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Ein Brief im Wind

Yllaria

Yllaria hatte sich in den Kirschbaum vor Are’vins Haus zurückgezogen. Sie war viel zu neugierig, um die Gegend nicht auch bei Tageslicht erkunden zu wollen. Zwischen den blühenden Zweigen verborgen, ließ sie ihren Blick über sein Haus und die umliegenden Gebäude gleiten. Sie hätte nicht gedacht, dass es derart viel zu entdecken geben würde. Überall fanden sich kleine Details, die von Geschichten und Erinnerungen zu erzählen schienen. Der Lichtelf wirkte nicht wie jemand, der sein Herz derart an Gegenstände hing. Und doch schienen viele Dinge hier sorgsam ausgewählt und bewahrt worden zu sein.

Die Waldelfe wickelte sich etwas fester in ihren Umhang und dachte an seine Worte. Sie könnte der Dunkelheit verfallen.

Ein leises Schmunzeln glitt über ihre Lippen, als sich Nathans vertraute Präsenz in ihre Gedanken schob. Aî verfallen war wohl der falsche Begriff für das, was sie verband. Aber sie verstand, weshalb es von außen so wirken mochte. Verbindungen waren eine komplizierte Sache, und die zwischen ihr und Nathan besaß so viele Ebenen, dass sie sie selbst nicht immer vollständig erfassen konnte.

Sie hatte tatsächlich eifersüchtig reagiert, als Are’vin Nathan um einen Spaziergang gebeten hatte. Natürlich verstand sie, dass es dabei um etwas völlig anderes gegangen war. Dennoch hatte sich das Gefühl in ihr ausgebreitet, ehe sie es hatte verhindern können. Die Waldelfe schüttelte leicht den Kopf über sich selbst. Eifersucht, und noch dazu eine so ungerechtfertigte, war eher eine Emotion der Tala‘a. Sie selbst begrüßte im Grunde jede Art von Verbindung. Für sie war Nähe etwas Natürliches, das wachsen durfte, ohne andere Bindungen zu schmälern.

Der Dunkelheit verfallen. Erneut drehte sie die Worte in ihrem Geist hin und her. Unwillkürlich musste sie an den Moment denken, in dem sie Nathan heute erblickt hatte. An die leise Melodie, die in ihr zu klingen begonnen hatte. An ihre eigene Magie, die darauf geantwortet hatte, als hätte sie etwas längst Vertrautes wiedererkannt. An diesen Drang, zu ihm zu gehen und wenigstens für einen Augenblick seine Hand zu berühren, den sie nicht immer unterdrücken konnte. Freude, Licht und Vertrautheit hatten ihren Geist erfüllt. Dunkelheit hatte sie dabei nicht gespürt. Ganz im Gegenteil. Vielleicht war es eher so, dass die Dunkelheit dem Licht verfallen war, wenn sie Nathans Reaktion richtig deutete. Nun, sie würden das schon noch herausfinden.

Und war es überhaupt so einfach? Entweder Licht oder Dunkelheit? Yllaria bezweifelte das. Die Welt war voller Widersprüche und Dinge, die sich nicht so leicht einordnen ließen. Vielleicht lag die Stärke des Lichts nicht darin, die Dunkelheit zu verdrängen, sondern sie tragen zu können, ohne sich von ihr bestimmen zu lassen.

Aî Vertrauen in die Verbindung. Nicht die Gewissheit, jeden Schritt des Weges bereits zu kennen, sondern darauf zu vertrauen, dass er sich zeigen würde, wenn die Zeit gekommen war. Dass eine Verbindung ihren Sinn nicht verlor, nur weil man ihn noch nicht vollständig verstand.

„Was mich tröstet, wenn mein Geist alten schönen Erinnerungen nachhängt, ist die Gewissheit, dass einige der schönsten Tage meines Lebens noch vor mir liegen.“

Ihre Worte an Are’vin klangen in ihr nach und erfüllten sie mit einer stillen Wärme.

Yllaria zog Pergament und Feder aus ihrer Tasche. Sie hatte heute kaum mit Nathan gesprochen. Wenigstens ein paar Zeilen wollte sie ihm noch schicken. Und zugleich ein nächstes Treffen vereinbaren. In ihrer leicht geschwungenen Handschrift notierte sie:

"Ich danke dir, dass du heute zu Besuch warst. Lass unsere nächste Begegnung nicht wieder vom Zufall bestimmt sein. Treffen wir uns in drei Tagen auf unserer Lichtung."

Sie betrachtete die Zeilen einen Moment lang und verzog leicht das Gesicht. Irgendwie war sie unzufrieden mit dem Brief. Die Worte wirkten nüchtern und viel zu sachlich für das, was sie empfand. Gleichzeitig wollten ihr keine besseren Zeilen einfallen.

Nachdenklich zog sie eine Blume aus ihrer Tasche. Sie hatte sie eigens dort aufbewahrt. Es war eine jener seltenen, wunderschönen Blüten, die sich normalerweise nur in der Mittagssonne öffneten und die sie mit ihrer Magie für ihn unter dem Schein der Sterne hatte erblühen lassen. Allein die Erinnerung daran ließ ihr Herz leichter werden. Das sanfte Licht der Sterne hatte die Farben auf eine ganz andere Weise sichtbar gemacht. Gedämpfter, geheimnisvoller und zugleich intensiver. Es war eine jener Erinnerungen, die nicht verblassten, sondern mit der Zeit nur wertvoller wurden. Und einige der schönsten Erinnerungen lagen noch vor ihnen. Yllaria war sich sicher, dass dem so war. Behutsam legte sie die Blüte zwischen die Seiten und faltete das Pergament zusammen. Ein leichter Wind fuhr durch ihre Haare. Die Waldelfe strich lächelnd einige Strähnen hinter ihr Ohr und schloss für einen Moment die Augen. Dann übergab sie das Pergament mit einem leisen Dank auf den Lippen den Windsbräuten. Es war ein wirklich schöner Zauber, den ihre Magie auf Anhieb verstanden hatte.

Ruhe erfüllte nun ihren Geist und sie ließ sich in ihre Meditation sinken.

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