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Die Bindung des Elementars

Zynrae Ky`Alur

Zynrae schritt neben Lyr'sa in die Mine in Elashinn, ihr Auftrag war klar. Sie mussten einen Elementar finden und binden. Lyr'sa würde die körperliche Arbeit übernehmen und hatte ihre Hacke geschultert, als wäre sie eine natürliche Verlängerung ihres Körpers. Stumm liefen beide nebeneinander her, nur das leise Echo ihrer Schritte begleitete sie in die Tiefe. Zynrae war in die Vorbereitung der Zauber versunken. Es waren Formeln, die sie bisher eher selten angewendet hatte. Sie war zwar gut vorbereitet und hatte sie mehrfach erfolgreich gewoben, doch jeder Magier wusste, dass es einen gewaltigen Unterschied machte, Zauber in ruhiger Umgebung ohne Ablenkung zu wirken oder wenn es wirklich darauf ankam und die Situation drohte, außer Kontrolle zu geraten. Mit langen, gleichmäßigen Schritten drangen sie weiter in die Mine vor. Zynraes Schatten wehte hinter ihr her wie ein dunkler Umhang, lebendig und doch kontrolliert, und mit einem zufriedenen Lächeln bemerkte sie keinerlei ungewöhnliches Zucken darin. Sie spürte es auch in sich selbst, das Mana kreiste ruhig und stetig durch sie hindurch, ein gleichmäßiger Fluss. Eine gute Ausgangsbasis.

Zunächst galt es, die Erzader zu finden. Zynrae hatte sich von Lyr'sa ein Stück des Erzes geben lassen. Wie selbstverständlich beschwor sie ihre Schatten. Schwarze Schwaden drangen aus ihren Händen hervor, flossen über den Boden und wirbelten dann wieder zu ihrer Gestalt hinauf, als wollten sie sich nicht zu weit von ihr entfernen. So gefügig heute? Ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie streckte die Hand aus und übergab den Schatten das Metall. Ein kurzes Aufwallen der Dunkelheit, wie eine stumme Frage. Zynrae beantwortete sie mit einer kleinen Menge Mana, die sie in die Schatten fließen ließ. Eine knappe Handbewegung in Richtung Boden und die Dunkelheit verteilte sich in der Mine, strich über den Stein, kroch durch Risse und drang in das Gestein ein. Zynrae schloss die Augen und wartete. Dann spürte sie es. Ein kurzes Rucken tief in ihrem Inneren. Sie zog ihre Schatten zurück. An einer Stelle blieben sie haften, weigerten sich zurückzukehren. Hier waren sie richtig.

Lyr'sa begann sofort mit der Arbeit, ohne ein Wort zu verlieren. Der Rhythmus ihrer Schläge hallte durch die Mine. Zynrae stand etwas entfernt, ließ ihre Schatten mit Bedacht um Lyr'sa herum wabern. Sie wollte vorbereitet sein, falls der Elementar auftauchte. In Gedanken ging sie die Beschwörung immer wieder durch. Wird schon schiefgehen. Als der Elementar dann auftauchte, musste sie dennoch unwillkürlich einen Schritt zurückweichen. Aber auch wenn ihr Körper sie verriet, übernahm die Routine sofort die Führung. „Ex Por Xen.“ Ihre Stimme blieb ruhig, kontrolliert. Ihr Verstand formte den Zauber und dunkle Ketten schossen aus der Dunkelheit hervor, wanden sich um die Gestalt und stießen dann tief in das Metall ein. So weit, so gut.

Doch der Elementar verhielt sich merkwürdig. Er schien mit ihnen kommunizieren zu wollen, spuckte immer wieder Steine auf den Boden, als versuche er etwas mitzuteilen. Wie konnte er sich überhaupt noch bewegen? Zynrae griff tiefer in sich hinein, ließ mehr Mana in die Ketten fließen, doch es schien den Elementar kaum zu interessieren. Angespannt fuhr sie sich mit der Hand durch die Haare. So ’ne Scheiße. So kam sie nicht weiter. Ein leises Gebet verließ ihre Lippen, kaum mehr als ein Hauch. Eine stille Bitte „ori'gato dosst orn tlu xunor areion ussta faer [lass deinen Willen durch meine Magie wirken]“. Sie erwartete nicht, erhört zu werden. Und zunächst geschah auch nichts. Doch dann brandeten ihre Schatten auf, wirbelten um sie herum, lebendiger als zuvor. Eine klare Stimme wisperte an ihr Ohr „tlu ussta klev [sei mein Werkzeug].“ Zynrae neigte leicht den Kopf in stummer Antwort und überließ sich der Führung. Etwas legte sich über ihre Schatten, veränderte ihre Form, machte sie dichter und schärfer. Der Elementar kam zur Ruhe.

„Por Xen.“ Ihre Stimme war fest. Die Ketten zogen den Elementar Schritt für Schritt voran in Richtung des Tempels. Die Dienerinnen traten erschrocken zurück, einige Yathrin kamen ihnen erbost entgegen. „Ein Auftrag der Malla Yathalar Calamantalea. Ihr wollt sie doch sicher nicht verärgern.“ Ob sie ihren Worten glaubten oder die veränderte Energie spürten, es war Zynrae gleichgültig. Sie machten den Weg frei.

Sie führte den Elementar hinab in den Keller. Ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie an der Hexe vorbeischritt. Noch immer wehrte sie sich gegen den Zauber, der auch sie hier band. Zynrae neigte kurz respektvoll den Kopf. Sie schätzte einen kämpferischen Geist. Und diese Hexe würde wohl nicht so schnell aufgeben. Was dich nur noch wertvoller als Opfergabe macht. Für einen Moment war sie versucht, die Fesseln etwas zu lockern, um sie weiter anzutreiben. Doch dann verwarf sie den Gedanken. Besser, sie verausgabt sich nicht zu früh. "Ich bringe dir Gesellschaft. Ich hoffe doch, du freust dich.“

Zynrae wandte sich ab und buchsierte den Elementar in die Zelle neben ihr. Wieder griff die fremde Energie nach ihr und sie ließ sich von ihr führen. In einem Wimpernschlag erschuf sie ein arkanes Feld unter dem Elementar und verankerte die Ketten darin. Zufrieden trat sie zurück. Langsam ließ die fremde Präsenz von ihr ab. „Bwael“ in leises Flüstern. Zynrae schloss die Augen und sprach andächtig Worte des Dankes. Dann verließ sie den Tempel und ging eiligen Schrittes in die Sorcere. Sie musste ihre Erinnerungen an den veränderten Zauber dringend niederschreiben, bevor sie verblassten.

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