer am Lebensbaum, hatte sie sich den Altären von Feuer und Luft genähert. Die Intensität des plötzlich einsetzenden Ansturms von La’feljas Emotionen überwältigte Sa’shiya, entriss ihr Kraft und Verstand. Rückwärts stürzend versank sie in tiefem Traum.

Erst Finsternis, dann gleißendes Licht, aus dem sich nur langsam schemenhafte Umrisse lösten. Ein mächtiger Kreis aus Materie. Im Zentrum, der Lebensbaum. Daran gebunden, zwei Wesen. Eine Raubkatze, eine Waldelfe. La’felja und Sa’shiya, Rücken an Rücken. Ein Ringen und Reißen, Schreien und Fauchen. Umgebend vier gestaltlose Wesen, lodernd, wogend, wehend, tragend. Zwei hier, zwei dort. Passiv, kühl und ruhig die Einen, aktiv, heiß und drängend die Anderen. Ein Gleichgewicht, das keines ist, eine Zweiteilung der Vier. Dissonanz statt Harmonie. Die Elfe gehalten durch einen Fluss von Gestein, die Katze getrieben durch einen Sturm aus Flammen. Nur Leben und Tod. Kein Entstehen und Vergehen. Ein gebrochener Kreis.

Nur ein verschwommenes Blinzeln und der Mha’nha ließ Sa’shiya mit den bedrückenden Bildern und schmerzendem Haupt zurück. Natürlich fand sie sich in der Betrachtung wieder. Natürlich erkannte sie die Zusammenhänge. Natürlich würde sie sich ihrem inneren Selbst stellen müssen. Doch die Fragen mehrten sich. Wo lag der Ursprung des Ungleichgewichts? Warum zeigte sich der ewige Kreis durchbrochen? Wie sollte sie ohne die Kraft der Vier bestehen?

Mit dem Rücken am Baum des Lebens ruhend blickte sie in ihren Schoß. Dort fand sich ein offener Laubkranz, geflochten aus dem Geäst des immergrünen Lebensbaumes. Darin verwachsen vier Manifestationen, rot, blau, weiß, braun. Lodernd, wogend, wehend, tragend. Haza, Awa, Baha, Ten. Eine Bündelung der Vier, ein Fokus der Kraft, sich gegenseitig bändigend und erhaltend. Antrieb, Nachgiebigkeit, Flexibilität und Beständigkeit, des Trägers zu stabilisieren und kanalisieren. Sa’shiya legte das Band behutsam auf ihr Haupt, ließ Kraft und Einklang wirken, knüpfte ein Bündnis mit diesem Ort, ein Bündnis mit den Vier, ein Bündnis, das Gleichgewicht zu erneuern und den ewigen Kreis wieder zu schließen.

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