Flammen über Minoc
Talea Eisklang
Talea stand ein wenig ratlos in dem Schlafzimmer dieses Kunrad und betrachtete seinen angesenkten bewusstlosen Körper auf dem Bett. „Zieht ihm seine Kleidung aus“, hatte sein Bruder Filligo ihr zugeworfen, ehe alle fluchtartig den Raum verlassen hatten, um Hilfe oder Medizin aufzutreiben oder was auch immer ihnen in den Sinn kam. So hatte sie sich die Audienz in Minoc wahrlich nicht vorgestellt. „Tja, dann lernen wir uns jetzt wohl besser kennen, als wir beide heute gedacht hätten.“ Die Frostelfe schmunzelte kurz über ihre eigenen Worte, betrachtete kopfschüttelnd noch einen Moment die Szenerie und machte sich dann daran, die Schnallen des Kettenhemdes zu öffnen. „Auch wenn der heutige Tag sicherlich ein gutes neues Lied ergeben wird.“ Das Metall war immer noch warm von der Hitze und die Stoffkleidung an den Säumen verbrannt. Meridon, der Barbar, hatte ihn gerade noch rechtzeitig aus den Flammen des Rathauses gezogen. Ein Glück, dass er dabei gewesen war. Ohne seine Kraft wären sie dem Fackelmob wohl ausgeliefert gewesen, der sich erstaunlich schnell vor dem Rathaus formiert hatte, nachdem sie dem Bürgermeister ins Innere gefolgt waren. Die Leute draußen hatten etwas wegen Ettins, Trollen und Orks geschrien, die nicht in die Stadt gehörten. Um die Lage zu entschärfen, hatte die Orkin die Gruppe vor aller Augen das Treffen vorzeitig verlassen. Doch selbst das hatte die Menge nicht beruhigt. Stattdessen waren es immer mehr geworden, bis schließlich die ersten Fackeln auf das Dach des Rathauses flogen, das schneller Feuer fing als gedacht. Als die Flammen das Gebäude erfasst hatten und sich die Räume langsam mit Rauch füllten, hatte Meridon kurzerhand ein Fenster auf der Rückseite aus der Wand gebrochen, gleich gefolgt von einem guten Stück Mauer. So waren sie alle dem Feuer entkommen. Hustend und halb blind vor Rauch hatten sie sich ins Freie gerettet, direkt Filligo in die Arme. Nur Kunrad war nicht mit ihnen herausgekommen. Meridon hatte nicht lange gezögert, Taleas Umhang als Schutz über Mund und Nase gebunden und war erneut in das Flammenmeer zurückgekehrt. Wenig später hatte er den fast bewusstlosen Körper Kunrads durch den improvisierten Hinterausgang geschoben. Dafür wird mehr als eine Flasche Alkohol als Dank notwendig sein. Sie erinnerte sich noch gut an den fiebrigen Blick des Barbaren zuvor am Besprechungstisch mit dem Blick auf der Flasche. Zu dritt hatten sie Kunrad schnell in das Haus der Brüder gebracht, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Zu sehr war die tobende Menge von dem Spektakel am Haupteingang abgelenkt gewesen. Kunrad musste irgendwann ganz das Bewusstsein verloren haben, aber immerhin atmete er noch regelmäßig, wenn auch deutlich flacher als zuvor. Mehrfach hatte Talea ihm eingehüllt in den Rauch versichern müssen, dass sie nichts mit einem früheren Angriff auf die Stadt zu tun hatten. Als ob diese Menschen farbenblind wären. Man erkannte doch deutlich, dass sich die hiesigen Orks stark von jenen der Eisinsel unterschieden. Und warum war es überhaupt zu diesem Überfall gekommen? Es erinnerte Talea einmal mehr daran, wie wichtig klare Führung und Ordnung waren, damit die Orks nicht einfach ihrem eigenen Willen freien Lauf ließen. Ein schwieriger Balanceakt, den die Frostelfen über lange Zeit perfektioniert hatten. Gute Berater sein, aber ebenso durchsetzungsfähig, wenn es darum ging, die Völker an ihr gemeinsames Ziel zu erinnern. Ein wohl platziertes Wort hatte schon immer viel bewegt. Das wusste Talea nur allzu gut. Oft war es an ihr gewesen, der Gemeinschaft in ruhigen Stunden Trost, Hoffnung oder Freude mit ihren Liedern zu schenken. Und manchmal hatte ein einziges Lied mehr Frieden geschaffen als zehn gezogene Schwerter. Aber eine hübsche Melodie würde ihr wohl kaum helfen, dieses widerspenstige Kettenhemd endlich auszuziehen. Mit einem leisen genervten Laut stemmte sie sich gegen die verbogenen Schnallen, bis das Material schließlich nachgab. Mit geschickten Fingern zog sie das schwere Hemd aus und ließ es achtlos zu Boden fallen. Der Rest der Kleidung stellte kein Problem dar und so betrachtete sie den nackten Körper einen Moment mit leicht stolzem Blick, gerade als sein Bruder und der Barbar mit Wasser und Bandagen zurückkehrten. Filligo übergab ihr die Sachen ganz selbstverständlich. Doch beim Anblick der verbrannten Haut an vielen Stellen schüttelte sie nur den Kopf. „Ich bin keine Heilerin. Wir brauchen richtige Hilfe.“ Sie wandte sich an Meridon. „Such die Hexe im Lager. Wenn kein menschlicher Heiler in der Nähe ist.“ Meridon verließ eilig das Schlafzimmer und wenig später steckte die Hexe bereits halb im Kamin des Hauses fest. Talea musste sich kurz das Lachen verkneifen, während Filligo ihr dabei half, die Orkin aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Als die Hexe schließlich Kunrads Wunden versorgte, war Talea allerdings unschlüssig, ob er über diese Art der Hilfe im Nachhinein wirklich dankbar sein würde, bei dem, was die Hexe da zusammenmischte, roch es eher nach Sumpfbrühe als nach Medizin. Aber immerhin würde er überleben. Nach einem Trank seines Bruders und der Behandlung der Hexe sah Kunrads Gesichtsfarbe bereits deutlich besser aus. Seine Atmung wurde tiefer und ruhiger, bis er schließlich in einen entspannten Schlaf fiel. Erst dann kehrten sie eilig in ihr Lager zurück. Beiträge in diesem Thread
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