Wie man eine Ilharess vermisst - (der Preis ist die Verantwortung)
Lyr'sa Ky'Alur
Mehrfach hatte Lyr'sa den Auftrag nun schon gelesen. Hatte die einzelnen Worte sorgfältig abgewoen, als könnte sich darin irgendwo eine versteckte, übersehen Lösung verbergen, die sie bislang übersehen hatte. Doch egal wo oft sie es drehte, es wendete – das Ergebnis blieb dennoch das Selbe. Sie sollte für die Ilharess etwas etwas anfertigen. Etwas passendes, etwas maßgefertigtes. Und genau das war das Problem. Lyr'sa hatte nicht die geringste Ahnung davon welche Maße die Ilharess hatte. Der Gedanke die Ilharess kurzerhand zu fragen schoss ihr für einen kurzen Moment durch den Kopf, aber sie verwarf diesen umgehend. Allein der Gedanke daran vor der Ilharess zu stehen bereitete ihr Magenschmerzen. Und dann noch um Erlaubnis zu bitten, für etwas was ein Geschenk – eine Überraschung – sein sollte. Ihr wurde schlecht. Dies war kein Weg, den man als gesunder Drow einschlug, wenn man sein Leben und seinen kopf behalten wollte. Es blieb nur eine Möglichkeit, die in ihren Augen nicht nur sinnvoll, sondern geradezu genial war: Sie würde die Maße heimlich nehmen. Unauffällig – versteht sich. Präzise. Und natürlich überaus professionell! Ein Plan der in der Theorie hervorragend klang und in der Praxis bereits beim ersten Versuch begann, deutliche Schwächen zu zeigen. Im hinteren Bereich des Thronsaals hatte sie sich unauffällig hinter einer der hohen Säulen positioniert, halb verborgen, halb so, als würde sie dort rein zufällig stehen. In Ihren Händen hielt eine Schnur, in die sie Knoten knotete, jeder davon eine Markierung, eine Schätzung gedacht als Markierung für die geschätzte Länge. Während ihr Blick immer wieder zur Ilharess wanderte, die sich mit dieser unantastbaren Selbsterständlichkeit bewegte, versuchte Lyr'sa, die breite der Schulter, die Armlänge, vor allem aber die breite der Hüften und Länge der Beine abzuschützen und in brauchbare Maße zu übersetzen. Leider war ihr „unauffälliges Beobachten“ nach einiger Zeit zu einem intensiven Starren verkommen, das selbst einem minder aufmerksamer Wächter hätte auffallen müssen. Als sich letztlich eine von Ihnen in ihre Richtung bewegte, presste Lyr'sa sich so abrupt gegen die Säule, dass Sie beinahe fürchtete ihr Hinterkopf hätte den polierten Marmor zertrümmern können. „Au...“, entfuhr es ihr und rieb sich den Hinterkopf. Sie hielt die Luft an, spürte ihr Herz schlagen und war überzeugt, dass dies so laut war, dass man es im ganzen Saal hören musste. Die Schritte kamen näher. Stoppten. Verharrten an Ort und Stelle, und entfernten sich dann zögerlich. Erst als Sie hörte wie sich die Schritte entfernten wagte sie es wieder zu atmen, wobei sie sich kaum eingestehen wollte, wie knapp das gewesen war. Der zweite Versuch war nicht weniger riskant. Anders zwar, aber nicht weniger chaotisch. Diesmal sollte es einer der Korridore sein, durch den Jhea’kryna regelmäßig schritt. Ausgestattet mit einem Stück Kohle stellte sie sich an die Wand. Sie tat so, als würde sie die Beschaffenheit des Steins prüfen, während sie in Wirklichkeit kleine, hastige Markierungen setzte, die ungefähr die Höhe von Schultern und Kopf widerspiegeln sollten. Sie redete sich selbst ein, dass dies hier vollkommen plausibel wirken musste. Doch in Wahrheit war es eher eine Ansammlung halbherziger Striche, die nur für sie selbst Sinn ergaben. Gerade als sie einen weiteren Strich setzte und innerlich begann, ihre Methode als funktionierend zu akzeptieren, erklang hinter ihr eine Stimme. Das schlichte „Du!“ reichte aus, um sie in der Bewegung erstarren zu lassen. Als sie sich umdrehte, stand dort eine der Schweigenden Schwestern. Reglos, lautlos, ihr Gesicht hinter dem Schleier verborgen. Lyr’sa reagierte instinktiv. Wie immer viel zu schnell und viel zu laut, indem sie irgendetwas von „Wandstruktur“ stammelte und demonstrativ gegen den Stein klopfte. Die Schwester antwortete nicht. Sie taten es nie. Doch das leichte Anheben ihres Kopfes genügte, um Lyr’sa klarzumachen, dass sie keineswegs überzeugt hatte. Mit einem schiefen, angespannten Lächeln schob sie sich langsam an der Gestalt vorbei, zwang sich zu ruhigen Schritten, bis sie außer Sichtweite war. Beim dritten Versuch war Lyr’sa bereits so tief in ihrem eigenen Plan gefangen, dass sie ihn nicht mehr hinterfragte. Sie lag flach auf dem Bauch hinter einer Bank, den Blick knapp über die Kante gerichtet, und beobachtete erneut jede Bewegung der Ilharess. Diesmal hatte sie ein Stück dünnen Draht dabei, den sie spannte, um Längen direkt vergleichen zu können, überzeugt davon, nun endlich eine Methode gefunden zu haben, die tatsächlich funktionierte. Für einen kurzen Moment fühlte es sich sogar so an, als würde alles aufgehen, als würde sie die nötigen Maße tatsächlich erfassen können, ohne aufzufallen. Dieser Moment endete abrupt, als eine Wache, offenbar ebenso wenig auf sie vorbereitet wie sie auf ihn, über sie stolperte und halb auf ihr landete. Der Zusammenstoß war weder leise noch elegant, der Draht verbog sich in ihrer Hand, und ihre mühsam erarbeiteten „Messungen“ waren mit einem Schlag wertlos geworden. Noch bevor die Wache richtig begriff, was geschehen war, hatte Lyr’sa sich bereits unter ihm hervorgewunden, war aufgesprungen und im nächsten Gang verschwunden, getrieben von nichts anderem als dem instinktiven Bedürfnis, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und diese Situation zu bringen. Erst in der Sicherheit ihres eigenen Hauses kam sie wieder zur Ruhe, lehnte sich schwer gegen die Tür und betrachtete das Chaos in ihren Händen – die verknotete Schnur, die ungenauen Markierungen in ihrem Kopf und den verbogenen Draht, der von ihrer „genialen“ Idee übrig geblieben war. Es dauerte einen Moment, bis sie sich eingestand, was eigentlich offensichtlich war: Kein einziges dieser Ergebnisse war brauchbar. Für einen flüchtigen Augenblick kam ihr erneut der Gedanke, dass es vielleicht doch einfacher gewesen wäre, einfach zu fragen. Doch ebenso schnell, wie dieser Gedanke aufkam, wurde er wieder verdrängt. Lyr’sa verzog das Gesicht leicht, schüttelte kaum merklich den Kopf und murmelte leise vor sich hin, dass es ganz sicher noch einen anderen Weg geben musste – einen besseren, einen unauffälligeren, einen, der nicht damit endete, dass sie von Wachen entdeckt oder von den Schweigenden Schwestern durchschaut wurde.
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